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AfD - Alternative für Dürrhennersdorf

AfD - Alternative für Dürrhennersdorf

Gemächlich schlängelt sich die vier Kilometer lange Dorfstraße durch die hügelige Oberlausitz. Ein Wolkenbruch hat Dächer und Gärten reingewaschen.

Die kühle Dusche lässt Wiesen dampfen. "Das wurde aber auch Zeit", sagt Gert Passig. Der Landwirt hat 100 Hektar Felder und Weiden rings um Dürrhennersdorf zu bewirtschaften, damit seine 120 Kühe gut im Futter stehen. "Wir leben hier hinter einer Wasserscheide und kriegen seltener Regen als andere," erklärt der Mittfünfziger.

Ob das womöglich ein Grund dafür sein könnte, warum sich die Wähler im 1000-Einwohner-Ort Dürrhennersdorf von denen in der näheren und weiteren Umgebung unterscheiden, kann Passig nicht sagen. Er sei ja eher CDU-Wähler. Mit den Jahren habe sich aber schon eine gewisse Resignation und Politikverdrossenheit breitgemacht. "Wenn die Leute jetzt wieder mitmachen und mal was Neues ausprobieren wollen, kann das doch nur gut sein." Die Überregulierung der Landwirtschaft durch Vorschriften aus Brüssel bekomme auch er zu spüren. "Wenn das so weitergeht und die Fördermittel weiter schrumpfen, können wir hier bald zumachen." Dabei würde sein Sohn das Familienunternehmen gern weiterführen, Milchprodukte aus der Oberlausitz erzeugen und anbieten. "Aber das Sagen haben nicht wir, sondern die großen Konzerne - und die Bürokraten in der EU." Mehr regionales Selbstbewusstsein statt Gleichmacherei - solche AfD-Parolen sprechen auch Bauer Passig an.

Jobmangel, Diebstähle bei Tag und Nacht, Euro-Frust und eine Energiewende, die auf Kosten der Bürger ausgetragen werde: "Um solche Tatsachen reden die Politiker doch nur drumrum", sagt Birko Randt. Der Reisekaufmann bezeichnet sich als Sympathisant der AfD, sieht darin eine echte Alternative. "Die holen die Leute bei ihren wirklichen Alltagserfahrungen ab, reden Klartext", schwärmt er. Auch deshalb habe er in Dürrhennersdorf Flyer verteilt und Plakate geklebt. Auch als Wahlhelfer hat sich der 48-Jährige eingebracht. "Die AfD hat mit ihren Ideen viele Politikmüde wieder wachgerüttelt." Selbst junge Leute, mit denen er im Wahlkampf diskutierte, habe er im Wahllokal wiedergetroffen. Was sei daran rechtspopulistisch? "Wenn etwas falsch läuft, muss man das doch ansprechen!" Zum Beispiel, wenn ganze Staaten weit über ihre Verhältnisse leben: Was in Privathaushalten oder Unternehmen nicht funktioniere, könne auch in der Politik nicht lange gut gehen. "Dass es mit Umsicht und gutem Willen geht, zeigt unsere Gemeinde. Wir sind schuldenfrei." Das rechnet Randt seinem Gemeindeoberhaupt hoch an.

Bürgermeister Albrecht Gubsch (parteilos) kann sich die anhaltenden Erfolge der AfD in seinem Heimatdorf nicht so recht erklären. "Vielleicht wollten die Leute mal wieder in der Zeitung stehen", scherzt der 48-Jährige, der hauptberuflich das Bauamt der Nachbarstadt Löbau leitet. Sicher gehe der Aufschwung der Alternative mit dem faktischen Verschwinden der Liberalen einher. "Auch die klareren Worte der AfD zur Kriminalitätsbekämpfung sprechen den Leuten in der Grenzregion zu Tschechien und Polen offenbar aus der Seele. Wir haben es hier nicht nur mit Kleinkriminellen, sondern mit straff organisierten Banden zu tun, die Landmaschinen und ganze Werkstattausrüstungen auf Bestellung mitgehen lassen." Auch im Dorf sei schon öfter geklaut worden.

Wenn es die AfD schaffe, extreme Tendenzen in ihren Reihen zu unterdrücken, "dann haben die hier ihre Zukunft noch vor sich", sagt Gubsch voraus. "Vielleicht bringt das die etablierten Parteien mal ins Grübeln, dass an dem aktuellen System einiges nicht stimmt."

Maria Goltzsche ist bereits im Grübeln - das starke Abschneiden der AfD beunruhigt sie. An der Lebensqualität in Dürrhennersdorf könne es jedenfalls nicht liegen. "Sehen Sie sich nur mal um: Ist es nicht wunderschön hier!?" Sie wohnt seit fast 50 Jahren in dem Ort, den sie ihre Heimat nennt: "Ich kann mir gar nicht vorstellen, jemals von hier wegzuziehen." Dabei kann sie von familiärem Beisammensein nur noch träumen. Ihren Sohn und ihren Mann sieht sie nur einmal im Monat übers Wochenende. "Die arbeiten in Süddeutschland und Österreich, kommen nur mal kurz zum Wäschewechsel vorbei", sagt die 62-Jährige beim Plausch mit ihrer Nachbarin am Gartenzaun. Dass es hier so wenig gute Jobs gebe, sei schon ein Problem - und eine Aufgabe, an der bislang alle Parteien gescheitert seien.

Karla Lehmann ist eine von sieben Abgeordneten, die künftig für die AfD im Görlitzer Kreistag mitbestimmen werden. Sie freut sich über insgesamt 3645 Stimmen in ihrem Wahlkreis: Damit hat sich jeder Neunte für die Alternative entschieden, "in Dürrhennersdorf sogar fast jeder Vierte. Das ist doch schon mal was", so die promovierte Pharmakologin aus Walddorf in der Oberlausitz. Die vitale 72-Jährige im Unruhestand bezeichnet sich zwar als "absoluten Neuling in der Kommunalpolitik. Aber da, wo ich mich einbringen kann, werde ich das auch tun." Bildung zum Beispiel: Es müsse Schluss sein mit den Schulschließungen auf dem Lande. "Es kann nicht sein, dass Kinder den ganzen Tag mit dem Bus durch die Gegend gekutscht werden, weil die nächste Schule 25 Kilometer weit weg liegt." Oder Drogen: "Die kommen hier jeden Tag in neuen Mixturen über die Grenze. Mehr Polizeipräsenz und mehr Grenzkontrollen sind nötig. Und wir müssen die jungen Leute viel besser über die Gefahren aufklären." Überhaupt der Werteverfall: "Ein Lehrer oder ein Polizist hat doch kaum noch was zu sagen." Daran müsse sich schnellstens was ändern, sei der Tenor in Wahlkampfveranstaltungen gewesen. "Die etablierten Parteien sind so phlegmatisch geworden - die betrachten ihre Politik als alternativlos. Aber das ist sie nicht!" Wie die AfD mehr auskömmliche Jobs in die strukturschwache Oberlausitz bekommen will, kann die Rentnerin nicht so leicht beantworten. "Wir haben viele erstklassige Mühlen, Landwirte, Fleischer und Bäcker in der Region. Vielleicht können wir deren Spezialitäten besser vermarkten in einer Genussre­gion Oberlausitz." Noch so eine Idee, mit der Bauer Passig gut leben kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.05.2014

Winfried Mahr

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