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Engelbert Humperdincks "Königskinder" sind an der Oper in Frankfurt/Main zu sehen

Engelbert Humperdincks "Königskinder" sind an der Oper in Frankfurt/Main zu sehen

In Dresden begeisterte die junge Amanda Majeski als Gräfin (bei Mozart und Strauss) und als Zauberin (Alcina) ihr Publikum. An der Oper in Frankfurt ist sie jetzt die Gänsemagd in Engelbert Humperdincks ganz selten zu sehenden "Königskindern".

Nichts von gräflichem Schick oder der Aura der Zauberin umgibt sie hier. Sondern eine tiefe Traurigkeit, ja Hunger, Kälte und Einsamkeit. Sie stirbt zwar gemeinsam mit ihrem Traumprinzen, doch dieser Märchen-Schluss lässt sich beim besten Willen nicht in ein Happy End umdeuten. Auch, wenn die Kinder Schilder hochhalten, und das in ungelenker Lautschrift behaupten...

Mit dem tröstlichen "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" ist hier nichts zu machen. Sie hatten nicht viel Grund, am Leben zu bleiben. Bei Regisseur David Bösch bringen sie sich sogar gegenseitig um, damit ihr Leid ein Ende hat. Und das greift ans Herz. Vor allem, wenn man sieht, wie nah die Rettung gewesen wäre. Wenn nur die Vorübergehenden nicht so gierig, egoistisch und blind gewesen wären. Die erkennen nicht einmal, dass es die Königskrone ist, die ihnen da zum Tausch gegen ein Stück Brot angeboten wird ...

Die "Königskinder" sind eine großformatige Märchen-Oper des Wagnerverehrers Humperdinck (1854-1921). Dessen "Hänsel und Gretel" hat ihm zwar einen sicheren Platz im Opernrepertoire gesichert. Doch so regelmäßig dieses vermeintlich so kinder- und vorweihnachtskompatible Stück spätromantischer Hitansammlungen auftaucht, verstellt es auch den Blick auf sein übriges Werk. Wie auf die 1910 in New York uraufgeführten "Königskinder". Die Intendanten sagen sich wohl: Wenn schon Humperdinck, dann den Weihnachts-Schlager und ansonsten gleich Wagner.

Wo die dunkle Seite der Romantik daheim ist

Dass Humperdinck den bewunderte, ist wahrlich nicht zu überhören. Doch nach dem ausführlich zelebrierten Tod von Königssohn und Gänsemagd in Hunger und Kälte, dem herzzerreißenden "Ich liebe dich" des Mädchens kann man eben nicht sagen, dass Isoldes "Mild und leise" das letzte Wort der Operngeschichte in Sachen Liebestod ist. Pures Epigonentum klingt anders. Bei Humperdinck ist das nicht so universell verklärend und mit "des Welt-Atems wehendem All" verknüpft wie bei Wagners Isolde. Er kommt nicht mit der Attitüde des Weltgenies, sondern geradewegs aus dem deutschen Wald, also von da, wo die dunkle Seite der Romantik daheim ist. Im Frankfurter Museum Städel kann man sich gerade in einer wunderbaren Ausstellung mit diesem Titel ein Bild davon machen.

In der sparsam reduzierten Ästhetik haben David Bösch und Bühnenbildner Patrick Bannwart das jetzt auch getan. Freilich ohne die Opulenz des Schreckens und der Armut. Deren direkte Nähe suchen nur die Kostüme von Meentje Nielsen. Für den Rest des Grauens der Zeit, die Traurigkeit der Gänsemagd, die falschen Hoffnungen des Königssohns, die Dummheit der Bürger der sagenhaften Stadt Hellabrunn und deren Blindheit, den herbeigesehnten König zu erkennen, den sie schon ihn ihren Mauern haben, aber auch für den Scharfblick des Herzens, den allein der Spielmann und die Kinder haben, für all das skizzieren Bösch und sein Team nur den Weg in die Phantasie der Zuschauer und die abgespeicherten Bilder. Mit Kreidezeichnungen auf der Bühnenschräge. Mit wackligen Schriftzügen, die aus Hellabrunn ein Höllabrunn machen. Mit ein paar ausgeschnittenen Gänsen, einem Hexenbesen für die Ziehmutter der Gänsemagd, einer Axt für den Holzfäller, einer Geige für den Spielmann.

Opulenz bietet allein der Graben, wo das Museumsorchester unter Sebastian Weigle zur Hochform aufläuft. Und ein exzellentes Ensemble auf Händen trägt. Neben Amanda Majeski glänzen vor allem Daniel Behle als Königssohn mit betörend sicherem Tenorschmelz und seiner Trauer über das verpasste Leben und Nikolay Borchev als der Spielmann, der zu einer Art Spielführer wird. Wenn er mit seinem von den Wutbürgern gebrochenen Bein um die Feuerstelle humpelt, auf der man die Hexe verbrannt hat, dann hat diese Szene ein Format, das an den alten Lear auf der Heide erinnert. David Bösch hat der Verführung widerstanden, mythische Waldopulenz auf die Bühne zu zaubern. Er verlässt sich auf die tief abgesunkenen Bilder dieses Alptraumortes in der deutschen Seele. Und gewinnt haushoch. Oder eben abgrundtief!

nächste Vorstellungen: Oper Frankfurt am Main am 19., 25. und 27. Oktober

www.oper-frankfurt.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.10.2012

Joachim Lange

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