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Ausbildung „light“ - Chance für Menschen mit Behinderung

„Werkstätten:Tag 2016“ in Chemnitz Ausbildung „light“ - Chance für Menschen mit Behinderung

Eine Ausbildung ist für Menschen mit Behinderung oft nur schwer zu bewältigen. Maßgeschneiderte Praxisbausteine sollen beim Schritt in den Arbeitsmarkt helfen. In Sachsen läuft nun ein Pilotprojekt.

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Henry Hillmann (19) arbeitet in der Werkstatt des Sächsischen Epilepsiezentrum Kleinwachau gemeinnützige GmbH in Radeberg. Kleinwachau ist eine gemeinnützige diakonische Einrichtung, die Menschen mit Epilepsie und Menschen mit Behinderungen - ambulant und stationär - behandeln und betreuen.

Quelle: Arno Burgi/dpa

Radeberg/Chemnitz. Er schraubt, hämmert, klopft: Im Akkord bearbeitet Henry Hillmann Metallhalterungen. Stapelt sie zu einem Turm und verpackt sie in große Kisten. Später werden sie an Firmen ausgeliefert und für sanitäre Anlagen verbaut. Der 19-Jährige arbeitet in einer Werkstatt des Sächsischen Epilepsiezentrums in Radeberg, wo mehr als 100 Menschen mit Behinderung beschäftigt sind. Über seine „Handicaps“, wie er sie nennt, spricht der junge Mann ganz offen: „Erstens mein Rücken und zweitens meine Lese- und Rechtschreibschwäche.“ Schwere Arbeiten kommen nicht in Frage, ebenso wenig wie Büroarbeit - oder eine reguläre Ausbildung.

Lernen will der 19-Jährige dennoch. Dabei hilft ihm ein Pilotprojekt der Diakonie in Sachsen, dass die Inhalte einer Berufsausbildung in viele Teile zerlegt, sogenannte Praxisbausteine. Am Ende der Mini-Ausbildungen - knapp 80 an der Zahl - winkt ein Zertifikat der Industrie- und Handelskammern. Das gab es bisher nicht. „Viele werden wahrscheinlich nie in der Lage sein, eine Ausbildung zu machen. Aber sie haben Fähigkeiten, die sie sich nun anerkennen lassen können“, sagt Matthias Dieter, Referent für Behindertenhilfe beim Landesverband der Diakonie, der das Projekt angestoßen hat.

Dieter hofft mit dem anerkannten und standardisierten Verfahren auf einen „Aha-Effekt“ bei den Unternehmen - und dass sie Menschen mit Behinderung eher eine Chance geben. Die Bausteine gibt es in elf Praxisfeldern, sie sind unterschiedlich anspruchsvoll und dauern zwischen 120 bis 250 Stunden. Ein Beispiel: Von der Ausbildung „Fachkraft im Gastgewerbe“ wurden verschiedene Versatzstücke herausgepickt, etwa das Vorbereiten von Lebensmitteln, Anrichten, Dekorieren und die Ausgabe von Speisen. Neben Küche und Service gibt es auch Bausteine aus dem Bereich Büro, Montage, Holz- und Metallverarbeitung.

Das Sächsische Epilepsiezentrum ist eines der ersten, die das Modell seit gut einem Monat umsetzen. „Unsere Erfahrung geben wir dann an andere Werkstätten weiter“, sagt Projektleiterin Katharina Burkhardt. Praxisbausteine gibt es im Bereich Montage, Reinigung und Metall. Auch Henry Hillmann will bald ein Zertifikat in den Händen halten. Bis zu vier Monaten dauert es, einen Praxisbaustein zu durchlaufen. Theorie und vor allem Praxis gehören dazu, vor dem Zertifikat steht die einstündige Prüfung. Für viele keine leichte Aufgabe.

Katharina Burkhardt erklärt, dass auch Schwerbehinderte teilnehmen können - sie bekommen dann eine Teilnahmebestätigung. Es sei auch wichtig für Menschen mit Behinderung, ihre Leistungen und Grenzen besser einschätzen zu können. Bisher habe es keinen verbindlichen, einheitlichen Bildungsstandard in den Werkstätten gegeben.

Bundesweit arbeiten rund 300.000 Menschen mit geistigen, körperlichen und psychischen Behinderungen in rund 700 Werkstätten, in Sachsen sind es 16.800 in 60 Werkstätten. Träger der Einrichtungen sind meist kirchliche Verbände und Wohlfahrtsverbände.

„Eine Werkstatt ist ein wirtschaftlicher Betrieb, der sich tragen muss, so Burkhardt. Die Einrichtung beliefert vor allem regionale Unternehmen der Autoindustrie und der Metall- und Kunststoffbranche. „Man muss schauen, dass man die passende Arbeit findet und gute Qualität liefert.“

Werkstätten sollen auch ein Sprung auf den regulären Arbeitsmarkt sein. Letztendlich schaffe es aber nur ein kleiner Teil, erzählt Katharina Burkhardt, die zugleich Inklusionsbeauftragte ist. Aus den Werkstätten des Epilepsiezentrums sind es bis zu drei Menschen mit Behinderung pro Jahr, die einen Job bekommen - sachsenweit 16 von allen Werkstätten. Das liegt laut Burkhardt auch daran, dass es zu wenig Praktikumsstellen und Arbeitsplätze gibt.

Vom Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt profitieren schwerbehinderte Menschen in Sachsen bislang kaum. Während sich die Arbeitslosigkeit im Freistaat zwischen 2005 und 2015 insgesamt mehr als halbiert habe, ist sie nach Angaben der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit bei Schwerbehinderten nahezu gleich geblieben. Demnach waren im Vorjahr rund 10 400 schwerbehinderte Frauen und Männer in Sachsen arbeitslos gemeldet - 1,5 Prozent mehr als noch im Jahr 2005.

Wie die Arbeitschancen und Bildung für Menschen mit Behinderung verbessert werden kann, darüber diskutieren vom 20. bis zum 22. September rund 2000 Teilnehmer beim „Werkstätten:Tag 2016“ in Chemnitz. „Ohne Werkstätten hätten viele behinderte Menschen keine Angebote der Teilhabe am Arbeitsleben“, so Jörg Heyer von der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen.

Henry Hillmann mag es, mit Metall zu arbeiten und kommt gern in die Werkstatt nach Radeberg. Auch, wenn manches für ihn nicht so einfach ist - er schaut nach vorn. Sein Motto: „Neuer Tag, neues Glück.“ In den nächsten Monaten lernt Hillmann alles über Metallverarbeitung. „Denn mein Ziel ist es, das hab ich mir fest vorgenommen, auf den öffentlichen Arbeitsmarkt zu kommen.“ Er will seinen Lebensunterhalt selbst verdienen - am liebsten mit Holz- oder Metallverarbeitung. Und endlich genügend Geld für seine Hobbys haben: Filme anschauen und kleine Kunstwerke aus Recyclingmaterialien basteln.

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