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„Ich bin kein Heiliger“ - Vom Hotelier zum Heimleiter

Bautzen „Ich bin kein Heiliger“ - Vom Hotelier zum Heimleiter

Peter-Kilian Rausch sitzt am Schreibtisch des ehemaligen Spreehotels im sächsischen Bautzen. Knapp zwei Jahre ist es her, als aus dem Hotelier ein Heimbetreiber wurde, aus dem Tagungshotel eine Flüchtlingsunterkunft. „Vielleicht war ich sogar der erste deutschlandweit, der diesen Schritt wagte“, sagt der 56-Jährige.

Quelle: dpa

Bautzen. Wenn die Sonne scheinen würde, würde Queen Elisabeth winken. An diesen Tag regnet es - und ihre Majestät steht so still, als würde sie die Parade zum Thronjubiläum abnehmen. Peter-Kilian Rausch schaut zur Solar-Figur auf dem Fensterbrett. „Ich mag die englische Königin. Ihre Tochter, Prinzessin Anne, habe ich 1986 zu ihren Geburtstag im Intercontinental in London bedient“, sagt er. Es sind Geschichten aus einer anderen Zeit.

Rausch sitzt am Schreibtisch des ehemaligen Spreehotels im sächsischen Bautzen. Knapp zwei Jahre ist es her, als aus dem Hotelier ein Heimbetreiber wurde, aus dem Tagungshotel eine Flüchtlingsunterkunft. „Vielleicht war ich sogar der erste deutschlandweit, der diesen Schritt wagte“, sagt der 56-Jährige.

Das Areal schützt ein mehr als mannshoher Stahlzaun, jede Ecke des Grundstücks ist videoüberwacht. In der ehemaligen Lobby sitzen junge Iraker, Afghanen und Syrer. Kinderlachen ist zu hören. Einige Frauen mit Kopftuch kommen vom Einkaufen aus der vier Kilometer entfernten Stadt zurück.

Rausch geht in die einstige Rezeption. Sozialarbeiter Steffen Grundmann füllt mit einem Flüchtling ein Formular aus, sein Gegenüber Uwe Günzel schaut auf den Bildschirm mit den Aufnahmen der Überwachungskameras. Acht Mitarbeiter beschäftigt Rausch, darunter einen Syrer. Als Übersetzer begleitet er die Bewohner der Unterkunft zu Ärzten oder zum Amt. Von 8 bis 24 Uhr ist ein Ansprechpartner da. Dann kommt der Sicherheitsdienst.

Der „gute Chef“, so nennen die Mitbewohner den einstigen Hotelier - und so steht es auch auf seiner Bürotür. Der gebürtige Schwarzwälder kam vor mehr als 20 Jahren in den östlichen Zipfel Deutschlands. Ein Freund hatte ihm vom Hotel erzählt, das nur einen Steinwurf entfernt vom Stausee liegt. Er hatte genug von der großen Welt, arbeitete in London und im jordanischen Amman als stellvertretender Hoteldirektor. Irgendwann suchte er eine Aufgabe jenseits des Trubels.

Der „Sozialarbeiter ohne Abschluss“, wie er sich scherzhaft nennt, ist gern mittendrin und unterwegs in dem einstigen Hotel, das an einen Blech-Beton-Kasten erinnert. In der ehemaligen Sauna stehen Waschmaschinen. Chefs sind hier unten zwei Marokkaner. Mohammed und Achmed passen auf, dass die Trommeln immer voll sind und das Waschpulver im richtigen Fach landet.

Eine Etage darüber duftet es orientalisch in der Gemeinschaftsküche. Von dort sind es ein paar Schritte zur ehemaligen Kellerbar, wo die Kleiderkammer ist. Dazu kommen Räume für Sport und das Gebet. Die Zimmer für 250 Flüchtlinge sind schlicht – zwei Betten, ein Tisch, ein Stuhl, ein Kühlschrank. Der einzige Luxus ist der Blick auf den Stausee.

Anfang 2014 schrieb Rausch rote Zahlen. „Ich stand mit den Rücken zur Wand. Ich wäre nicht mal mehr als Frühstückskellner untergekommen“, sagt der heute 56-Jährige. Als letzten Strohhalm ergriff er die Chance, mit einer Flüchtlingsunterkunft Geld zu verdienen. Mit den ersten Flüchtlingen, die im Juli 2014 einzogen, postierten sich „besorgte Bürger“ vor dem Haus. Sie riefen „Ausländer raus“. Im Briefkasten landeten Morddrohungen. In einigen Geschäften der Innenstadt hat der Heimbetreiber bis heute Hausverbot.

Das kann dünnhäutig machen. Im Fall von Rausch hat es Wut und Rückgrat erzeugt. „Wir versuchen hier in diesem Minikosmos gute Laune zu versprühen und den Leuten das Gefühl zu geben, dass ihnen geholfen wird. Ich habe nie gedacht, dass mir das so viel Spaß macht“, sagt er. Für seine Schützlinge hat er extra einen Kleinbus angeschafft, damit sie zu den Ämtern kommen. Seine Mitarbeiter unterstützen die Flüchtlinge beim Ausfüllen der unzähligen Anträge. Die Kleiderkammer im Keller nutzen inzwischen die Bewohner sämtlicher Flüchtlingsheime rund um Bautzen. Der schmächtige Mann wirkt zufrieden. Das neue Leben wirkt für ihn fast richtiger als das alte. Statt Trinkgeld bekommt er Dankbarkeit. „Aber ich bin kein Heiliger, ich bin Mensch“, sagt Rausch.

Erst vor kurzem geriet seine Wahlheimat durch einen Brand in einem geplanten Flüchtlingsheim in die Schlagzeilen. Wer die Brandstifter waren, ist noch unklar. Schaulustige hatten den Brand beklatscht. Den Wahl-Bautzener stimmt das nachdenklich: „Ich dachte, wir wären hier schon weiter.“

Trotzdem ist Rausch optimistisch. Dafür sorgen kleine Begegnungen wie jüngst, als zwei ältere Damen klingelten. Sie würden seit einem Jahr regelmäßig zu Pegida-Demonstrationen nach Dresden fahren - und sich mal persönlich ein Bild machen wollen. Nach Hause gingen sie stiller. „Friedlich können alle vorbeikommen, um zu schauen, dass hier keiner bedient wird und keiner 5000 Euro bekommt“, sagt Rausch. Im Landkreis Bautzen leben laut Landratsamt derzeit rund 3000 Flüchtlinge. 

Mit seiner Erfahrung ist Rausch längst ein gefragter Experte. Andere Betreiber von Flüchtlingsheimen schauen sich an, wie er über 20 Nationen unter einem Dach beherbergt. In Talkshows berichtet er über bürokratische Hürden oder nimmt zum Thema Kriminalität Stellung. „Ich wünsche mir mehr Pragmatismus und Gelassenheit. Ansonsten lassen wir uns eine Chance entgehen“.

dpa

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