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Chaostage in Schneeberg: 200 Asylbewerber in einer Sporthalle

Chaostage in Schneeberg: 200 Asylbewerber in einer Sporthalle

Nirgendwo in Sachsen ist der Anteil der Asylbewerber an der Gesamtbevölkerung so hoch wie im Raum Aue-Schneeberg. Selbst die Rettungsdienste stoßen an ihre Grenzen.

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Liege an Liege: Das private Foto eines Asylbewerbers zeigt, wie eng es in der Sporthalle ist.

Quelle: Privat

Schneeberg. Die Landesdirektion hebt die Hände. Eine Woche Ausnahmezustand - eine junge Frau aus Tschetschenien hat sie miterlebt. Die 32-Jährige lebt mit 200 anderen Asylbewerbern in der Sporthalle auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne in Schneeberg (Erzgebirge). Liege presse sich an Liege, erzählt die Frau in gebrochenem Deutsch. Die Luft sei zum Schneiden, die sanitäre Situation eine Katastrophe. "Es gibt keine Handtücher, keine Kopfkissen, kein Duschgel", sagt sie. "Alle husten, meine Kinder haben Fieber."

Der Auer Landtagsabgeordnete Thomas Colditz von der CDU ist stinksauer auf die Landesbehörden. "Das kann nicht wahr sein, was hier passiert", schimpft er. Die letzte Hauruck-Aktion bringt für ihn das Fass zum Überlaufen. "Die Asylbewerber müssen untergebracht werden, das ist doch gar keine Frage", so Colditz. "Aber man könnte auch in Dresden und Leipzig Container aufstellen, statt noch mehr in diese Region zu pressen."

Denn im Großraum Aue-Schneeberg-Bad Schlema gibt es neben der Erstaufnahmeeinrichtung in der Kaserne noch das Asylbewerberheim in Aue-Alberoda und die Notunterkunft an der Schneeberger Straße in Aue. Insgesamt wohnen derzeit in den drei Orten zusammen mehr als 1500 Asylbewerber. In der Großstadt Dresden sind es gut 2000. Obgleich sich die Verteilung jeden Tag ändert und für die Gesamtzahl der Bevölkerung auf Daten des Statistischen Landesamts vom Dezember 2014 zurückgegriffen werden musste, ist der Vergleich deutlich: Während der Anteil der Flüchtlinge in Dresden etwa 0,4 Prozent beträgt, liegt er in Schneeberg bei 6,9 Prozent.

Die Vielzahl der Asylbewerber, die vor allem in der Erstaufnahme-Einrichtung, der ehemaligen Jägerkaserne, leben, bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Der Rettungsdienst der Johanniter fährt bei rund 40 Einsätzen am Tag inzwischen mehr als fünfmal zur Flüchtlingsunterkunft nach Schneeberg. "Wir sind an unserer Schmerzgrenze angelangt", sagt Dirk Roscher, Bereichsleiter Rettungsdienst der Johanniter. "Weil ein Arzt vor Ort fehlt, der die Flüchtlinge rund um die Uhr betreut, geht bei der Rettungswache in Bad Schlema ständig der Piepser." Die Einsatzzahlen seien förmlich explodiert. Für die zusätzliche Arbeit fehlten Rettungskräfte und Einsatzfahrzeuge. "Unser Bestand ist nicht auf die akute Situation mit mehr als 1000 Flüchtlingen abgestimmt", sagt Roscher.

Das Gerücht, dass sich Asylbewerber krank melden und sich ins Krankenhaus einliefern lassen, um der Sporthalle für ein paar Tage zu entfliehen, will Roscher weder bestätigen noch dementieren. "Ob jemand simuliert, wissen wir nicht. Verstehen könnte ich aber jeden, der es versucht." Die Unterbringung in der Turnhalle sei menschenunwürdig. Anfangs habe es für Hunderte Menschen nur zwei Sanitäranlagen gegeben. "Es herrschen Bedingungen, bei denen sich Krankheiten schnell ausbreiten können."

Für die Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen ist die Landesdirektion Sachsen zuständig. Sprecher Ingolf Ulrich berichtet, unter den Menschen, die in der Schneeberger Turnhalle hausen, sei "eine ganze Reihe von Familien mit Kindern". Man strebe an, die Menschen jeweils nach zwei bis drei Tagen zu verlegen. Doch Ausweichquartiere gibt es nicht mehr. "Wir suchen landesweit mit Hochdruck nach weiteren Kapazitäten."

Erst am Dienstag hatte die Landesdirektion begonnen, Asylbewerber in einem Polizeigebäude am Görlitzer Flugplatz unterzubringen - "zur Vermeidung von Obdachlosigkeit", wie es hieß. Auch diese Plätze sind nun alle belegt. "Wir erleben in Sachsen derzeit einen Ansturm von etwa 100 Menschen am Tag", so der Behördensprecher. "Vor einem Jahr um die Zeit waren es 30." Besonders der Zustrom aus dem Kosovo sei völlig unerwartet gekommen.

Die Folge: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge kommt mit der Aufnahme der Asylanträge nicht mehr hinterher. "Die schaffen 60 bis 70 Anträge pro Tag", sagt Ulrich. Ganz abgesehen von der Bearbeitung. Inzwischen würden bereits bis zu 400 Flüchtlinge auf die Landkreise verteilt, bevor ihr Asylantrag überhaupt aufgenommen wurde.

Als Reaktion auf die prekäre hygienische Situation in Schneeberg wurden am Mittwoch als Übergangslösung acht mobile Toilettenhäuschen aufgestellt. Zudem wurde eine Sanitärstation mit WCs und Duschen angeliefert. Doch nächste Woche ist es wieder vorbei mit dem gesamten Provisorium. Dann sind die Winterferien zu Ende und die Turnhalle muss für den Schulsport geräumt sein. (fp)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.02.2015

Gunter Niehus, Susanne Devaja,

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