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Wolfgang H. Scholz dreht von Archivaufnahmen angestachelt einen Spielfilm in Dresden

Wolfgang H. Scholz dreht von Archivaufnahmen angestachelt einen Spielfilm in Dresden

Was bleibt nach 25 Jahren? Kein klares Bild, vielleicht nicht mehr als Erinnerungsfetzen. Das ist eine der Fragen, mit der sich Wolfgang H. Scholz in seinem neuen Spielfilm "Verlorene Horizonte" beschäftigt.

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Die Darsteller Philipp Lux (l.), Christine Hoppe und Regisseur Wolfgang H. Scholz (r.) bei Dreharbeiten an der Elbe.

Quelle: René Plaul

Dieser basiert auf einem Archivfund des Regisseurs, der einer Dresdner Handwerkerfamilie entstammt. Ende der 80er hatte er für einen Spielfilm in Dresden gedreht. Scholz, der auch als Fotograf und bildender Künstler arbeitet, hatte in dieser Zeit vor allem mit seinen Dokumentationen Menschen eingefangen, die am Rand der DDR-Gesellschaft standen, etwa mit dem Kurzfilm "David" (1988) die Geschichte eines Siebenjährigen erzählt, der drei Tage vor der Ausreise stand. Oder eine Body-Building-Gruppe begleitet ("Bodybuilding", 1988), also Männer, die einem als westlich verpönten Sport anhingen. 1991 bekam er für den 1989/90 gedrehten Dokumentarfilm "Kohlenlothar" über den letzten Kohlenfahrer in der Dresdner Neustadt den 1. Preis beim Filmfest Dresden. Da war Scholz schon nach München gegangen, wo er an der Hochschule für Film und Fernsehen lehrte und 1994 die Filmproduktionsfirma "Sic! Film Produktions GmbH" gründete. Heute lebt er zumeist in Mexiko-Stadt, wo er mit der mexikanischen Tänzerin, Choreografin und Direktorin des Centro Cultural "Los Talleres" Isabel Beteta De Cou verheiratet ist. So ganz aus Dresden fortgegangen sei er jedoch nie, wie er betont. Seit kurzem hat er hier wieder ein Atelier.

Diese wechselvolle Lebensgeschichte spiegelt sich wider in dem, was Scholz aus dem filmischen Erinnerungsmaterial macht, das ihm 2010 in die Hände fiel. Zunächst formte er daraus eine 3-Kanal-Video-Installation in Mexiko, war sich aber recht bald sicher, dass daraus ein Spielfilm werden könnte. Drei Jahre hat er für Entwicklung und Finanzierung gebraucht, ehe er mit den Darstellern Philipp Lux und Christine Hoppe vom Staatsschauspiel Dresden sowie Brigitte Wähner-Liefers in Dresden drehen konnte. Erzählt wird die Geschichte des Schauspielers Martin S., der 1989 Dresden verlassen hatte und nun zurückkehrt, um seine Erinnerungen zu hinter­fragen.

Die autobiografischen Bezüge sind offenkundig - auch wenn Scholz den Film keinesfalls als biografisch verstanden wissen will - und so geht es neben der Spielhandlung, der Suche nach einer verlorenen Liebe, vor allem um Fragen, die Wolfgang H. Scholz umtreiben. Heimat ist so ein Begriff. Erst nach einiger Überlegung findet Scholz auf die Frage, was für ihn Heimat sei, die Antwort: "Heimat ist das Atelier." Er wisse, dass der Begriff für viele etwas anderes bedeute. "Für mich gibt es das eben nicht, dass ich auf eine Stadt schaue und mit einer Handbewegung die Orte des Lebens zeigen kann", sagt er. Diese "eigenartige Überschaulichkeit" habe er als junger Mensch vielleicht einmal gekannt, heute jedoch nicht mehr. Das Pendeln zwischen München, Dresden, Mexiko und sonstwo schafft eben andere Perspektiven, worüber Scholz sich durchaus glücklich zeigt. "Ich bin froh, Blickmöglichkeiten von außen zu haben, weil ich merke, dass meine Arbeit dadurch besser ist", sagt er.

Und es ist dieser Blick, der Scholz' Arbeit auszeichnet, selbst wenn es um sehr innerliche Dinge geht, etwa die eigene Erinnerung. Scholz erscheint sie als etwas Trügerisches, das immerzu dazu auffordert, es zu hinterfragen. Entsprechend muss auch der von Philipp Lux gespielte Hauptdarsteller in der alten Heimat Entdeckungen machen, indem er sicher Geglaubtes aus Vergangenheit und Gegenwart infrage stellt. Daraus entstehen Irritationen, die auch dem Zuschauer widerfahren, auch wenn es Scholz keineswegs darauf anlegt, wie er sagt. "Es ist in dem Sinne mehr ein philosophisches Drama", sagt er.

Das erinnert an seine Links-Rechts-Gesichter, die schon seit langem ein Standard seiner fotografischen Arbeit sind. Scholz zeigt dabei dasselbe Schwarz-Weiß-Portrait in drei Versionen, indem er einmal die linke, einmal die rechte Gesichtshälfte entlang des Nasenrückens spiegelt und mit die- sen Bildern das Originalportrait in der Mitte flankiert. Häufig tritt da- bei ein verblüffender Effekt auf: Nur eines der beiden gespiegelten Bilder scheint dem Originalbild ähnlich. In ihm ist der abgebildete Mensch erkennbar, während das andere fremd bleibt, einen anderen zu zeigen scheint. Scholz legt auf diese Weise das frei, das beim oberflächlichen Betrachten unter der Wahrnehmungsschwelle liegt, das ohne genaues Beobachten unbekannt bleibt. Was nicht zwangsläufig irritierend wirkt, weil aus diesem Spiel mit Offensichtlichem und Unterschwelligem auch eine Verzauberung der Gegenwart erwächst. Darum geht es auch im Film, in dem diese Dreifachporträts ebenfalls kurz auftauchen.

Dabei kommt dem Spielfilm, neben seiner ästhetischen Qualität, die altes Material mit neuem in schwarz-weißer Optik verbindet, auch eine politische Bedeutung zu. Auch die sei nicht unbedingt gewollt, sagt Scholz. Nicht krampfhaft jedenfalls. Dass die Handlung im Jahr des 25. Jubiläums des Mauerfalls brandaktuell ist, sei ihm aber wohl bewusst. Zumal der Film einen Verweis auf die Stasi beinhaltet. Deren Treiben wird in den jetzt gedrehten Spielszenen gespiegelt durch eine alte Frau, die sich ebenfalls alles notiert, was um sie herum geschieht. Als vordergründig will er dieses Thema aber nicht verstanden wissen, wie Scholz betont. Es ergibt sich eben auch aus seinen Erfahrungen und fand so Eingang ins Drehbuch - oder besser ins Konzept. "Ich habe immer Schwierigkeiten gehabt, wenn ich ein festes Drehbuch entwickeln musste", sagt Scholz.

Ob und wann der Film in Dresden zu sehen sein wird, ist derzeit noch offen. Scholz jedenfalls wünscht sich, dass er hier Premiere feiert. Zuvor wird er jedoch, voraussichtlich von April bis Mai, in den Schnittraum gehen. Anschließend will er "Verlorene Horizonte" für mehrere Festivals anmelden und sehen, wie er dort aufgenommen wird. Ein durchaus übliches Verfahren für eine solche Produktion, meint Scholz, fügt aber an, dass er bereits Verhandlungen mit dem Fernseh- sender 3Sat über eine Ausstrahlung führe. Uwe Hofmann

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.03.2014

Uwe Hofmann

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