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Flüchtlinge im Handwerk: „Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört“

Integration Flüchtlinge im Handwerk: „Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört“

Ein Anruf, ein kurzes Kennenlernen und Handwerksmeister Steffen Rottluff hatte einen neuen Azubi. Ashraf Hussain kommt aus Pakistan, lebt nun in Chemnitz und lernt den Beruf des Anlagenmechanikers.

Innungsobermeister Jörn Lüdecke zeigt den syrischen Flüchtlingen Wasim Zino und Mohamed Yousef an Übungsköpfen eine Flechtfrisur.

Quelle: dpa

Dresden. Ein Anruf, ein kurzes Kennenlernen und Handwerksmeister Steffen Rottluff hatte einen neuen Azubi. Ashraf Hussain kommt aus Pakistan, lebt nun in Chemnitz und lernt den Beruf des Anlagenmechanikers. „Vielleicht ist das naiv, aber ich hatte von Ashraf einen guten Eindruck und habe einfach auf mein Bauchgefühl gehört“, erzählt der Inhaber einer Haustechnik-Firma.

Die Anruferin von August vergangenen Jahres ist eine ehemalige Lehrerin, die dem 23-jährigen Pakistaner Deutsch beibrachte. Rottluff kannte sie zuvor nicht. Doch da sein Auszubildender gerade die Lehre hingeworfen hatte, sei er ohnehin auf der Suche gewesen.

Ganz so nahtlos wird sich der Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt wohl nur für wenige Asylbewerber gestalten. Das zeigt ein Pilotprojekt der Handwerkskammer Chemnitz. Zwei Wochen lang konnten vier junge Syrer in den Lehrwerkstätten in Holz- und Metallberufe hineinschnuppern.

Angetan ist Kammer-Präsident Dietmar Mothes vor allem von der Motivation und Höflichkeit der jungen Männer. Auch die Verständigung habe trotz Sprachbarriere „mit Händen und Füßen“ funktioniert. Gleichzeitig sei jedoch deutlich geworden, dass es große Unterschiede beim Bildungsniveau gebe. Viele der jungen Flüchtlinge müssten vor Beginn einer Handwerkslehre erst einmal für die Berufsschule fit gemacht werden, lautet das Fazit des Kammerchefs. „Wir brauchen dringend Strukturen in der Berufsvorbereitung - sonst geht es nicht weiter, für beide Seiten“, betont Mothes.

Das Interesse der Unternehmen sei vorhanden, Tendenz steigend, ist aus allen drei sächsischen Kammern zu hören. So hat die Handwerkskammer Dresden 180 Betriebe der Berufsgruppen Bau, Holz, Metall und Farbe gefragt, ob sie einen Flüchtling einstellen würden, erklärt Sprecherin Carolin Schneider. Das Ergebnis: 33 potenzielle Praktikaplätze, 27 Lehrstellen und 37 Arbeitsplätze - dabei habe bislang erst ein Viertel der Unternehmen geantwortet.

Aktuell melden Sachsens Handwerksbetriebe für September bereits knapp 1200 freie Lehrstellen. Kurz- und mittelfristig könne der Bedarf zwar nicht mit Asylbewerbern gedeckt werden, sagt Andrea Wolter von der Leipziger Kammer. Aber langfristig sehe das Handwerk nicht nur den Fachkräftemangel, sondern auch seine soziale Verantwortung.

Die berufliche Integration von Flüchtlingen stehe allerdings noch ganz am Anfang. „Die meisten Flüchtlinge sind nicht die Fachkräfte von morgen, sondern von übermorgen“, ist Frank Vollgold von der Regionaldirektion Sachsen der Bundesarbeitsagentur überzeugt.

Eine Berufsausbildung nach hiesigem Verständnis hätten viele nicht. So würden 80 Prozent formal als Helfer gelten. Doch Hilfsarbeiter könne das Handwerk nicht mehr gebrauchen, sagt Kammerpräsident Mothes. Dafür seien die Anforderungen heute zu hoch.

Dass allerdings in der Praxis zu vermitteln, ist kompliziert, wie Jörn Lüdecke von der Chemnitzer Friseur- und Kosmetikinnung festgestellt hat. Wasim Zino und Mohamed Yousef haben in ihrer Heimat Syrien bereits jahrelang als Friseur gearbeitet. „Leider ist das mit unseren Maßstäben im Handwerk nicht zu vergleichen“, meint der Innungsobermeister. In manchen Bereichen seien beide Männer sehr gut. „Wir haben aber auch schon viel Neues gelernt“, bestätigt Wasim Zino auf Deutsch.

Aus wirtschaftlichen Gründen sei es schwierig, einen der 117 Innungsbetriebe von einer Einstellung zu überzeugen. „Bei 8,50 Euro Mindestlohn kann ich mich als Chef nicht den ganzen Tag daneben stellen“, erklärt Lüdecke. Mohamed Yousef wiederum könne er nur schwer vermitteln, dass er hier einen Meisterbrief zur Saloneröffnung brauche. In Syrien führte der 45-Jährige mehr als 20 Jahre sein eigenes Geschäft. Derzeit kommen die beiden zumindest jede Woche ins Bildungszentrum der Innung, schneiden, fönen und färben an Übungsköpfen oder Freiwilligen.

Ashraf Hussain ist bereits einen Schritt weiter: Seine sechsmonatige Probezeit ist um. „Dabei habe ich lange gedacht, ohne deutschen Pass habe ich keine Chance auf Arbeit“, so der Azubi von Handwerksmeister Rottluff - und der hat seine Bauchentscheidung nicht einen Moment bereut.

dpa

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