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Auf einen Kaffee mit Mojib - Treffpunkt für Flüchtlinge und Helfer

Leipzig Auf einen Kaffee mit Mojib - Treffpunkt für Flüchtlinge und Helfer

In einem Café in Leipzig treffen sich Ehrenamtler mit Asylsuchenden. Bei Kaffee und Keksen kommen die großen und kleinen Probleme der Flüchtlinge zur Sprache.

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Mojib Abassi aus Afghanistan steht am 17.03.2016 in Leipzig (Sachsen) im sogenannten «Südcafe», einer Begegnungsstätte für Geflüchtete und Deutsche.

Quelle: dpa

Leipzig. Die Studenten Anna und Clemens sitzen an einem Tisch im „Südcafé“ in Leipzig und spielen mit drei syrischen Geschwistern „Mensch ärgere Dich nicht“. So richtig rund läuft es nicht. „Es ist halt schwierig mit dem Sich-nicht-ärgern“, sagt Clemens und lacht. Ein paar Tische weiter sitzen die Eltern der Kinder und pauken mit anderen Helfern Deutsch. Das „Südcafé“ ist ein Treffpunkt für Flüchtlinge und Ehrenamtler. Zweimal pro Woche, immer dienstags und donnerstags, kommen sie in der Mensa des Evangelischen Schulzentrums zusammen und trinken Kaffee, spielen, plaudern, lernen.

Die Idee für den Treff sei in der Leipziger Bethlehemgemeinde im vorigen Frühjahr entstanden, als die Flüchtlingszahlen hochschnellten, sagt Koordinatorin Annegret Jopp (46). „Es sollte etwas her, wo man Flüchtlinge sehr niedrigschwellig kennenlernt, indem man einfach zusammen einen Kaffee trinkt.“ Am 1. November ging es los, finanziert von der Stadt Leipzig, der evangelischen Landeskirche und Spenden.

Die sächsische Landeskirche unterstützt landesweit mehr als 60 derartige Projekte, wie Sprecher Matthias Oelke sagt. Rund eine halbe Million Euro sollen dafür in diesem Jahr bereit stehen. „Die ehrenamtliche Arbeit, die es vor Ort gibt, kann man ja gar nicht bezahlen. Aber wir wollen sie wenigstens unterstützen und begleiten.“

Ins „Südcafé“ kommen jedesmal rund 70 Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und anderen Ländern. Am Anfang habe man mit Flyern und im Internet auf das Angebot aufmerksam gemacht und auch Helfer gesucht, erzählt Jopp. Jetzt sei das Café bekannt und es gebe viele Freiwillige. „Es spricht sich irgendwie rum.“ Mehr als 20 Ehrenamtler bieten Gespräche und Hilfe an.

Eine der Engagierten ist Sozialarbeiterin Christin Wolf (38). Sie kommt einmal pro Woche mit ihrer kleinen Tochter, die inzwischen schon ein Maskottchen des „Südcafés“ geworden sei. Sie übe mit den Menschen („Flüchtling ist ein Wort, das ich fast schon nicht mehr hören kann.“) sprechen, helfe aber auch bei Übersetzungen und Behördengängen. Es sei beachtlich, welche Sprachfortschritte die Stammgäste inzwischen schon gemacht hätten.

Wolf kann ebenso wie die anderen Helfer von vielen Widrigkeiten berichten, mit denen die Flüchtlinge klarkommen müssen. Bei Formularen zum Beispiel müsse sie selbst oft googeln, um sie zu verstehen. „Amtsdeutsch, es ist furchtbar“, sagt Wolf. Dann erzählt sie die Anekdote, wie sie mit einem Flüchtling einen Gutschein für einen Integrationskurs abholen wollte. „Die Dame im Amt spricht nur Deutsch. Die Leute, die zu ihr kommen, sprechen ja aber noch kein Deutsch.“ Welten prallen aufeinander.

Unter den Gästen im „Südcafé“ ist auch die Dozentin Dorina Kind mit Sprachschülern aus Afghanistan und Iran. Ihre Schützlinge sollen „hier einfach mal jenseits der Grammatik reden“, sagt sie. „Und sie sollen auch sehen: Deutschland besteht nicht nur aus Legida/Pegida.“ Dass Geflüchtete in der Stadt angepöbelt werden, komme durchaus vor.

Während Kind erzählt, kommt Mojib (25) aus Afghanistan an den Tisch. Er ist einer ihrer Sprachschüler und war gerade ein WG-Zimmer anschauen. Noch wohnt er in einer Gemeinschaftsunterkunft, aber dort will er raus. „I've got the key“ (Ich habe den Schlüssel bekommen), sagt Mojib und hält den Schlüssel hoch. Kind freut sich für ihn. Die Wohnungssuche für Geflüchtete sei schwierig - gerade für die aus Afghanistan, die eigentlich kaum Aussicht auf Asyl hätten und nur geduldet würden für sechs Monate.

Mojib, der vor fünf Monaten über die inzwischen dicht gemachte Balkanroute kam, glaubt trotzdem an eine Zukunft in Deutschland. Es sei zwar schwierig mit der Sprache, aber er wolle sie erlernen und mehr über die deutsche Kultur erfahren. Deswegen komme er gerne ins „Südcafé“. Ernüchtert klingt Mojib, wenn er sagt, dass er sich in Deutschland nicht so willkommen fühlt, wie er gedacht hatte. Aber bleiben wolle er, sagt er. „Hier ist es sicherer.“ Der 25-Jährige will studieren und später Filme drehen. „Es ist schwierig. Aber es ist nicht unmöglich.“

Immer nur harmonisch sei das Zusammentreffen der Geflüchteten und der Helfer übrigens nicht gelaufen, erzählt Ehrenamtlerin Wolf. Zum Beispiel sei es schon schwierig gewesen, dass anfangs fast nur Männer gekommen seien, während die Helfer fast nur Frauen waren. „Aber wenn ich eines hier gelernt habe, dann: Es gibt nicht den Flüchtling. Es sind alles Individuen mit einer eigenen Geschichte und eigenen Ideen“, sagt Wolf. „Wir müssen ihnen erklären, wie die Dinge hier eigentlich funktionieren. Wir müssen miteinander reden.“

Von Birgit Zimmermann, dpa

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