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Dirk Hilbert: Das Bewerbungsschreiben aus Marseille

Dirk Hilbert: Das Bewerbungsschreiben aus Marseille

Der Anruf erreichte ihn an der französischen Mittelmeerküste. Am 8. Juni 2001 klingelte das Handy von Dirk Hilbert. „Ich war gerade im Urlaub, als Jan Mücke anrief.

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Quelle: Ralf U. Heinrich

“ Der damalige Fraktionsvorsitzende der FDP im Stadtrat habe ihn drauf hingewiesen, dass die Bewerbungsfrist für die Beigeordneten ablaufe, so Hilbert. „Er wollte, dass ich meine Unterlagen einreichte.“ Hilbert setzte sich in ein Internet-Café in Marseille und schrieb seine Bewerbung.

Als sich Mücke an Hilbert erinnerte, war der Diplom-Wirtschaftsingenieur gerade Manager bei Cargo Lifter. Mit 29 Jahren wurde Hilbert Bürgermeister in einer Riege, mit der sich die bürgerliche Stadtratsmehrheit für die Niederlage bei der Oberbürgermeisterwahl schadlos halten wollte. Amtsinhaber Herbert Wagner (CDU) war von Ingolf Roßberg (FDP) verdrängt worden, dafür setzten der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Grötsch und Mücke eine schwarz-gelb gemischte Bürgermeisterriege durch.

Die ersten Jahre im Amt waren holprig. Steif und hölzern kam Hilbert rüber, das eine oder andere Fettnäpfchen am Wegesrand nahm er mit. Etwa, als er nach der Flut 2002 geschädigten Kleingärtnern großzügige Entschädigungen versprach, was nicht mit dem Freistaat abgestimmt war. Auch wenn die Stadt ihren Verpflichtungen mit 4000 Euro pro Kleingarten nachkam, zog das Land nicht mit. „Politische Absichtserklärungen sind nicht einklagbar“, urteilte später das Landgericht. Die Kleingärtner hatten ihre Klage verloren, der Wirtschaftsbürgermeister büßte an Ansehen ein.

Das lässt sich als Anfängerfehler bezeichnen. Hilbert bekam seine Lektionen und er hat sie gelernt. Das Unbeholfene verlor sich, je mehr er in der Lage war, sein Amt auszufüllen. Ein mitreißender Redner wird er nicht mehr, aber er kommt authentisch rüber, wenn er zwischen zwei Sätzen eine Denkpause mit seinem charakteristischen „Äh“ zu kaschieren versucht.

2008 stand Hilbert schon einmal auf dem Wahlzettel bei der OB-Wahl. Als CDU-Bewerberin Helma Orosz im ersten Wahlgang knapp die absolute Mehrheit verfehlte, kam Hilbert bei 12,13 Prozent auf Platz vier ein. Im gleichen Jahr wurde er nicht nur als Wirtschaftsbürgermeister wiedergewählt, er stieg als Erster Bürgermeister auch zum Stellvertreter von Orosz auf.

Als die OB 2011 wegen einer schweren Erkrankung ein Jahr aussetzen musste, wurde sie von Hilbert vertreten. Ein Jahr OB, das habe für ihn mit den Ausschlag gegeben, sich wieder zu bewerben, sagt Hilbert. „Ich habe nachgewiesen, dass ich es kann.“ Er kandidiert auf Sieg, sagt er selbstbewusst. Oberbürgermeister oder Abschied aus dem Rathaus. Einen Plan B gebe es nicht. Eine Rückkehr in die Wirtschaft scheint aber wahrscheinlich, wenn es mit dem Sieg doch nicht klappt.

Als Wirtschaftsbürgermeister habe er mit daran gearbeitet, eine Vision mit Leben zu erfüllen: Dresden als innovativen Wissenschaftsstandort zu entwickeln. „Wir wollten die Stadt unabhängig machen von Auf und Abs der großen Unternehmen, wir wollten ein nachhaltiges, beständiges Wachstum.“ Das zeige sich an der Entwicklung der Arbeitsplätze in der Stadt: Allein in den vergangenen fünf Jahren seien 25.000 neue versicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden, rechnet er vor.

Es ärgert ihn „tierisch“, dass Dresden im Moment nur als Hauptstadt der islamkritischen Pegida-Bewegung wahrgenommen wird, meint der Wirtschaftsbürgermeister. Welcher Partner oder ausländische Investor lege sein Geld schon in einer Stadt an, der ein ausländerfeindliches Klima nachgesagt wird? Hilbert, der selbst in der Landeshauptstadt geboren ist, ist mit seiner südkoreanischen Frau Su Yeon der lebende Beweis dafür, dass Dresden anders ist.

Das Privatleben allerdings komme im Moment zu kurz, sagt Hilbert, zumal seine Frau als Sängerin an der Oper in Chemnitz arbeitet. „Es ist schon herausfordernd, ein gemeinschaftliches Familienleben zu organisieren.“

Steckbrief:

– geboren am 23. Oktober 1971 in Dresden

– Ausbildung zum Elektronikfacharbeiter bei Robotron

– nach 1989 Engagement bei den Jungliberalen, Stadtvorsitzender der Jugendvereinigung der FDP

– Besuch des Abendgymnasiums, ab 1992 Studium Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Dresden, 1998 Diplom

– 1998 bis 2000 Vorstandsassistent beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. in Köln

– danach im Management beim Luftschiffunternehmen CargoLifter Development GmbH in Krausnick (Brandenburg) tätig

– seit 2001 Wirtschaftsbürgermeister der Landeshauptstadt Dresden

– seit 2008 Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden

Thomas Baumann-Hartwig

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