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Flüchtlingsandrang löst Suchwelle nach Vermissten aus

Vermisst Flüchtlingsandrang löst Suchwelle nach Vermissten aus

Auf ihrer oft beschwerlichen Reise verlieren Flüchtlinge häufig ihre Angehörigen aus den Augen, manchmal nur kurz, manchmal sehr lange, manchmal für immer. Hier kommt dann der Suchdienst vom Deutschen Roten Kreuz zum Einsatz.

Der Suchdienst vom DRK erwartet bis zum Jahresende insgesamt rund 3000 Suchanfragen. Das ist eine Steigerung von rund 90 Prozent gegen dem Jahr 2015 mit insgesamt 1636 Anträgen.

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden. Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Und mancher stellt sich auch selbst die Schuldfrage. Warum habe ich nicht besser auf mein Kind, meine Mutter, meinen Vater, auf Schwester, Bruder, Großvater, Großmutter, Tante oder Onkel aufgepasst? Es ist die Frage, die Flüchtlinge sich stellen, wenn sie auf ihrer oft beschwerlichen Reise Angehörige verlieren, manchmal nur kurz, manchmal sehr lange, manchmal für immer.

Sebastian Goll, beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Sachsen für den Suchdienst verantwortlich, sieht sich täglich mit derlei Schicksalen konfrontiert. Routine stellt sich zwar in den Abläufen ein, nicht aber bei der Begegnung mit Betroffenen. „Ja, die schlaflosen Nächte gibt es“, räumt der 35-Jährige ein. Als studierter Kultursoziologe hat er sich auf Friedens- und Konfliktforschung spezialisiert. Für dieses Fach gibt es wohl keine bessere Zeit als die gegenwärtige.

Goll berichtet von einer afghanischen Familie, die in einem Dorf gut 70 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt lebt. Der Vater arbeitet als Gastarbeiter im Iran, um die Familie zu ernähren. Eines Tages überfallen die Taliban das Dorf. Die Mutter und ihre drei Kinder fliehen in Panik in alle Himmelsrichtungen. Es ist das letzte Mal, dass sie sich sehen und hören können. Der älteste Sohn flüchtet bis nach Deutschland. Nun sucht er nach dem Rest der Familie.

Generell sucht das DRK auf zwei Wegen nach Vermissten. Im ersten Fall füllt man ein Formular aus und gibt darin alle Informationen über den Gesuchten ein: dessen persönliche Daten, den Tag des letzten Kontaktes, die Umstände der Trennung, Namen und Adressen von Leuten, die etwas wissen könnten. „Je mehr Informationen wir haben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir die vermisste Person auch finden können“, sagt Goll. Eine Garantie ist das aber nicht.

Im Fall der zersprengten Familie aus Afghanistan arbeitet das DRK mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und seiner Schwesterorganisation, dem Afghanischen Roten Halbmond, zusammen. Dessen Mitarbeiter machen sich auf den Weg, um die gesuchte Person ausfindig zu machen. Das ist meist beschwerlich, denn in der Regel liegen die Wohnorte der Gesuchten in Krisenregionen. Goll hat den Fall der Afghanen in einem Aktenordner abgeheftet. Eine positive Rückmeldung hat er bisher nicht. Manchmal kann das Jahre dauern.

Die zweite Suchmethode betrifft Familien, die allesamt auf der Flucht sind und bei denen es sich gar nicht mehr lohnt, am früheren Wohnort zu suchen. Hier kommt eine Plattform zum Einsatz, die das IKRK 2013 installierte. Unter dem Titel „Trace the Face“ stellt das DRK Fotos der Suchenden online, um damit Verwandte zu suchen. Goll wünscht sich, dass noch viel mehr Betroffene von dieser Möglichkeit erfahren.

Etwa ein Drittel der Anfragen beim Suchdienst betrifft Afghanistan, sagt DRK-Sprecher Kai Kranich. Das habe sprunghaft zugenommen. Waren es im zweiten Halbjahr 2015 in Sachsen noch 20 Fälle, lag die Zahl von Januar bis Ende Juni 2016 schon bei 68. Bundesweit erreichten den Suchdienst im ersten Halbjahr 1401 Anträge. „Bis zum Jahresende erwarten wir insgesamt rund 3000 Anfragen. Das ist eine Steigerung von rund 90 Prozent gegen dem Jahr 2015 mit insgesamt 1636 Anträgen“, rechnete DRK-Präsident Rudolf Seiters unlängst vor.

Goll hat erfahren, dass wegen kultureller Unterschiede viel Sensibilität vonnöten ist. Im Fall der getrennten Familie aus Afghanistan kann er offiziell nicht direkt nach der Mutter suchen. Die Suche nach einer konkreten Frau in einem afghanischen Dorf verbiete sich: „Frauen sind dort keine Personen des öffentlichen Lebens. Deshalb muss man sich eine Konstruktion ausdenken. Wir suchen deshalb offiziell nach dem Onkel, der im gleichen Dorf lebt und vielleicht noch Kontakt zu der Mutter haben könnte.“

„Unsere Suchanfragen sind international. Wir vermuten die Vermissten in Griechenland, der Türkei oder anderswo entlang der Fluchtrouten“, erzählt Sebastian Goll. Eine typisches Vermisstenschicksal gebe es nicht. Es sei aber auffallend, dass viele unbegleitete minderjährige Asylsuchende Suchanträge stellen. In Sachsen nennt man sie kurz UMA: „Die meisten Menschen verlieren sich, wenn sie eine Grenze überqueren.“ Dort könnten sie leicht unter Beschuss geraten oder in Haft genommen werden. Dann verliert sich die Spur“.

Oft könnten Deutsche nicht verstehen, warum sich Flüchtlinge unterwegs aus den Augen verlieren - wo doch alle Mobiltelefone haben: „Handys können überall verloren gehen oder abgenommen werden“, sagt Goll. Gerade auf dem afrikanischen Kontinent passiere das oft. Das sei für Grenzpolizisten dort eine zusätzliche Einnahmequelle: „Ich merke, dass die Fluchtwege immer gefährlicher werden, dass die Flüchtlinge immer mehr Gewalt ausgesetzt sind. Dementsprechend steigt die Zahl derer, von denen wir vermuten, dass sie ums Leben kamen.“

Goll beschreibt die Gespräche mit Betroffenen als schwierige Situation: „Das erfordert viel Fingerspitzengefühl. Viele von ihnen sind traumatisiert. Wenn die Umstände der Trennung benannt werden, kommt alles wieder hoch.“ Der Suchdienst-Chef hat Sprechzeiten, in der Regel dauert ein Termin eine Stunde. Bei Bedarf geht er selbst in die Unterkünfte. Zuletzt hat er mehr Nachfragen nach Angehörigen verspürt, die in der alten Heimat inhaftiert sind. Hier hat das IKRK aufgrund internationaler Abkommen Zugang zu den Gefangenen.

Aber nicht nur um Flüchtlinge kümmert sich der Suchdienst. Auch für Menschen aus Katastrophengebieten und die Nachfahren von Soldaten der Weltkriege fühlt er sich verantwortlich. „Kinder wollen über das Schicksal ihrer Väter und Großväter Bescheid wissen. Das ist wegen des zeitlichen Abstandes aber weniger emotional als Suchanfragen von Flüchtlingen.“ Die Schicksale Vermisster würden Familien über Generationen beschäftigen: „Gerade am Lebensende - wenn Menschen spüren, dass es zu Ende geht und etwas noch nicht abgeschlossen ist.“

Von dpa

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