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Flüchtlinge und Einheimische gehen in Chemnitz auf Spurensuche

Fremdes Vertrautes Flüchtlinge und Einheimische gehen in Chemnitz auf Spurensuche

Eine kleine Figur steht für eine große Idee. In Chemnitz machen jetzt Asylsuchende gemeinsam mit Einheimischen Kunst. Die Hauptrolle spielt ein Moriskentänzer, dessen Wurzeln in Nordafrika vermutet werden.

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Flüchtlinge aus Krisengebieten tanzen während der Generalprobe für das Tanzprojekt „Fremdes Vertrautes“ im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz.

Quelle: Sebastian Kahnert/dpa

Chemnitz. Achmed Alsaasde kam vor acht Monaten aus Basra im Irak nach Deutschland. Seine Flucht endete in Chemnitz. Nun steht der 25-Jährige im Foyer des Staatlichen Museums für Archäologie in Chemnitz und begrüßt wortlos imaginäre Gäste. Größere und kleine, auch solche, die so groß sind wie er selbst. Achmed Alsaasde ist Pantomime und Teil einer Performance. Die Kunst ohne Worte wird überall auf der Welt verstanden. Der junge Iraker spricht nur ein paar Brocken Deutsch. Dennoch kann er sich mit seiner Kunst mitteilen. „Ich will mich in Deutschland ausprobieren. Deutschland ist mein Traum, hier kann ich meine Träume verwirklichen“, sagt er. 

Träume haben die Protagonisten der Kunstcollage „Fremdes Vertrautes“ alle, auch wenn sie für die Mitglieder der beteiligten Tanzgruppe 55+ andere sind als für die 14-Jährige Bushra Atowali aus Libyen oder die gleichaltrige Marijam Charafeddine aus dem Libanon. Beiden wirken in der Performance als Tänzerinnen mit. Marijam will später einmal Kinderärztin werden und würde in dem Stück, das am Donnerstag Premiere hat, viel lieber singen. Doch eine solche Rolle ist nicht vorgesehen. Bei der Generalprobe schaut sie mit ihrer Freundin Fikrije Kamberi aus Serbien erstmal zu, was die Frauen und der eine Mann aus der Senioren-Tanzgruppe zu bieten haben. 

Ein Figur des Moriskentänzers aus der Zeit um 1500 n. Chr., aufgenommen im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz in Chemnitz (Sachsen). Der Moriskentanz, ein Bühnentanz des Spätmittelalters, steht im Mittelpunkt des Tanzprojektes „Fremdes Vertrautes“ an dem auch Flüchtlinge aus Krisengebieten mitwirken.

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Aus deren Reihen stammt auch die Idee für die Aufführung, die 82 Akteure aus 13 Ländern vereint und Integration mit künstlerischen Mitteln auf den Weg bringen will. Heidrun Preuß hielt eines Tages ein Buch mit Abbildungen von Moriskentänzern in den Händen und verliebte sich auf der Stelle in diese Figuren. Im Mittelalter sorgten sie bei Hofe und auf Jahrmärkten für Unterhaltung und nahmen dabei nicht selten die Rolle des Narren ein. Auf diese Weise konnten sie der Gesellschaft auch einen Spiegel vorhalten. Experten vermuten, dass Moriskentänzer einen maurischen Ursprung haben und praktisch als frühe Migranten nach Europa kamen.

Dass ein Moriskentänzer ausgerechnet in Chemnitz entdeckt wurde, ist der akribischen Arbeit von Archäologen zu verdanken. Bei Grabungen im Stadtzentrum fanden sie in den 90er Jahren die fünf Zentimeter große Bronze-Figur eines solchen Tänzers. Archäologe Jens Beutmann spricht von einem „einmaligen Stück“ und datiert es auf die Zeit um das Jahr 1500: „Später sah die Schuhmode anders aus.“

Als Heidrun Preuß mit der Idee kam, den Moriskentänzern ein Comeback zu verschaffen, stimmten die Museumsleute freudig zu. „Wir wollten darauf hinweisen, dass es keine abgeschlossene Kultur gibt. Es gab schon immer einen Austausch“, erklärt Preuß. Auch im Mittelalter sei „viel fremdes Volk“ nach Europa gekommen, sagt die kunstinteressierte Seniorin. Tanz, Sprache und Musik sollen die Zuschauer nun mit einer fremden Welt vertraut machen, die in Europa heimisch wurde. In der Collage erzählt Preuß die Geschichte der Moriskentänzer und zeigt Abbildungen jener Figuren, die Erasmus Grasser um 1480 für den Festsaal des Alten Münchner Rathauses schuf. Bei ihrem Vortrag schlägt Preuß auch einen Bogen in die Gegenwart und bittet an einer Stelle Breakdancer aus Chemnitz auf die Bühne: „Breakdancer sind für mich die Moriskentänzer unserer Zeit.“ 

„Fremdes Vertrautes“ wird am 3.12. um 16 Uhr in Chemnitz im Staatlichen Museums für Archäologie (smac) aufgeführt. Eine weitere Aufführung ist für den 28.2.2016 geplant. Es gelten die
Eintrittspreise des Museums. Der Eintritt für Flüchtlinge ist frei.

Von Jörg Schurig, dpa

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