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An der Oper Frankfurt inszeniert Altmeister Harry Kupfer mit dem "Spieler" seinen ersten Prokofjew

An der Oper Frankfurt inszeniert Altmeister Harry Kupfer mit dem "Spieler" seinen ersten Prokofjew

Zugegeben, Berlin war irgendwann mal so mit Harry-Kupfer-Inszenierungen überversorgt, dass man ihn dort nicht mehr mochte und vergraulte. Doch die deutsche Hauptstadt ist ja nun wahrlich nicht der Nabel der Opernwelt.

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Szene aus Kupfers Inszenierung "Der Spieler".

Quelle: Monika Rittershaus

Und weg vom Fenster war der ob seiner gradlinigen Stücktreue und perfekten Personenregie hochgeschätzte Altmeister und Felsenstein-Erbe nie. In Wien beispielsweise betrat er (mit seinem erfolgreichen Elisabeth-Wurf) nicht nur Musical-Neuland. In Zürich hat er in jüngster Zeit seinen Beitrag zum Wagnerjahr abgeliefert. Und auch an der Oper Frankfurt, wo er schon in tiefsten DDR-Zeiten, vor allem aber nach seinem Bayreuther Holländer 1978, mit einer "Lulu" glänzte, gehört er längst wieder zu den geschätzten Gastregisseuren der ehrgeizigen Hausleitung. Diesmal mit seinem (erstaunlicherweise) ersten Prokofjew. Wie in seinen Ostberliner Komische-Oper-Zeiten in Deutsch.

An der Frankfurter Oper hat man offenbar eine Vorliebe für rotierende Scheiben. Da wird (dank Vera Nemirowa) auf einem Riesenexemplar schon in aller Ring-Ausführlichkeit metaphorisch mit dem Rheingold gezockt. Diesmal ist es gleich so etwas wie eine überdimensionale, angekippte Roulette-Scheibe. Die steht in und für jenen fiktiven deutschen Kurort Roulettenburg, den Sergej Prokofjew nach Fjodor Dostojewskis erfahrungsgetränktem Kurzroman "Der Spieler" (1866) zum Libretto für seine erste Oper gemacht hat. Der bereits 1916 vollendete, aber in Folge der Revolution in Russland erst 1929 in Brüssel in Französisch uraufgeführte Vierakter ist heut keines der häufig gespielten Werke des Russen. Gleichwohl hat er den aparten Charme, den typisch russische Verlierergeschichten allemal verströmen. Und musikalisch obendrein eine merkwürdig modern anmutende arienlose, fast opernferne Unrast. Dieses eher deftig als subtil gestrickte Konversationsstück entfaltet alsbald einen eigenen Drive und beschleunigt sich, wenn in der großen Casinoszene die Spielleidenschaft auf die finale Katastrophe zusteuert. So wie der Himmelskörper, den Bühnenbildner Hans Schavernoch im Breitbandformat über dem Geschehen auf die Erde zurasen lässt, bis er einschlägt. Meistens sieht man dort aber das opulente Innere nobler Spielbanken. Diese Katastrophenmetapher und der doppelte Boden, den ein Irrenhaus samt weißbekitteltem Personal hinter einer Glaswand andeutet, diagnostizieren den tödlichen Wahnsinn jeder Spielsucht. Mag sein, dass es den Regisseur Überwindung gekostet hat, den Blick nicht direkt auf und hinter die Skyline von Mainhattan, gleich vor der Frankfurter Oper, zu richten. Nur das Plakat zur Aufführung deutet in diese Richtung. Da sieht man eine Krawatte, die wie eine Schlinge vor dem Wolkenspiegelbild einer Glasfassade baumelt.

Auf der Bühne bleibt der Altmeister und frühere Dresdner Operndirektor Harry Kupfer bei der Sache und beim Personal sogar im historischen Ambiente (Kostüme: Yan Tax). Mit Tempo, Spielwitz und der Lächerlichkeit, mit der sie sich hier alle gegenseitig belauern. Und auf den Tod der Erb-Großmutter im fernen Moskau spekulieren. Die aber kommt prompt im Rollstuhl in das deutsche Provinz-Kasino, um zum Ärger der gierigen Meute ihr ganzes Geld selbst zu verzocken. Weil in Frankfurt die Legende Anja Silja in diesem Rollstuhl sitzt und ihre nach wie vor stimmstarke Präsenz der Einsatz ist, hat die Bühne mit dieser Babuschka ein starkes Zentrum. Sonst profilieren sich dort neben Frank van Akens mit beachtlichem Tenorformat dem Rausch verfallenden Hauslehrer Alexej vor allem der in Sachen Erbschaft leer ausgehende General des komödiantischen Clive Bayley und die ihre Grenzen auslotende Barbara Zechmeister als allseits, besonders aber von Alexej begehrte Generalsstieftochter Polina. Im Graben sorgt Sebastian Weigle für einen Parlandoschmiss, zu dem oben auf der Bühne Harry Kupfer seinen Trumpf ausspielen kann. Und der ist nach wie vor eine wie selbstverständlich wirkende Personenregie, die die Bühne füllt und die Figuren profiliert, dabei aber stets auf eine Bewegung setzt, die von der Musik unmittelbar beglaubigt wird. Am Ende sind zwar alle pleite, verrückt geworden oder tot. Aber die Frankfurter Oper hat ein selten gespieltes Stück auf dem hier üblichen musikalisch szenischen Niveau gewonnen.

Vorstellungen: 18. und 20. Januar, 15.,17.,22., und 24. Februar

www.oper-frankfurt.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.01.2013

Joachim Lange

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