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Hermenau bei der AfD - Auf Tuchfühlung mit besorgter Basis

„Ich bin am runden Tisch sozialisiert“ Hermenau bei der AfD - Auf Tuchfühlung mit besorgter Basis

Sie ist bei der Gründung der Grünen in Sachsen mit dabei, sitzt schon 1990 für sie im sächsischen Landtag, später auch im Bundestag. 2014 kehrt Antje Hermenau der Partei den Rücken. Ein Auftritt der Ex-Grünen-Ikone bei der AfD sorgt für Aufregung.

Die frühere sächsische Grünen-Politikerin Antje Hermenau tritt am 21.09.2016 bei einer Veranstaltung der AfD in Döbeln (Sachsen) auf. Bei einem «Thematischen Stammtisch» des Kreisverbandes in Döbeln las die 52-Jährige frühere Landtags- und Bundestagsabgeordnete am Mittwochabend aus ihrer Streitschrift «Die Zukunft wird anders».

Quelle: dpa

Döbeln. Soviel Aufregung war beim „Thematischen Stammtisch“ der AfD in Mittelsachsen noch nie. „Es ist das erste Mal, dass die Presse darüber berichtet hat, bevor wir überhaupt eine Mitteilung herausgegeben haben“, sagt ein Mitglied des Kreisverbandes ein bisschen stolz. Etwa 60 Menschen sind in den Saal des Hotels „Bavaria“ in Döbeln gekommen. Viele AfDler, aber auch bekennende Linke. Und Journalisten. Der Gast des Abends ist ein Stück Urgestein der Ost-Grünen. Antje Hermenau trifft auf die „besorgte“ Basis, um aus ihrer Streitschrift „Die Zukunft wird anders“ zu lesen. Viele halten das für einen Tabubruch.

„Es ist bereits der 26. Stammtisch“, sagt der AfD-Kreisvorsitzende René Kaiser. „Wir wollen uns dabei auch bewusst mit Meinungen auseinandersetzen, die einen anderen Blickwinkel haben. Und da passte Frau Hermenau mit ihrer Streitschrift gut rein.“

Vielen früheren politischen Weggefährten der inzwischen parteilosen 52-Jährigen geht das zu weit. Der Grünen Landesvorsitzende Jürgen Kasek warf ihr bei Twitter „politische Prostitution bei Demokratiefeinden vor.“ Sie habe sogar Drohungen erhalten, erzählt Hermenau beim Stammtisch. Eine Nähe zur AfD weist sie aber zurück.

„Ich bin am runden Tisch sozialisiert“, sagte die alleinerziehende Mutter, die jetzt als Politikberaterin und Publizistin ihr Geld verdient. Auch damals in Wendezeiten hätten sich Menschen mit unterschiedlichsten Meinungen zusammengesetzt, um Lösungen zu finden. Jetzt gebe es wieder eine ähnliche Stimmung. „Der Nachbau West ist abgeschlossen. 27 Jahre nach der Wende ist der Ostdeutsche integriert genug.“ Zwar lebten die Deutschen jetzt vereint und ohne Mauer. Trotzdem wolle so mancher Ostdeutscher „noch nicht so recht rübermachen“.

„Es ist in Deutschland nicht unbedingt wichtig, wie die Lage in Ostdeutschland eingeschätzt wird. Dazu sind wir einfach zu wenig“, sagt Hermenau. „Das ist etwas, das manche auch als Kränkung empfinden.“ Das kommt gut an im Saal. Vor allem Konservative stünden ratlos da, „weil die CDU kein Ansprechpartner mehr ist“, sagt die Ex-Grüne, die ihrer Partei den Rücken kehrte, nachdem sie ihr 2014 nicht in eine schwarz-grüne Koalition folgen wollte.

Sie übt Kritik am Euro, der zu sehr auf Gemeinschaft und zu wenig auf Währung ausgelegt sei, und an der Merkelschen Flüchtlingspolitik, die die Menschen verunsichere und vor allem im Osten die Angst vor Parallelgesellschaften schüre. „Um so wichtiger wird es sein, die Zuwanderung zu regeln, sonst drohen Unruhen.“ Klingt nach AfD und erntet Zustimmung im Saal.

Ein Zuhörer, der in der anschließenden Diskussion kaum freiwillig mit dem Reden aufhören will, fordert eine bessere Förderung „intakter“ Familien. Als ihm im Eifer auch rassistische Bemerkungen über die Lippen kommen, ruft Hermenau ihn zur Ordnung. Eine andere Frau, nach eigenem Bekunden siebenfache Mutter, fordert mehr Respekt für die deutsche Hausfrau.

Auch nach Hermenaus Ansicht verdienen Menschen, „die Kinder großziehen, Respekt“. „"Intakte Familien" ist ein dehnbarer Begriff“, sagt die alleinerziehende Mutter und geht vorsichtig auf Distanz zum von der AfD geforderten traditionellen Familienbild mit Vater, Mutter und drei Kindern. Vorsichtig, mehr nicht.

Sie habe kritische Fragen nicht bewusst ausgeklammert, sagt sie später. „Mir ist wichtig, dass miteinander geredet wird, weil alles andere nicht dazu führt, dass Protestbewegungen kleiner werden.“ Es gelte den herrschenden „Diskussionsstau“ aufzulösen. „Ich will keine gespaltene Gesellschaft.“

Auch wenn sie sich beim Stammtisch einen „gepflegteren Diskurs“ erhofft hätte, ist Hermenau mit dem Abend zufrieden. Mit der Kritik an ihrem Auftritt bei der AfD könne sie leben. Vier oder fünf Lesungen habe sie zuvor schon gehalten, auch bei der CDU. „Ich halte das auch für wichtig. Ich bin parteilos. Das hat seinen Grund.“

Von Martin Fischer, dpa

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