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Zum Unterhalter berufen - Christian Friedel über seine Arbeit und seinen neuen Film "Amour Fou"

Zum Unterhalter berufen - Christian Friedel über seine Arbeit und seinen neuen Film "Amour Fou"

Christian Friedel war 2009-13 Ensemblemitglied beim Dresdner Staatsschauspiel und wurde durch seine Rolle in Michael Hanekes "Das weiße Band" einem internationalen Publikum bekannt.

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Fatale Bekanntschaft: Heinrich von Kleist (Christian Friedel) und Henriette Vogel (Birte Schnöink).

Quelle: mm filmpresse

Aktuell ist Friedel in dem Historien- drama "Amour Fou" auf der Leinwand zu sehen. Darin spielt er den Dichter Heinrich von Kleist, der zusammen mit seiner Geliebten Henriette Vogel einen Doppelselbstmord plant.

Frage: Wie haben Sie sich der historischen Figur Heinrich von Kleist genähert?

Christian Friedel: Ich habe vorher schon in vielen Stücken Kleists mitgespielt. Hier kommt man in der Arbeit dem Dichter natürlich nahe und beschäftigt sich auch mit seiner Biographie. Als ich das Drehbuch zu "Amour Fou" erhielt, habe ich mich erst einmal über die Sichtweise gewundert. Beim Casting wurde dann aber schnell klar, dass Jessica (Hausner, die Regisseurin) eine ganz eigene Sicht auf Kleist hat. Ich habe also versucht, mich der Figur menschlich zu nähern - historisch wissen wir gar nicht so viel über den Schriftsteller - und vor allem Jessicas Vision zu folgen.

Was verwunderte Sie zunächst an der Darstellung Kleists im Drehbuch?

Ich hatte beim ersten Lesen das Gefühl, dass das Buch viele Texte und Briefe von Kleist verarbeitet, wodurch er sehr eloquent erscheint. Ich sah ihn immer eher als Stotterer und ganz eigenbrötlerischen Typ, aber Jessica wollte ihn eher als kindlich-naiven, sehr beredten Egomanen zeigen. Das hat mich überrascht - aber andererseits finde ich es gerade gut, wenn wir neue Sichtweisen auf historische Figuren eröffnen.

Wie bewerten Sie Kleist als Künstler, vor allem aber auch als Menschen?

Als Mensch bleibt er nach wie vor etwas rätselhaft. Er hat viele Stationen durchgemacht, hat viel versucht, um im Leben anzukommen und akzeptiert zu werden, ist dabei aber immer wieder gescheitert und hatte vielleicht auch nicht den längsten Geduldsfaden. Was diese Neugier angeht und die Suche nach dem gesellschaftlichen Platz, ist er mir sehr nahe. Was seine Todessehnsucht angeht und die Idee, Glück im Selbstmord zu sehen, ist er mir vollkommen fremd. Dazu bin ich ein zu optimistischer und lebensfroher Mensch. Als Dichter bewundere ich Kleist, weil er in seinen Stücken oft in einem einzigen Satz ganze Welten öffnet. Für mich als Schauspieler ist er einer meiner Lieblingsautoren - neben Schiller bietet er von allen deutschen Dramaten für mich die spannendsten Rollen zum Spielen.

Wie haben Sie es geschafft, sich trotz der persönlichen Divergenz Kleists Todessehnsucht zu nähern?

Jeder Mensch hat ja Sehnsüchte. Als Schauspieler sucht man zunächst nach Punkten, wo man mit seinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen andocken kann. Diese Fülle an Emotionen, die man schon seit der Kindheit angesammelt hat, nutzt man dann, um Verbindungen herzustellen. Für Kleists Wunsch nach einem gemeinsamen Selbstmord kann ich eigene Sehnsüchte nach Liebe oder Leben heranziehen. Man muss ja auch niemanden umbringen, wenn man einen Mörder spielt, sondern sucht nach Parallelen im eigenen Leben, die in ihrer Intensität vielleicht ähnlich sind.

Der Film spart einige Hintergründe für Kleists Todeswunsch wie Misserfolg und Geldsorgen aus und zeichnet sein Verlangen vor allem als romantische Delusion. Was begründete diese erzählerische Entscheidung?

Jessica wollte ursprünglich einen Film über einen Doppelselbstmord aus Liebe machen, der in der Gegenwart spielt. Als sie sich mit Kleist beschäftigte, interessierte sie schnell der Aspekt der Gesellschaft von damals, die ja viele Normen hatte, die den Einzelnen einschränkten. Sie benennt die Figur im ganzen Film allerdings nie als "Kleist", sondern nur als "Heinrich". Sie wollte keine Biographie drehen, sondern sich auf die Liebesgeschichte konzentrieren und hat deshalb einige Aspekte ausgespart.

Welche Relevanz hat für Sie die Geschichte von Kleists und Vogels Selbstmord für das heutige Publikum?

Ich glaube, Jessica erzählt eine Geschichte über die Irrtümer und Klischees der Liebe, auch deren Romantisierung. Das Konstrukt einer Beziehung kann auf Missverständnissen beruhen, und das ist bis heute aktuell. Wenn wir also einen Menschen lieben, nehmen wir ihn so wahr, wie er wirklich ist oder wie wir ihn gern hätten? Das ist für mich das Interessante daran.

Sie spielen aktuell wieder als Gast am Staatsschauspiel Dresden. Was verbindet Sie mit dem Theater und der Stadt?

Mit Dresden vor allem die Elbe. Ich bin ja in Magdeburg geboren, und jetzt bin ich den Fluss ein Stück weitergewandert. Ans Schauspielhaus bin ich zusammen mit dem Intendanten Wilfried Schulz aus Hannover gekommen, und er hat mir hier viele Möglichkeiten eröffnet. Ich wurde auch vom Dresdner Publikum sehr warm aufgenommen, und das genieße ich natürlich. Ich will mich darauf nicht ausruhen, aber es schafft natürlich eine enge Verbundenheit.

Sie haben am Augsburger Theater auch Regie geführt und zudem die Band Woods of Birnam gegründet. Was motiviert Sie, neben Ihrem Erfolg als Schauspieler kreative Betätigung noch in anderen Bereichen zu suchen?

Als Kind habe ich immer gern die Leute unterhalten. Das ist bis heute so geblieben, und in welchen Bereichen ich es tue, ist mir eigentlich wurscht. Ich finde die Abwechslung wahnsinnig spannend. Die Musik ist für mich eine wirklich private Ausdrucksmöglichkeit - anders als die Schauspielerei, wo man durch Text und Rolle geschützt ist und innerhalb ihres Rahmens agiert. Als Regisseur wiederum kann ich Geschichten erzählen, die mir selbst am Herzen liegen - die Zuschauer als Erzähler unterhalten, ohne als Schauspieler im Mittelpunkt zu stehen. Bisher nur am Theater, aber auch bei einem Film könnte ich es mir gut vorstellen. Ich bin der Meinung, dass in jedem Menschen mehrere Talente stecken und dass man so vieles ausprobieren sollte, wie man nur kann.

Interview: Rafael Kühn

Der Film läuft in Dresden im Kino in der Fabrik.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.01.2015

Rafael Kühn

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