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„Die Radikalisierung wird zunehmen“ – Hallenser Psychiater im Interview

Hans-Joachim Maaz „Die Radikalisierung wird zunehmen“ – Hallenser Psychiater im Interview

Der Hallenser Psychotherapeut und Autor Hans-Joachim Maaz („Gefühlsstau“) gilt als Experte für die Gefühlswelt der Ostdeutschen. Der 73-Jährige hat sich intensiv mit den Auswirkungen der SED-Herrschaft auf die Psyche beschäftigt. Im Interview äußert er sich zu Ursachen und Folgen von Clausnitz und Bautzen.

Der Hallenser Autor und Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz, hier beim Talk in der LVZ-Autorenarena.

Quelle: Andreas Döring

Halle. Der Hallenser Psychotherapeut und Autor Hans-Joachim Maaz („Gefühlsstau“) gilt als Experte für die Gefühlswelt der Ostdeutschen. Der 73-Jährige hat sich intensiv mit den Auswirkungen der SED-Herrschaft auf die Psyche beschäftigt. Im Interview äußert er sich zu Ursachen und Folgen von Clausnitz und Bautzen.

Herr Maaz, Sachsen hat wieder sein hässliches Gesicht gezeigt. Woher kommen diese Wut auf Flüchtlinge?

Man muss bei der Suche nach den Ursachen zwei Ebenen unterscheiden. Die erste ist das reale Handeln. Wenn alles so abgelaufen ist, wie dargestellt, darf das nicht bagatellisiert werden. Diese Taten müssen strafrechtlich verfolgt werden. Die zweite Ebene wird allerdings immer vernachlässigt. Die beinhaltet das Hinterfragen von Motiven.

Welche Motive können Sie erkennen?

Ich finde immer wieder sehr persönliche Motive, also Verletzungen und Kränkungen aus der individuellen Lebensgeschichte. Dazu kommen die sozialen Motive wie Arbeitslosigkeit, Partnerschafts- und Familienprobleme, Demütigung und Abwertung. Und als drittes – und da sind wir bei der speziellen Ost-Sicht – gibt es hier eine Menge von Enttäuschungen, die mit der Wiedervereinigung zusammenhängen.

Das wirkt auch 25 Jahre danach noch?

Es ist doch noch immer so, dass die Erwartungen, die man hatte, für viele Menschen nicht aufgegangen sind und dann heute als Benachteiligungen wahrgenommen werden.

Aber das erklärt doch noch nicht die Hass-Ausbrüche gegen Flüchtlinge im Osten und insbesondere in Sachsen.

Es kommen noch die realen Sorgen und Ängste hinzu. Dass man die vor fremden Menschen, fremden Kulturen und Religionen hat, ist zunächst völlig normal. Durch Köln oder die Terror-Bedrohung ist das noch verschärft werden, diese Real-Angst ist sicher berechtigt. Zudem kann die Politik den Menschen nicht klar erklären, wie die Flüchtlingsfrage wirklich geschafft werden kann. Das sorgt noch zusätzlich für eine große Beunruhigung.

Real-Ängste haben viele Menschen in Deutschland, dennoch eskaliert der Hass oft im Ost-Bundesland Sachsen.

Die Menschen im Osten mussten ihr Leben in den letzten 25 Jahren komplett umstellen. Diese für viele so mühevolle Anpassung steht nun wieder auf der Kippe, das eigene Leben wird erneut in Frage gestellt. Und damit das, was im Osten viele unter großen persönlichen Entbehrungen erreicht haben. Deshalb ist die Verunsicherung in der Flüchtlingsfrage in Sachsen und anderen Ost-Ländern viel größer als im Westen, wo man sich über viele Jahre mit dem System viel besser arrangiert hat. Und dieses Arrangement wird im Osten sehr kritisch gesehen.

Ist die Spaltung des Landes in der Flüchtlingsfrage überhaupt noch aufzuhalten?

Ich fürchte, dass das ganz schwer wird. Deshalb ist es notwendig, neben der Strafverfolgung die Beteiligten nicht nur zu diffamieren, sondern sich mit den Motiven auseinanderzusetzen. Es bringt doch nichts, Pegida, Legida oder die AfD nur verbal abzuwerten ohne sich mit deren Inhalten auseinandersetzen. Das ist politisch schädlich, weil damit die Spaltung verschärft wird.

Sie haben die Dämonisierung von Pegida schon im Herbst kritisiert. Geändert hat sich seitdem nichts. Haben Sie noch Hoffnung, dass sich da etwas bewegen könnte?

Ich bin da wenig optimistisch und befürchte, dass sich die Gewaltspirale eher noch weiterdrehen wird. Jede einseitige Darstellung verschärft die Problematik, deshalb sehe ich auch die Medien in der Verantwortung. Es muss immer hintergefragt werden, warum manche Menschen so denken. Und nicht, wer so denkt, ist ein schlechter Mensch. Wer mit der AfD nicht redet, weil er die Partei von vornherein ablehnt, macht alles noch viel schlimmer.

Woher nehmen Sie Ihre Gewissheit, dass nur der Dialog weiterhilft?

Ich bin Mediziner. Wenn ein Patient mir Symptome vortrag, dann erforsche ich , was dahinter steckt. Was sind die Ursachen der Krankheit? Dieses Denkmodell übertrage ich auf die Gesellschaft. Ich erwarte von ihr, dass sie das leistet.

Reagiert die Politik auf Ihre Vorschläge?

Nein, bisher nicht. Dazu sind wohl zu viele Eitelkeiten und Narzissmus auf der anderen Seite im Spiel. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und das Abschneiden der AfD wird die Nagelprobe werden. Man kann nur hoffen, dass das Wahlergebnis zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit diese Partei führt und nicht zu einer diffamierenden Ausgrenzung. Man muss miteinander reden und das Kränkungspotenzial zurückfahren. Ansonsten wird die Radikalisierung weiter zunehmen. Interview: André Böhmer

Interview: André Böhmer

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