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Interview mit Dresden-Preis-Gewinner Stanislaw Petrow: „Ich habe nur meinen Job getan“

Interview mit Dresden-Preis-Gewinner Stanislaw Petrow: „Ich habe nur meinen Job getan“

Stanislaw Petrow, ein früherer Offizier der Sowjetarmee, hat den mit 25.000 Euro dotierten „Dresden-Preis“ erhalten. Der heute 73 Jahre alte Stanislaw Petrow hatte im September 1983 als Diensthabender im sowjetischen Raketenabwehrzentrum bei Moskau die Nerven behalten, als ein Computer fälschlicherweise einen Angriff aus den USA meldete.

Der studierte Mathematiker und Ingenieur verließ sich auf seinen Verstand und nicht auf Befehle. 30 Jahre später wird er in einer Stadt geehrt, die im Krieg schwer leiden musste. Die Nachrichtenagentur dpa sprach mit Petrow über die entscheidenden Momente in der Kommandozentrale.

Herr Petrow, Sie haben damals entgegen militärischer Logik gehandelt. War das mehr Bauchgefühl oder hatten Sie so etwas schon vorher durchgespielt?

Stanislaw Petrow : „Natürlich wurde das immer wieder durchgespielt. Es gab regelmäßig Übungen für die Besatzungen. Man hat eine reale Gefechtssituation simuliert und wir haben geübt. Man wusste aber in der Regel, dass es sich um eine Übung handelt. Der Ausgang war klar. Wir haben das geübt, um im Ernstfall die Algorithmen automatisiert und so schnell es geht abzuarbeiten. Der Ernstfall war dann viel komplizierter als alles, was wir bei unseren Übungen gelernt hatten. Es war für mich außerordentlich schwierig, mich dafür zu entscheiden, dass der Computer einen falschen Alarm ausgelöst hatte.“

Aber warum blieb Ihr Druck auf den Alarmknopf letztlich aus?

Petrow: „Ich hatte furchtbare Angst. Denn ich wusste in diesem Augenblick ganz genau: Wenn ich eine falsche Entscheidung treffe, gelangt sie auf dem Dienstweg bis zur militärpolitischen Führung. Und dort würde mich niemand korrigieren. Das Bauchgefühl ist nur die eine Sache. Bauchgefühl ohne Wissen bringt nichts. Ich war selber an der Entwicklung des Abwehrsystems beteiligt und habe es ganz genau gekannt. Ich war zum Diensthabenden Offizier eingeteilt, ohne ein solcher zu sein. Einmal pro Monat mussten aber auch die Ingenieure ran. Das war Glück. Ein reiner Militär hätte wohl in diesem Augenblick seinen eigenen Algorithmus abgespult.“

Konnten Sie sich in dieser Extremsituation mit jemandem absprechen?

 

Petrow : „Ich konnte mich mit niemandem beraten. Es ging die sogenannte Festbeleuchtung im Gefechtsführungszentrum an. Die Sirene heulte los und auf dem Bildschirm lief in großen Buchstaben das Wort „Raketenstart“. Der Computer zeigte den US-amerikanischen Stützpunkt an, von dem die Raketen angeblich gestartet waren. Unser Computer gab die Wahrscheinlichkeit des Angriffs mit „maximal“ an. Das bedeutete 100 Prozent. Es existierten noch zwei weitere Abstufungen - eine mittlere und eine niedrige Wahrscheinlichkeit.“

Verfolgt Sie dieser Augenblick heute noch in Ihren Träumen?

Petrow : „Nein, überhaupt nicht. Ich war der Ansicht, meinen Job gemacht zu haben. Das Frühwarnsystem war ein ausgesprochen komplexes und kompliziertes System, das konnten sich damals nur zwei Staaten auf der Welt leisten, die USA und die Sowjetunion. Bei uns wurde es unter enormem Zeitdruck aus dem Boden gestampft, die Amerikaner hatten es schon. Das System war mit Fehlern behaftet, die Fehler wurden nicht behoben. Das führte letztlich zu dem Fehlalarm.“ Es gibt heute zwar weniger Atomwaffen auf der Welt, aber die Welt ist nicht sicherer geworden.

Wie bewerten Sie das als Techniker?

Petrow: „Die Welt ist wirklich nicht sicherer geworden. Die Kernwaffen breiten sich immer weiter aus. Selbst Pakistan hat welche. Man müsste darauf pochen, dass der Vertrag zur Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen eingehalten wird - das wird er aber nicht. Immer mehr Länder verschaffen sich Zugang zu Kernwaffen, man denke an Nordkorea. Nein, ich bin der Ansicht, dass wir gegenwärtig noch nicht in der Lage sind, eine Weiterverbreitung von Kernwaffen zu verhindern.“

Jörg Schurig, dpa

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