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Industrieforschung im Osten ist auf Partnersuche

Angewandtes Wissen: Industrieforschung im Osten ist auf Partnersuche

Manchmal fühlt sich der Dresdner Wissenschaftler Steffen Tobisch wie ein Astronaut - obwohl er genau wie die Kollegen seines Institutes für Holztechnologie (IHD) fest am Boden verwurzelt ist: „Wir schweben so ein bissel im luftleeren Raum“, sagt der 50-Jährige.

Quelle: dpa

Dresden. Manchmal fühlt sich der Dresdner Wissenschaftler Steffen Tobisch wie ein Astronaut - obwohl er genau wie die Kollegen seines Institutes für Holztechnologie (IHD) fest am Boden verwurzelt ist: „Wir schweben so ein bissel im luftleeren Raum“, sagt der 50-Jährige. So richtig fühle sich keiner in Deutschland für Industrieforschung verantwortlich. Wer hierzulande nach anwendungsorientierter Forschung frage, bekomme zuerst den Namen Fraunhofer genannt. Dabei sei das Spektrum viel breiter.

„Wir werden nicht bemerkt, vieles geht an uns vorbei“, sagt Tobisch und verweist auch auf Sachsens Wissenschaftsministerium. Dort kümmere man sich vor allem um institutionell geförderte Häuser. Eine Wiederaufnahme in diese Förderkategorie sei derzeit aus finanziellen Gründen nicht geplant, lautet die Antwort aus dem Ministerium. Ob eine stärkere Projektförderung durch veränderte Förderrichtlinien möglich sei, werde derzeit geprüft, allerdings stünden insgesamt zu wenig Fördermittel für die Institute zur Verfügung.

Warum Gegenwind weht, kann sich Tobisch nicht erklären. Dabei wäre man auf eine Investitionsförderung dringend angewiesen: „Unser Problem ist nicht die Förderung von Projekten.“ Aber wenn ein potenzieller Partner aus der Industrie in den Instituten vorbeischaue und dort eher eine Bruchbude sehe, gehe er lieber woanders hin.

Der Teufel liegt in diesem Fall in der Struktur. Häuser wie das IHD sind gemeinnützig und zielen nicht vorrangig auf Profit ab. Deshalb hat das Institut eine gewerbliche Tochter gegründet - die Entwicklungs- und Prüflabor Holztechnik GmbH - und bietet nun Dienstleistungen für die Industrie. Mit dem hier verdienten Geld wird die Forschungskasse ergänzt. Denn dort klafft in der Regel ein Loch. Die übliche Forschungsförderung liegt derzeit bei 70 Prozent der Aufwendungen. Den Rest müssen das Institut oder Partner selbst besorgen.

Tobisch pocht deshalb auf eine staatliche Investitionshilfe. Nur so könne man für klein- und mittelständischen Firmen (KMU) attraktiv bleiben. Tatsächlich machen die Institute 60 bis 80 Prozent der Umsätze mit den KMU. Denen fehlt in der Regel das Personal für eigene Forschung, sie sind auf Kompetenzen der Institute angewiesen. Tobisch sieht noch einen anderen Vorteil: „Wir sprechen die Sprache der Industrie. Grundlagenforscher denken mitunter in anderen Kategorien.“

Um endlich Boden unter den Füßen zu bekommen, haben 18 Institute aus Sachsen den Interessenverband der Industrieforschungsgemeinschaften (SIG) gegründet. Unter Wahrung der wirtschaftlichen Selbstständigkeit seiner Mitglieder werden dort Kooperationen gepflegt und Kompetenzen zusammengelegt. Inhaltlich hat man sich auf die Material, Technologie- und Verfahrensentwicklung in Zukunftsbranchen konzentriert: Werkstoffe und Materialien, Energie und Umwelt, Mensch und Gesundheit, Mobilität, IT und Digitalisierung sowie Technologie.

Es geht um Material wie Holz, Textil, Leder, Kunststoff, Glas oder Keramik. In den Instituten arbeiten Biologen, Physiker, Chemiker und andere Naturwissenschaftler - nur Geisteswissenschaftler fehlen. Das Textilforschungsinstitut in Chemnitz hat beispielsweise für einen Snowboard-Hersteller textile Strukturen zur Verstärkung von Holz entwickelt. Das Forschungsinstitut für Leder und Kunststoffbahnen in Freiberg hat für die Autohersteller Audi und BMW Polster kreiert, die mit einer passiven Belüftung ein Bioklima mit Bakterien und Algen verhindern sollen.

Das Institut für Luft- und Kältetechnik arbeitet an Containern für Flüchtlingslager in heißen Ländern, bei denen die Sonneneinstrahlung für Kühlaggregate genutzte werden kann. Laut Tobisch haben Projekte oft ein Volumen von 300 000 bis 350 000 Euro. Größere Partner könnten die 30 Prozent Kofinanzierung eher aufbringen als kleine Firmen: „Eine Möglichkeit besteht darin, erfolgsabhängig am späteren Produkt zu partizipieren und darüber eine Refinanzierung abzuwickeln. Wir streben auf jeden Fall langfristige Partnerschaften an.“

Was die SIG für Sachsen ist, gibt es auch auf Bundesebene. Im Januar 2015 entstand in Berlin die Zuse-Gemeinschaft. Aktuell hat sie 75 Mitglieder, 48 von ihnen kommen aus Ostdeutschland. Auch bei Zuse wird Lobbyarbeit großgeschrieben. „Das Problem der fehlenden Grundfinanzierung besteht nicht nur in Sachsen, sondern bundesweit. Lediglich Baden-Württemberg gewährt seinen Instituten eine Grundfinanzierung“, erklärt die Zuse-Gemeinschaft. In einigen wenigen Bundesländern bekämen die Institute einen Sockelbetrag. In den neuen Bundesländern gebe es nicht mal das.

„Für unsere Forschungseinrichtungen ist eine passgenaue und verlässliche Projektförderung von großer Bedeutung. Das bestehende Förderprogramm INNO-KOM-Ost sollte im ersten Schritt ab 2017 auf strukturschwache Regionen in Westdeutschland ausgeweitet oder sofort für ganz Deutschland geöffnet werden“, sagt Zuse-Präsident Ralf-Uwe Bauer, der zugleich Direktor des Thüringischen Instituts für Textil- und Kunststoff-Forschung in Rudolstadt ist. Die Zuse-Gemeinschaft verlangt für ihre evaluierten Institute ferner ein Bundesprogramm von 50 Millionen Euro, um die technische Infrastruktur zu stärken.

dpa

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