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Auch in Einsiedel finden Flüchtlinge Helfer

Asyl Auch in Einsiedel finden Flüchtlinge Helfer

Wenn Ali aus dem Fenster sieht, bietet sich ihm das Panorama von Einsiedel. Doch Ali und seine Familie wissen nicht erst seit den fremdenfeindlichen Ereignissen in Clausnitz und Bautzen, dass sie hier nicht jedem willkommen sind.

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Licht brennt in der Erstaufnahmeeinrichtung in Einsiedel. Bis zu 2000 Menschen protestierten gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in dem Chemnitzer Stadtteil. Mittlerweile sind die Asylsuchenden da – und haben Menschen gefunden, die ihnen helfen.

Quelle: dpa

Chemnitz. Wenn Ali aus dem Fenster sieht, bietet sich ihm das Panorama von Einsiedel. Selbst der meterhohe Zaun vor der Flüchtlingsunterkunft, gekrönt von Stacheldraht, kann dem 22-jährigen Afghanen die Aussicht nicht verderben. In den Gärten auf der anderen Seite der Straße sprießen schon die ersten Frühblüher. Doch Ali und seine Familie wissen nicht erst seit den fremdenfeindlichen Ereignissen in Clausnitz und Bautzen, dass sie hier nicht jedem willkommen sind. Allerdings hat sich im Chemnitzer Stadtteil Einsiedel mit seinen rund 3500 Einwohnern einiges verändert.

Die Erstaufnahme-Einrichtung in Chemnitz-Einsiedel war im Herbst 2015 in die Schlagzeilen geraten. Bis zu 2000 Menschen protestierten gegen die Unterbringung von Flüchtlingen im ehemaligen Pionierlager. Mittlerweile sind die Asylsuchenden da – und haben Menschen gefunden, die ihnen helfen.

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Ihr Empfang in der Erstaufnahmeeinrichtung, hoch oben über Einsiedel direkt am Waldrand, war alles andere als herzlich. Acht Blockierer musste die Polizei bei der Ankunft der ersten 40 Flüchtlinge Anfang Januar von der Straße tragen. Auf Transparenten war „Einsiedel sagt Nein“ zu lesen, rund 80 Demonstranten riefen unter anderem „Not welcome“ (Nicht willkommen). Wenige Tage später mussten 400 Polizisten den Einzug weiterer 170 Asylsuchender sichern. Wo zu DDR-Zeiten Schüler ihre Sommerferien verbrachten, wohnen nun Familien aus Syrien, Afghanistan, dem Irak oder Libanon.

Als im vergangenen September bekannt wurde, dass in Einsiedel Flüchtlinge untergebracht werden sollen, trieb das bis zu 2000 Menschen auf die Straße des sonst so ruhigen Ortes. Der ist knapp 30 Autominuten vom Chemnitzer Zentrum entfernt, gefühlt aber sehr weit weg von der Großstadt.

Inzwischen gehen in Einsiedel deutlich weniger Demonstranten auf die Straße. Doch der Mittwoch ist Demo-Tag geblieben. Anfangs richtete sich der Protest gegen die Erstaufnahme vor der eigenen Haustür, die vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betreut wird. Inzwischen gehe es um die Asylpolitik im Großen und Ganzen, sagt Ronny Matthes, Mitorganisator des Schweigemarsches. Nazis seien er und seine Mitstreiter deshalb nicht, sagt er.

Dass unter den Demonstranten auch Sympathisanten der sogenannten Ein-Prozent-Bewegung mitlaufen, die als Projekt der Neuen Rechten gilt, hält Matthes nicht für problematisch. Mit einer bizarren Protestaktion habe man zudem nichts zu tun: Mehrere teils vermummte Menschen waren mit Fackeln vor der Asylunterkunft aufgezogen.

„Es muss sich etwas ändern, deshalb machen wir weiter“, sagt Matthes mit Blick auf die Demos. Seinen Angaben zufolge sind es nach wie vor jede Woche zwischen 600 und 700 Demonstranten, zwei Drittel davon seien Einsiedler Bürger.

Der örtliche Pfarrer Johannes Dziubek hat ein anderes Bild von den Protestierenden. Der größte Teil derer, die hinter dem Banner „Einsiedel sagt Nein“ herliefen, wohne gar nicht hier. „Bei so viel Hilfsbereitschaft ist die Behauptung "Einsiedel sagt Nein" schlicht anmaßend und falsch“, schreibt der evangelische Geistliche im Gemeindebrief. Tatsächlich gibt es längst auch Unterstützer für die Flüchtlinge: Aus der Kirchgemeinde heraus hat sich ein Helferkreis mit rund 80 Ehrenamtlichen gebildet.

Sie spielen mit den Flüchtlingskindern oder stricken mit deren Müttern. Zudem engagieren sich Schüler des Gymnasiums Einsiedel für die Neuankömmlinge. Selbst der ortsansässige Sportverein wolle jetzt helfen, erzählt der Landtagsabgeordnete und Stadtrat Jörg Vieweg (SPD). Er wohnt im Nachbarort und macht im Helferkreis mit. Seiner Wahrnehmung nach hat sich die Situation inzwischen normalisiert. „Aber es geht ein Riss durch den Ort“, sagt der SPD-Politiker.

So empfinden es viele in Einsiedel, auch Steffi Barthold. Auf der einen Seite kommen bei der Leiterin einer Begegnungsstätte viele Spenden für die Asylbewerber an. Gleichzeitig muss sie sich als „Verräterin“ beschimpfen lassen. Die Ortschaftsrätin wurde auf dem SPD-Bundesparteitag im vergangenen Dezember von Parteichef Sigmar Gabriel für ihr Engagement gegen Rechts ausgezeichnet. Postwendend kam die Antwort aus Einsiedel: „Wir sind kein Nazi-Dorf“. Man sah sich zu Unrecht über einen Kamm geschoren mit Extremisten.

Ortsvorsteher Falk Ulbrich hat Gabriel inzwischen persönlich getroffen. Er erklärte Gabriel, dass sich viele in Einsiedel über vage Angaben aus der Politik zur Flüchtlingssituation und über ignorierte Ängste in der Bevölkerung ärgerten. So ist es zumindest in einer Pressemitteilung nachzulesen. In dem Gespräch habe Gabriel versprochen, „Türen zu öffnen“ für eine mögliche Nachnutzung des einstigen Pionierlagers, wenn die Asylbewerber dort eines Tages weitergezogen sind.

Bis es soweit ist, zeigt sich selbst die Kirchgemeinde gespalten. Die einen gehen regelmäßig zu den Flüchtlingen, die anderen gehen mittwochs zum Schweigemarsch. Doch die früher massiven Ängste vor einem Ansturm von Fremden sind weitestgehend verstummt, zumindest nach dem Eindruck von Pfarrer Dziubek. „Viele hatten im Herbst die Sorge, dass das erst der Anfang ist.“ Damals machten Gerüchte von bis zu 2000 zu erwartenden Flüchtlingen die Runde.

Aktuell leben 145 Migranten in Einsiedel. In der 250.000 Einwohner zählenden Stadt Chemnitz sind es laut Stadtverwaltung etwa 3650. Tatsächlich hält die Landesdirektion in Einsiedel 544 Plätze für Flüchtlinge vor. Sachsenweit kommen seit Jahresbeginn nach Angaben des Innenministeriums deutlich weniger Flüchtlinge als früher an. Von den derzeit rund 19.500 Plätzen in Erstaufnahmen – davon werden 35 Unterkünfte mit etwa 15.500 Betten vom DRK betreut – sind drei Viertel nicht belegt.

Dennoch wurde Einsiedel nicht von der Liste gestrichen, weil die Unterkunft gerade für Familien mit Kindern gut geeignet sei, heißt es in der Landesdirektion. „Die Kinder können hier wieder Kinder sein, am liebsten spielen sie den ganzen Tag Fußball“, sagt Einrichtungsleiterin Anne Eidam, während sie kaum einen Schritt über den Hof machen kann, ohne dass Kinder sie umringen und mit ihr Bonbons teilen wollen.

Die Stimmung „draußen“ geht an den Flüchtlingen nicht vorbei. Angst hätten sie deshalb aber nicht. „Wir haben Schlimmeres erlebt“, sagt Ali. Er hat in seiner Heimat vor seiner Flucht nebenher Englisch unterrichtet und übersetzt während des Gesprächs für seine Eltern aus der afghanischen Landessprache Dari. Zudem begegneten ihnen auch auf den Straßen von Einsiedel viele Menschen freundlich, ergänzt sein Vater Hassan. Die ganze Familie sei einfach froh, am Leben zu sein und wolle nun nach vorn blicken, ein Teil der deutschen Gesellschaft werden, etwas beitragen.

Der Blick zurück ist schmerzhaft. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) würde Afghanistan zwar am liebsten als sicheres Herkunftsland einstufen. Doch hätten Ali und seine Familie dann ihr gesamtes früheres Leben einfach zurückgelassen? Ali spricht von mehreren florierenden Geschäften in der Hauptstadt Kabul, diversen Immobilien, guten Studien- und Arbeitsplätzen für die Kinder. Ali studierte im vierten Semester Bauingenieurwesen, erzählt er, seine Schwester war Ärztin, der Bruder Hochschuldozent. Bis die Taliban immer näherkamen.

„Wir wollten unser Land nicht verlassen, wir hatten keine Wahl. Was nützt dir all das, wenn dein Leben jeden Tag in Gefahr ist“, übersetzt Ali die Worte seines Vaters. Nur zwei Siegelringe an den Händen des 53-Jährigen erinnern an dieses alte Leben. Ebenso wie seine 50 Jahre alte Frau Maryam sieht er älter aus als er ist.

Bis Alis Familie auf eine andere Kommune weiterverteilt wird, steht sie in Einsiedel laufend unter Beobachtung. Die Demonstranten haben für einen „Infostand“, den sie seit Herbst betreiben, ein neues Domizil gefunden – gleich gegenüber der Asylunterkunft in einem Schrebergarten. Bislang jedoch gebe es keinen Ärger mit den neuen Nachbarn, räumt Ronny Matthes ein.

Tatsächlich ist die Kriminalstatistik von Einsiedel mit elf Delikten im Vergleich zu drei Vorfällen im Januar 2015 sprunghaft gestiegen. Acht davon gehen allerdings auf das Konto der Einrichtungsgegner – unter anderem wegen Widerstands gegen die Polizei und das Zeigen verfassungswidriger Kennzeichen.

dpa

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