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„Heute bebt die ganze Welt“ – Leipzig feiert Lichtfest

Friedliche Revolution „Heute bebt die ganze Welt“ – Leipzig feiert Lichtfest

Mit einem Friedensgebet, der Rede zur Demokratie und dem Lichtfest erinnerte Leipzig am Freitagabend an den 26. Jahrestag der entscheidenden Montagsdemonstration. 25. 000 Menschen säumten den Augustusplatz.

Auf dem Leipziger Augustusplatz haben am Abend tausende Messestädter das Lichtfest gefeiert und an die friedliche Revolution vor 26 Jahren erinnert.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Menschen drängen sich auf dem Augustusplatz, um eine aus mehr als 10.000 brennenden Lichtern gestaltete „89“ zu formen. Auf der Leinwand rauschen derweil Wellen der Ostsee. „Die Gedanken sind frei“, singt der Chor der Oper. Mittendrin bewegt sich Schauspieler Florian Lukas wie ein Wanderer und liest Texte aus dem „Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch. Der Philosoph, der von 1949 bis 1957 in Leipzig lehrte, hat in den 1940er-Jahren im amerikanischen Exil beschrieben, wie Träume sich erfüllen, wenn der Mensch den Sprung ins Reich der Freiheit meistert.

Es geht um den aufrechten Gang, um ein Leben mit erhobenem Haupt. Nachrichtenbilder zeigen DDR-Bürger, die 1989 in Ungarn über die offene Grenze in den Westen flüchten. Aber auch Menschen, denen heute dort der Eintritt durch Stacheldraht verwehrt wird. „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit?“ ist das Lichtfest überschrieben. Das unter der künstlerischen Leitung von Jürgen Meier umgesetzte Programm beschäftigt sich ambitioniert mit Integration und Identifikation, mit Heimat und Fremde.

Der Italiener Alessandro Zuppardo, der den Opernchor leitet, ist begeistert vom Anliegen des Festes: „Kunst braucht Freiheit und es ist ohne diese undenkbar, sich auszudrücken.“ Mittendrin sind Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), und Oliver Bierhoff, der Team-Manager der Nationalmannschaft. Am Sonntagabend kickt die DFB-Elf in der Red-Bull-Arena gegen Georgien. Die Hoffnung, dass der eine oder andere Star aufläuft, erfüllt sich aber nicht. Bundestrainer Jogi Löw hat den Spielern „Stubenarrest“ verordnet.

 

„Es ist eine Sensation, wie Leipzig sich entwickelt hat. Da wird mir warm ums Herz“, sagt Niersbach und spricht davon, dass hier vor 25 Jahren die Vereinigung der beiden deutschen Fußballverbände stattfand. Offensiv könne nun die Herausforderung, Flüchtlinge zu integrieren, angenommen werden. „Wir schaffen das, da bin ich mir ebenso sicher wie die Bundeskanzlerin“, betont Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD): „Menschen in Not müssen wir helfen.“ Wie viele andere auch, stellen Niersbach und Bierhoff Kerzen zur Erinnerung an den 9. Oktober ’89 auf.

Klare Worte des Nikolaipfarrers

An jenem historischen Tag vor 26 Jahren kam es zur bislang größten Massendemonstrationen mit über 70.000 Menschen, die vom Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) über den Ring zogen. Die Menschen rückten mit Kerzen zusammen. Ein Ruf einte sie: „Keine Gewalt“. Angesichts der Massen auf dem Ring zogen sich die Sicherheitskräfte zurück. An diesem Tag musste die schwer bewaffnete Diktatur vor dem Mut und dem Veränderungswillen Zehntausender kapitulieren. Der Anfang vom Ende der DDR war eingeläutet.

Ausgangspunkt dieser Massendemonstration war das Friedensgebet in der Nikolaikirche, das seit 1982 Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen regelmäßig organisierten. Daran erinnert Nikolaipfarrer Bernhard Stief. Seine Predigt im Gedenken an den 9. Oktober steht unter dem Motto „Band des Friedens“. In ihr verknüpft Stief die mutigen Ereignisse von damals mit den anspruchsvollen Aufgaben von heute. „Wir erleben gerade, wie selbst das stärkste Band einer Belastungsprobe unterliegt“, sagt er angesichts der aktuellen Flüchtlingsströme. „Die Sorge, es kann nicht halten, scheint nicht unbegründet.“ In diesem Kontext hebt er hervor, dass unser heutiger Wohlstand teuer erkauft sei, und nennt als Beispiel die deutschen Waffenexporte, „die hauptsächlich dem Geschäft dienen“. In der Flüchtlingspolitik mahnt er mehr Augenmaß an. Niemand wolle den inneren gesellschaftlichen Frieden aufs Spiel setzen, aber: „1989 standen sich zwei Lager gegenüber, heute bebt die ganze Welt.“

Im Anschluss hält Bürgerrechtler Wolfgang Templin die traditionelle Rede zur Demokratie. 1948 in Jena geboren, studierte Templin an der Humboldt-Universität zu Berlin Philosophie und war später Mitarbeiter am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Seit Ende der 70er-Jahre engagiert er sich in Friedens- und Menschenrechtsgruppen. Wegen der Unterstützung einer Protestaktion im Rahmen der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Berlin wurde er im Januar 1988 verhaftet und zur Ausreise in die Bundesrepublik gezwungen.

Scharfe Kritik des Bürgerrechtlers

Während der Friedlichen Revolution kehrte Templin in die DDR zurück und begleitete aktiv den Demokratisierungsprozess. So war er Sprecher der Initiative Frieden und Menschenrechte am Zentralen Runden Tisch. Auch er erinnert an Leipzig als „Wiege der Friedlichen Revolution“. Die Botschaft von Leipzig wirke „über Europa hinaus überall dorthin, wo Unterdrückung, Unfreiheit und Teilung weiter das Leben von Menschen bestimmen“, sagt er. 2015 sei aber nicht nur ein Jahr der Rückbesinnung auf 1989, sondern ein Jahr, in dem die Europäische Union von inneren Krisen erschüttert werde, in dem Konflikte von weltpolitischer Dimension zu Brandherden würden, in dem die damit verbundenen Herausforderungen nahezu alltäglich auf uns einstürzten. Die Politik stehe in der Pflicht, „eine rationale und längst überfällige Einwanderungspolitik auf den Weg zu bringen. Humane Asylpolitik steht nicht im Gegensatz zur klaren Unterscheidung von Asylgründen und dem Einwanderungswunsch aus wirtschaftlichen Motiven.“

Er würdigt ausdrücklich die „humane Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und distanziert sich mit klaren Worten von Asyl-Gegnern. „Seit Monaten sind wir mit Berichten und Bildern aus Sachsen und anderen Teilen Deutschlands konfrontiert, die mich mit Kopfschütteln, Wut und Zorn erfüllen. Vor Flüchtlingsheimen in Ostsachsen und auf Pegida-Kundgebungen in Dresden ertönt der trotzige Ruf ,Wir sind das Volk‘ und daneben stehen eiskalte Hassprediger, dort vermischt sich der rechte Rand unserer Gesellschaft mit sogenannten Wutbürgern, Freunden Wladimir Putins und dem netten Nachbarn von nebenan. Ein Leipzig, das stolz ist auf 1989 und ein Sachsen, dem ich mich verbunden fühle, sehen anders aus“, sagt Templin unter dem Applaus der Friedensgebetsgemeinde.

Im Vorfeld des Lichtfestes hat LVZ.de mit Schauspieler Florian Lukas über die Veranstaltung gesprochen.

Von Mathias Orbeck und Cornelia Lachmann

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