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Georg Baselitz wird heute 75 - Er will immer noch überraschen

Georg Baselitz wird heute 75 - Er will immer noch überraschen

Die erstaunliche Ausstellung "Dresdner Frauen" in der Galerie Alte Meister 2009/10 hat die enge Verbindung der Werke von Georg Baselitz mit Dresden sehr deutlich gemacht.

Es ging nicht um das jetzige, sondern um das Dresden der Zerstörung und der Nachkriegszeit, um traumatische Erfahrung und Schuld. Er selbst hat aus diesem Fundus für das neue Albertinum elf seiner Gemälde und eine Holzskulptur ausgewählt. Dieser Baselitz-Raum zeigt ebenso nachdrücklich seine Erfahrungen in und mit dieser Stadt, die doch nie "seine" war. Neben den "Dresdner Frauen", 13 gelb bemalten Holzskulpturen, und dem Ensemble mit dem Titel "'45" (gemeint ist 1945) mit 20 farbigen Holztafeln ebenfalls aus den Wendejahren 1989/90 waren in der Galerie Alte Meister fünf frühe Porträts aus dem Besitz des Künstlers zu sehen. Dies waren die ersten umgekehrten Bilder, die er ab 1969 gemalt hat. Gerade diese auf den Kopf gestellten Motive sind zu einem Markenzeichen geworden für den großartigen Maler, Bildhauer, Grafiker und Sammler.

"Bilder, die den Kopf verdrehen und die Konvention umschmeißen." Als junger Maler war eben dies das Ziel seines künstlerischen Strebens, und er versucht, es konsequent bis heute zu verfolgen. Das ist es, was an seinen Bildern fasziniert oder irritiert. Die Fragen nach dem Warum und Wofür, und ob der Künstler denn wirklich umgedreht malt oder erst später seine Bilder umdreht, werden ständig gestellt. Ist es nicht das Wesen der Malerei, ihre ganz eigene Realität zu schaffen? Das Geviert eines Bildes ist schließlich kein Passepartout der Wirklichkeit.

Jedes Bild, jeder Druck, jede Skulptur von der Hand Georg Baselitz' hat seine ganz eigene Gesetzmäßigkeit. Sie sind allein den malerischen Auseinandersetzungen, dem Wissen um die Farbwirkungen, um den Bildaufbau, um die Komposition sowie der künstlerischen Experimentierfreude und vor allem der Lust am Löcken wider den Stachel geschuldet. Das Frühwerk von Baselitz zeichnet sich durch ausdrucksstarke Farbigkeit, intensive Präsenz und dynamische Figürlichkeit aus. Die Tatsache, dass Krieg und Zerstörung Deutschland in eine Provinz verwandelt hatten, war ihm früh bewusst. 1963 hatte er mit den Bildern "Die große Nacht im Eimer" - das Bild zeigte einen in einen Eimer masturbierenden Jungen - und "Der nackte Mann" seinen ersten Skandal und seinen ersten großen Auftritt, den er so sehr gesucht hatte. Aufsehen erregten alle seine ersten Bilder.

Das Geviert eines Bildes ist kein Passepartout der Wirklichkeit

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte erarbeitet sich Baselitz ein breites Spektrum aus der Kunst- und Sozialgeschichte, das er in Plastiken, Gemälden und Grafiken zumeist großformatig, farblich kraftvoll und überlegen umsetzt. Gegen Engstirnigkeit, überkommene Auffassungen und das sklavische Nachahmen von Vorbildern setzt er suggestive Formen, stilistische Innovationen und die Anregungen, die er seinem künstlerischen Material entnimmt: Holz- und Linolschnitt, Holzplastik, Malerei. Es entwickelt sich im Laufe der äußerst produktiven Jahre ein facettenreiches und den Betrachter betörendes Werk, mit dem er ab 2005 in seinen "Remix"-Bildern selbst in Wettstreit tritt.

Baselitz wurde 1938 als Hans-Georg Bruno Kern bei Kamenz in Deutschbaselitz geboren, von dem er 1961 seinen Künstlernamen ableitete. 1956 begann er an der Ostberliner Hochschule für bildende und angewandte Kunst zu studieren. Nach zwei Semestern musste er die Hochschule verlassen. Man attestierte ihm "gesellschaftspolitische Unreife". Er zog nach Westberlin und setzte an der dortigen Hochschule für bildende Künste bis 1964 sein Studium fort. 1965 war er Stipendiat der Villa Romana in Florenz, ein für den jungen Maler entscheidende und sein Werk beflügelnde Auszeichnung.

Baselitz gehört inzwischen zu den Gefeierten der internationalen Kunstszene. Er ist einer der bekanntesten deutschen Maler und liegt seit Jahren im internationalen Ranking an der Spitze. Schon früh feierte er Erfolge: 1972 und 1982 nahm er an der documenta in Kassel teil, 1980 bestückte er den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, 1986 erhielt er den Kaiserring der Stadt Aachen, 1995 stellte er im Guggenheim Museum in New York aus, 2002 wurde er zum Commandeur d'Ordre des Arts et des Lettres ernannt, 2004 erhielt er den japanischen "Nobelpreis der Künste", den hochdotierten Praemium Imperiale, der vom japanischen Kaiserhaus vergeben wird. 2007 fand die große Retrospektive in der Royal Academy of Arts in London statt, wo er als erster lebender deutscher Künstler ausgestellt wurde.

Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang. Ausstellungen fanden in vielen internationalen, renommierten Museen und Institutionen statt. Alle großen Museen und Privatsammlungen der Welt besitzen Werke von ihm. Das alles hat ihn nicht zu einem mit sich selbst zufriedenen Mann gemacht. Er bleibt ein dem eigenen Werk gegenüber Skeptischer und ein ewig Suchender nach dem wirklich gelungenen Bild. Diejenigen Gemälde, die er als solche gelten lässt, sind ihm die neuerliche Herausforderung im "Remix" wert.

Wie die stilistischen Innovationen im Werk von Baselitz gewachsen sind, zeigte nicht zuletzt die Schau vor zwei Jahren im Kupferstich-Kabinett. Parallel zur Malerei entwickelte sich Baselitz zu einem genialen Grafiker, der wie kein zweiter den Holz- und Linolschnitt beherrscht. Noch bevor er ab 1979 Holzplastiken schuf, die wesentlich von seiner umfangreichen Sammlung afrikanischer Plastik herausgefordert worden sind, war er selbstverständlich Meister des Holzschnitts. Die Auseinandersetzung seit 2005 mit den eigenen frühen Bildern, denen vor 1969, zeigt desgleichen im Medium der Grafik Figuren, die eben nicht auf dem Kopf stehen. Was nun witzigerweise zu der Frage führt, ob das denn echte Baselitz-Blätter seien.

Im Laufe der letzten Jahre ist das narrative und illustrative Moment in den Hintergrund getreten, Weiß und Schwarz, Gelb, helle, ja mitunter süßliche Farbtöne bezaubern nun den Betrachter. Die schwarzen Konturen sind scharf und prägen einen neuen "Primitivismus". Baselitz erreicht durchsichtige Strukturen und spannende Bilder, die uns erfreuen. So überrascht und überzeugt er immer noch. Das Sehen solcher Farbflächen führt unweigerlich über den "Bauch", über unsere Empfindungen. Damit stimuliert der Maler auf dem direkten Weg die Gefühlswelt.

Bei allem Suchen nach stilistischer Innovation war und ist Georg Baselitz doch immer ein Künstler geblieben, der entflammt ist von der Malerei und gegen das deutsche Trauma und die deutsche Last gemalt hat. Ob ihm das gelungen ist oder nicht, das war nie seine Sorge, Scheitern bedeutet ihm Neuanfang, Stillstand Verhängnis. Erst vor wenigen Tagen machte er wieder Furore mit dem Vorhaben, ein "Bild unsichtbar zu malen". Wir haben sicherlich noch Provokationen und große Auftritte von ihm zu erwarten, darauf freuen wir uns.

Heute wird der Maler Georg Baselitz 75 Jahre alt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.01.2013

Margareta Friesen

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