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Zum Tod verurteilt - Ex-Betreiber Wolfhard Pröhl über das Ende des Dresdner Kinos Casablanca

Zum Tod verurteilt - Ex-Betreiber Wolfhard Pröhl über das Ende des Dresdner Kinos Casablanca

Manches wurde spekuliert, nachdem die Schließung des Casablanca publik wurde und Betreiber Sebastian Pröhl nicht zu erreichen war (DNN berichteten). Nun erläutert Vater Wolfhard "Wolle" Pröhl, warum Dresdens kleinstes Kino zumachte.

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Bild aus besseren Tagen: Das Casablanca, rechts am Bildrand Betreiber Sebastian Pröhl mit Hund.

Quelle: W. Pröhl/Casablanca

Er hat selbst acht Jahre lang das Kino an der Friedensstraße/Ecke Ottostraße geleitet. Zum 1. April 2012 übergab er es an seinen Sohn Sebastian, der schon seit 2003 regelmäßig am Filmprojektor stand. Nach 17 Monaten musste der 34-Jährige aufgeben - ohne eigenes Verschulden, wie Pröhl senior betont. Das Ende nage so stark an seinem Sohn, dass dieser derzeit nicht an die Öffentlichkeit treten möchte.

Ein ganzes Ursachenbündel besiegelte laut Pröhl das Aus des ebenso winzigen wie urgemütlichen Kinos: Das kleine Budget ließ kaum Werbung zu, machte eine nötige Digitalisierung des Vorführbetriebs unmöglich und forderte vom Betreiber, sich stetig selbst auszubeuten. Mit nur einem Saal und 50 Plätzen hatte das Casablanca kaum eine Chance gegen die Neustadt-Konkurrenz. Als dann die Jury des BKM-Kinoprogrammpreises den ambitionierten Spielplan wiederholt nicht würdigte, habe der studierte Betriebswirtschaftler Sebastian Pröhl die Reißleine gezogen.

Rund 8000 Besucher jährlich kamen zuletzt ins Wohnzimmerkino an der Ecke Friedensstraße/Ottostraße - eine stabile Größe in den vergangenen Jahren. Damit machten die Pröhls etwa 40 000 Euro Umsatz. "Die Hälfte ging sofort wieder für Filmmieten an die Verleihe", rechnet Vater Wolle vor. Dazu noch Ausgaben für 700 Euro Miete monatlich, für die Löhne der wenigen Pauschalkräfte und die nötigen Einkäufe. Für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit blieb im Ein-Mensch-Betrieb schlichtweg zu wenig Geld und Zeit übrig.

"Das Casablanca lebte von seinem guten Ruf." Den Kultkino-Status hatte es sich seit der Eröffnung 1991 erarbeitet. Zunächst in der Regie der Nickelodeon GmbH von Frank Apel, Sven Weser und Dirk Hennings, ab 1996 in der Hand des langjährigen Vorführers Michael Rudolph, überzeugte das "Casa" mit Gemütlichkeit, persönlicher und rücksichtsvoller Atmosphäre, den regelmäßig gespielten Streifen "Casablanca" und "Müllers Büro" und nicht zuletzt mit der Möglichkeit, im Saal zu rauchen und zu trinken. Produktwerbung gab es nicht - weil es sich nicht rechnete und auch aus Prinzip. 21 000 Gäste kamen in den besten Jahren, später um die 15 000. Als der frühere Filmklub-Marschnerstraße-Macher und Grünen-Stadtrat Wolfhard Pröhl das Haus im Herbst 2003 übernahm, wurde das Programm politischer, engagierter, ernster. Dokumentarfilme machten bis zu einem Drittel des Spielplans aus, dazu liefen vermehrt sozialkritische Werke und Erstlinge junger Regisseure. "Wir haben die Qualität nicht außen vor gelassen", so der 59-Jährige stolz.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ehrte das Casablanca jährlich mit einer Auszeichnung für sein gutes Jahresfilmprogramm und das Dokfilmangebot - dotiert mit 7500 Euro. "Der Kinopreis hat das Casablanca stabilisiert", sagt Pröhl rückblickend. Dass sowohl Wolle als auch Sebastian Pröhl mit dem Geld gerechnet haben, ist keine betriebswirtschaftliche Naivität, sondern Ausdruck der "Rahmenbedingungen, unter denen in Deutschland Kultur gemacht wird". Für viele kleine Filmtheater in Deutschland sind die Preise eine feste Größe in ihrer Jahreskalkulation. Im Jahr 2012 blieb der Preis fürs Casablanca jedoch erstmals aus. Auch im Sommer dieses Jahres erhielt Sebastian Pröhl keine Einladung zur Preisverleihung am 10. Oktober. Die Enttäuschung sei riesig gewesen, so sein Vater, bedeute das doch, dass Sebastians Programmarbeit nicht anerkannt werde. Da habe sein Sohn nach reiflicher Überlegung einen Schlussstrich gezogen und sei erst mal "abgetaucht".

Traurige Kommentare in Blogs und sozialen Netzwerken zeugen vom Verlust. Einige Dresdner unterbreiteten Vorschläge, wie das Minikino vielleicht zu retten wäre. Von Spendensammlung bis "noch ein Versuch" reichen die Ideen. "Die wohlmeinenden Menschen überblicken ja alle nicht die ganzen Probleme, an denen sich vier Leute nacheinander abgearbeitet haben. Wir haben mehrere Konzepte und Ideen durchgespielt und ausprobiert", antwortet Pröhl. Er sei zwar bereit, mit Leuten zu reden, die ernsthaft über eine Zukunft des Casablanca nachdenken. Aber eine wirkliche Chance sehe er nicht. "Ein Ein-Saal-Kino in dieser Randlage ist zum Tode verurteilt." Deshalb wird es auch keine Abschiedsparty geben. "Es gibt nichts zu feiern."

Was aus Mobiliar und Technik wird, wissen die Pröhls noch nicht. Vielleicht wird die Einrichtung an Liebhaber verkauft, um Schulden zu tilgen. Einen großen Wert haben die mehr als 20 Jahre alten Sitze, der Filmprojektor aus den 80ern und der HDMI-Beamer nicht. Einen modernen Digitalprojektor hatte das kleine Kino an der Friedensstraße noch nicht. "60 000 Euro kostet so ein System mindestens", erklärt Pröhl senior, und selbst bei einer Förderung durch Bund und Land hätte das Kino ein Drittel der Kosten selbst tragen müssen. Unmöglich. Filme von Blu-Ray-Discs zu spielen wie bislang oft, sei kein zukunftsfähiges Konzept, schließlich werden die Verleihe bald nur noch kopiersichere Festplatten, aber kaum mehr Blu-Rays anbieten. Auch erfolgreiche 35-Millimeter-Filme aus Schauburg und KIF könne das Casablanca kaum noch nachspielen, da beide Häuser bereits auf digitale Projektion umgestellt haben. Und "analoge" Filme exklusiv für das Friedensstraßen-Kino zu bestellen, ist zu teuer.

Mit dem Aus des charmanten Wohnzimmerkinos stirbt auch viel Herzblut von Vater und Sohn Pröhl. "Es geht mir natürlich nahe", sagt Wolle Pröhl, "aber es ist einfach zu Ende". Er hat bereits im vergangenen Jahr seinen Hut genommen, Dresden verlassen und am Rudolstädter Theater eine neue Aufgabe übernommen. "Es ist unglücklich, dass es nun gerade meinen Sohn erwischt, der nichts dafür kann. Die Auflösung und der Ausbau des Kinos sind nun emotional die Härte. Ich leide mit." Pröhl senior hat sich vom Casablanca verabschiedet. Sein Junior braucht noch eine Weile.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2013

Tanja Tröger

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