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„Ein bisschen auf Retro machen“ - Das Geschäft mit der (N)Ostalgie

Sammler-Leidenschaft „Ein bisschen auf Retro machen“ - Das Geschäft mit der (N)Ostalgie

Die Begeisterung für DDR-Produkte wird auch 27 Jahre nach dem Mauerfall noch gelebt - und für Touristen und ehemalige DDR-Bürger vermarktet. Ein Besuch bei zwei Nostalgikern in Sachsen.

Quelle: dpa

Leipzig. Häkelhüte, Dederon-Kittelschürzen, Jägerschnitzel mit Nudeln und Tomatensoße, Karlsbader Schnitten - in Andrea Streits DDR-Laden und Chris Bärschneiders Gaststätte „Kollektiv“ in Leipzig ist wieder Osten. Denn das ist hier Vermarktungsstrategie. Streit verkauft in bester Innenstadtlage Alltagsgegenstände mit DDR-Charme, Bärschneider serviert Gerichte aus den Kochbüchern des Ostens. Womit machen die beiden Geschäfte - mit Nostalgie oder Ostalgie?

Die Begeisterung für DDR-Produkte wird auch 27 Jahre nach dem Mauerfall noch gelebt - und für Touristen und ehemalige DDR-Bürger vermarktet.

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Streit hat den Laden vergangenes Jahr übernommen und ihn als Andenken an DDR-Zeiten erhalten. Sie ist selbst in der DDR aufgewachsen, wurde 1971 geboren. Die Wirtschaftskauffrau schwärmt - vieles sei eben gut gewesen, auch wenn es um einfache Gegenstände gehe. Das zeige auch in der breiten Palette an Produkten: „Alles von Firmen hergestellt, die auch in der DDR produziert haben, keine Fakes!“ Nur eine einzige Westfirma liefere ihnen zu - und das auch nur, weil diese das Ostunternehmen übernommen hat.

Ihr Geschäft besteht hauptsächlich aus Alltagsgegenständen, meist aus Plastik gefertigt. Aber es gibt auch T-Shirts mit DDR-Flagge und dem Spruch „1949-89 DDR: Ich war dabei“. Obwohl auch Touristen aus dem Westen zum Zielpublikum gehören, schätzt die 45-Jährige, dass 80 Prozent der Ladenbesucher aus „ostalgischen“ Gründen kommen. Die können durchaus praktischer Natur sein: Küchenutensilien aus der DDR haben erfahrungsgemäß oft eine längere Lebensdauer. Meist sind die Gründe aber emotional. Viele Besucher laufen mit glänzenden Augen durch das Geschäft: „Das hatten wir früher auch! Ist die Schrankwand original?“ Ist sie natürlich, versichert die Leipzigerin stolz.

Eine solche Schrankwand gibt es auch in Bärschneiders Gaststätte, dem „Kollektiv“ auf der Karl-Liebknecht-Straße in der Leipziger Südvorstadt. Auf der Kneipenmeile ist hier wieder 1985: An der Wand hängt ein Mifa-Klapprad, die Schreibmaschine in der Ecke heißt Erika. Natürlich hängt auch hier eine DDR-Flagge, auch die Matroschka darf nicht fehlen. Im Blick hat der gebürtige Thüringer, der vor zehn Jahren in die sächsische Messestadt kam, aber vor allem die ostdeutsche Küche. Von Vita-Cola bis zum Szegediner Gulasch gibt es auf der Speisekarte all das, was es früher immer gab.

Was davon ist 27 Jahre nach dem Mauerfall noch Ostalgie? Jürgen Reiche, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, betont den Unterschied zwischen Ostalgie und Nostalgie. Ostalgie sei die Sehnsucht nach der gesamten DDR - das undifferenzierte Zurückwünschen auch des politischen Systems. „Das nimmt eindeutig ab. Läden wie Streits Geschäft und Bärschneiders Gaststätte bedienen die gesunde Nostalgie.“

Reiche findet nichts davon problematisch. Einordnen und den kritischen Umgang mit der DDR fördern sollten andere: „Das ist Aufgabe von uns Museen, das müssen diese Läden nicht liefern. Dem kleinen Anteil an politischer Botschaft, den Ostalgie immer hat, sollte man nicht zu viel Bedeutung beimessen.“

Der gelernte Koch Bärschneider hat eine komplett unpolitische Beziehung zur DDR. Der 30-Jährige will einfach nur „ein bisschen auf Retro machen, es soll aussehen wie bei Oma im Wohnzimmer“. Sehnsucht nach alten Zeiten sucht man bei ihm vergeblich: Die Politik bleibt draußen. Das Publikum ist ähnlich wie im DDR-Laden: Ü30, meist (n)ostalgisch, manchmal touristisch.

Geschäftsinhaberin Streit befürchtet ein langsames Aussterben der DDR-Nostalgie. Das Interesse an ihrem Laden sei zwar groß, und dennoch: „Jeder Monat ist ein Kampf.“ Sie könne ihren Laden nicht ewig führen und in 20 Jahren gebe es niemanden mehr, der so viel mit den Produkten der DDR verbinde wie ihre Generation. Aber vielleicht beweist der fast 15 Jahre jüngere Gastronom Bärschneider ja das Gegenteil.

Von Sarah Emminghaus, dpa

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