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Cha-Cha-Cha für Gott

Eine Frau zieht ins Kloster Cha-Cha-Cha für Gott

Es gab einen Ring, die Braut trug Schleier. Im Gottesdienst zückten manche ein Taschentuch. Aber Schwester Michaela feierte keine Hochzeit im klassischen Sinn. Die 30-Jährige schloss in einer feierlichen Zeremonie im Kloster der Klarissen in Bautzen einen ewigen Bund mit Gott.

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Quelle: dpa

Bautzen. Es gab einen Ring, die Braut trug Schleier. Im Gottesdienst zückten manche ein Taschentuch. Aber Schwester Michaela feierte keine Hochzeit im klassischen Sinn. Die 30-Jährige schloss in einer feierlichen Zeremonie im Kloster der Klarissen in Bautzen einen ewigen Bund mit Gott. Mit dem Gelübde hat sich die junge Frau nun endgültig an den Orden in der Spreestadt gebunden.

Eine Woche nach der Zeremonie sitzt Schwester Michaela im Besucherzimmer des Klosters. Die junge Frau schiebt die Hände in die Ärmel ihrer braunen Ordenstracht. An den Handgelenken hat sich ein Stückchen blauer Wollpullover hervorgeschoben. Es ist ihr Lieblingspullover. Ihn trug die gebürtige Wittenbergerin schon, als sie das erste Mal an der Klosterpforte klingelte. Damals war sie eine Suchende, sagt sie. Heute schmunzelt sie ein wenig über die damalige Katrin Damm.

Jeans und den alten Namen tauschte sie vor fünf Jahren gegen Schleier, Nonnenhabit und den neuen Ordensnamen. Die Zeit des Noviziats folgte. Damals wie heute gehört Schwester Michaela zu den jüngsten Nonnen in Deutschland. Das Eintrittsalter liegt meist bei 40 Jahren und älter. „Dieses Später spiegelt sich in der gesamten Gesellschaft, Ehen werden später geschlossen, Kinder kommen später. Die Menschen probieren sich aus“, sagt Katharina Kluitmann. Die Franziskanerschwester und Psychologin aus Lüdinghausen (Nordrhein-Westfalen) untersuchte für ihre Promotion den Wandel der Ordensgemeinschaften in Deutschland.

Nach Angaben der Deutschen Ordensobernkonferenz ist bei den bundesweit rund 1200 katholischen Klöstern seit 1995 die Zahl der Ordensfrauen aller Gemeinschaften von 37 679 auf mittlerweile 17 513 gesunken. Bei den Priesterorden in Deutschland gab es Mitte der 90er Jahre noch 6300 Mitglieder. Heute sind es gut 2000 Mönche weniger. Etwa 1000 Schwestern und Brüder sterben jedes Jahr. Aber nur 70 Novizinnen und etwa doppelt so viele Männer befinden sich derzeit in der Ausbildung. Besonders die Frauenorden sind im Umbruch. „Da braucht es starke Frauen, die diese Veränderung mitgestalten wollen“, so Kluitmann.

Davon ahnte Schwester Michaela nichts, als sie vor neun Jahren an der Klosterpforte klingelte. Durch Zufall hatte sie vom Treffpunkt St. Clara gehört - als einen Ort, wo man über sein Leben mit Gott sprechen kann. „Hallöchen, die Damen“, schrieb sie in ihre Ankündigungsmail. Am Bautzener Stadtrand öffnete ihr Schwester Clara - als Äbtissin vertritt sie ihre Gemeinschaft nach außen - den Weg in die fremde Welt. Die Bautzener Klarissen leben zurückgezogen im Zwiegespräch mit Gott. Vier Nonnen und zwei Postulantinnen aus Wien gründeten 1925 das Haus.

Schwester Michaela fand zum Glauben „im Schnelldurchlauf“, wie sie selbst befindet. In einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen, ging sie heimlich in die Kirche. Ihre Taufe 2006 boxte sie allein durch. „In meinem früheren Leben musste ich eine Rolle spielen. Hier kann ich sein, wie ich bin“, sagt die Ordensschwester. Doch erst sträubte sich noch alles beim Gedanken an ein Leben im Kloster. Bist du dafür geschaffen, fragt sie sich, bis sie 2009 sicher ist. „Ich musste es allen sagen und fühle mich als Marktschreier Gottes“.

Gleichzeitig verabschiedete sie sich von ihrem alten Leben, vom Traum, Strafrichterin zu werden, auch vom Tanzen. Mit ihrem Tanzpartner schwebte die 1,89 Meter große Frau früher am liebsten zu lateinamerikanischen Rhythmen übers Parkett. Zuweilen holt sie sich dieses Gefühl im Klostersaal zurück. „Ich habe schon Cha-Cha-Cha für Gott getanzt“, sagt sie. Manchmal legt sie vorher noch eine Runde am Boxsack ein.

Irgendwohin müssen ja die Energie und zuweilen auch der Frust in der „WG der heiligen Damen“ hin. Denn das Leben, auch die Enge, bringt manche Herausforderung mit sich. Neben vier Stunden Gebet Tag wie Nacht teilen sich sechs Schwestern die Arbeit im Kloster. Bis vor kurzem drückte Schwester Michaela als Novizin noch die Schulbank. In ihrer Ausbildung begleitete sie immer wieder die Frage, ob sie sich ein Leben lang arm, ehelos und gehorsam an die Gemeinschaft binden will. Neun Tagebücher füllen solche Gedanken.

Wer den Schritt wagt, findet bei rund 430 Orden ein passendes Kloster, sagt Michael Baudisch, Pressesprecher des Bistums Dresden-Meißen. “Die Salesianer arbeiten in Chemnitz mit Jugendlichen, die Jesuiten stehen im Alltag. Die Klarissen widmen ihr Leben dem Gebet. Diese Gemeinschaften sind keine Sammelbecken gebrochener Existenzen.“

Doch bleibt die Frage: Was zieht ins Kloster? „Es ist das atemberaubende Vertrauen, dass die Karte Gott trägt – mit allen Zweifeln. Frömmigkeit erleichtert die Sache“, sagt Schwester Katharina Kluitmann.

Für die Gottesfurcht und den zeitweiligen Zweifel hat Schwester Michaela inzwischen ihre eigenen Wege gefunden. „Ein Ehemann kann auch stressen. Vielleicht packt mich mal die Sehnsucht nach Kindern oder die Angst, nichts zu hinterlassen“, sagt sie. Für solche Momente bleibe ihr das Gebet. Manchmal streift sie sich dann auch die Boxhandschuhe über. Und wenn der „Sack genügend eingesteckt hat“, tanzt sie Cha-Cha-Cha für ihre große Liebe. 

dpa

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