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Gedenkstätte Bautzen: Gefangen im Haus des Schweigens

Gedenkstätte Bautzen: Gefangen im Haus des Schweigens

Bautzen II war bis 1989 die einzige Strafanstalt der DDR, die direkt der Stasi unterstellt war - allerdings inoffiziell. Die ersten 128 Häftlinge kamen vor 60 Jahren dorthin, unter ihnen Systemgegner, Andersdenkende, Fluchthelfer, westliche Spione und von den eigenen Genossen verurteilte Funktionäre des SED-Regimes.

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Besucher des einstigen Stasi-Gefängnisses Bautzen II betrachten das Hafthaus. Bautzen II war bis 1989 das einzige Gefängnis der DDR, dass inoffiziell direkt der Stasi unterstellt war. Die ersten 128 Häftlingen kamen dorthin vor 60 Jahren, unter ihnen Systemgegner, Andersdenkende, Fluchthelfer, westliche Spione und straffällig gewordene Funktionäre aus den eigenen Reihen.

Quelle: dpa

Bautzen. Auf den Treppen aus Metall klingt jeder Schritt gleich doppelt so laut. Haftraum an Haftraum reiht sich in jeder Etage aneinander. Sven Risel, Mitarbeiter der heutigen Gedenkstätte Bautzen, öffnet mit einem großen Schlüssel die Holztür einer der knapp sechs Quadratmeter großen Zellen. Die Mauern sind hier über einen halben Meter dick. Kleister versperrt den Blick aus den Fenstern. „Vor 60 Jahren kamen die ersten 128 Häftlinge in die Sonderhaftanstalt  Bautzen II“, erzählt Risel. 

Daran will der Förderverein „Gedenkstätte Bautzen“ an diesem Donnerstag (18.00 Uhr) erinnern. Zu einer Podiumsdiskussion wird neben anderen der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn erwartet.

Bis 1989 war Bautzen II die einzige Strafanstalt der DDR, die inoffiziell direkt der Staatssicherheit unterstellt war. Ihr zentrales Untersuchungsgefängnis unterhielt die Stasi in Berlin-Hohenschönhausen.

Einer der ersten Verurteilten im Hochsicherheitsgefängnis für sogenannte Staatsverbrecher war Karl-Wilhelm Fricke. „Mit einem Nachttransport kamen wir Anfang August an. Zuerst wussten wir nicht, wo wir sind“, erzählt der 87-jährige Kölner. Eine Hilfskraft flüsterte den Gefangenen nach ein paar Tagen „Bautzen II“ zu. Fricke war am 11. Juni 1956 vom Obersten Gericht der DDR wegen „Kriegs- und Boykotthetze“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Zuvor hatte die Stasi den West-Berliner Journalisten in den Osten entführt. 

Denn Frickes Beiträge über DDR-Themen hatten die Aufmerksamkeit des Geheimdienstes geweckt. Deshalb sollte der „Feind der DDR“ mundtot gemacht werden. Bautzen schien der Stasi dafür geeignet. Das Gefängnis hatte damals schon eine lange Geschichte. Es wurde 1906 zusammen mit dem Amts- und Landgericht erbaut. Delinquenten verbüßten dort kurze Haftstrafen. Nach dem Kriegsende 1945 nutzte die sowjetische Geheimpolizei bis 1949 das Haus für Verhöre und als Untersuchungsgefängnis. 1951 übernahm es das DDR-Innenministerium, fünf Jahre später bekam die Stasi dort das Sagen.

Formal war Bautzen II der Polizei unterstellt, in der Praxis behielten es sich die Mitarbeiter von DDR-Geheimdienstchef Erich Mielke vor, die Verurteilten wieder und wieder zum Verhör zu holen - jederzeit. Auch durch ein Spitzelsystem versuchten sie, den inhaftierten Systemgegnern, Andersdenkenden, Fluchthelfern, westlichen Spionen wie auch von den eigenen Genossen verurteilten Funktionären des SED-Regimes weitere Informationen zu entlocken. Zudem war das komplette Gebäude mit Abhöreinrichtungen „verwanzt“. „16 Wanzen wurden gefunden, unterm Putz auf Kopfhöhe genauso wie unter den Fußleisten“, berichtet Riesel.

Fricke verbrachte seine Haftzeit wie viele der über 3 000 Gefangenen in Bautzen II in Isolation. Auf den Häftlingslisten tauchten in all den Jahren immer wieder bekannte Namen auf, etwa der erste Außenminister der DDR, Georg Dertinger, der Philosoph Rudolf Bahro oder der Schriftsteller Erich Loest und der zum Staatsfeind erklärte Leiter des Aufbau-Verlags, Walter Janka.

Fricke wurde nach 32 Monaten in Mielkes „Privatknast“ im März 1959 nach West-Berlin abgeschoben. Dorthin ging im selben Jahr auch Manfred Matthies. Der gelernte Schiffsbauer aus Magdeburg durfte in der DDR nicht zur Marine. Seine Abenteuerlust ließ er sich aber nicht nehmen. Deshalb begann er in West-Berlin ein Design-Studium. Zwei Jahre später wurde die Mauer zwischen Ost und West gebaut. Einige Studentengruppen wurden daraufhin zu Flüchtlingshelfern. Sie gruben zum Beispiel einen Tunnel unter den Sperranlagen an der Eberswalder Ecke Bernauer Straße im Bezirk Mitte und holten über einen Abwasserkanal 34 Menschen „durch die Scheiße in den Westen“.

Matthies holte auch Menschen aus dem Osten mit Autos in den Westen. Dafür baute er Fahrzeuge so um, dass er jeweils eine Person versteckt über die Grenze fahren konnte. Seine Touren endeten am 29. Dezember 1972, als er zuerst einen Sohn und einen Tag später die Mutter nach West-Berlin schleusen wollte. DDR-Grenzer stoppten ihn am Grenzübergang mit angeschlagenen Maschinenpistolen. „Der Plan wurde verraten“, erzählt der 74-Jährige. Wegen illegalen Menschenhandels in mehr als 80 Fällen bekam der West-Berliner 13 Jahre Haft. Der Richter sagte: „Sie kommen nach Bautzen ins Haus des Schweigens.“ Die unerträgliche Stille, die soziale Isolation der Haft klingt bis heute in Matthies nach. 

Nach dreieinhalb Jahren wurde Matthies freigekauft. Erst 1996, sechs Jahre nach dem Ende der DDR, besuchte er zum ersten Mal wieder den ehemaligen Stasi-Knast. Seitdem wird er regelmäßig von der heutigen Gedenkstätte als Zeitzeuge eingeladen. Bautzen II gehört seit 1994 zur Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Selbstverständlich kommt der ehemalige Bautzen II-Häftling am Donnerstag zur Gedenkveranstaltung, um von seinem Alltag als DDR-Staatsfeind zu erzählen. 

dpa

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