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Thalia Dresden - "Searching For Sugar Man" bringt die Begegnung mit dem grandiosen Musiker Rodriguez

Thalia Dresden - "Searching For Sugar Man" bringt die Begegnung mit dem grandiosen Musiker Rodriguez

Wir rappeln uns immer wieder auf. Wir setzen uns erneut auf jene Stühle, von denen uns der eine oder andere Song, der eine oder andere Künstler gepustet hat. Musikfans tun es, die letzten namentlich bekannten Plattenladenbesitzer, Clubbetreiber - Journalisten.

Und wenn wir nur den Hauch einer Sekunde lang ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir es genauso wollen.

Da schreibt man fast auf den Tag genau 28 Jahre lang - manchmal hilflos genug, weil Buchstaben eben keine Noten sind - über Populärmusik, und dann liegen fast aufreizend nüchtern eine Soundtrack-CD und die Sichtungs-DVD eines Dokumentarfilms im Briefkasten. Sie folgen der nüchternen Frage von Stephan Raack, dem Betreiber des Dresdner Programmkinos Thalia, ob man einen Sänger namens Rodriguez kenne. Nein, kennt man nicht. Dort auf der Görlitzer Straße, wo längst auch Konzerte wirklich zuhause sind, hätten sich nach dem Hören von Rodriguez-Songs und der Rezeption des Films über ihn Härchen aufgestellt. Gut, wenn das so ist, soll es so sein! "Searching For Sugar Man" hat ja die Suche im Titel.

Der erste Song, und der Stuhl wackelt

Auch die Optik des Booklets ruft keinerlei Erinnerungen wach. Der Mann mit der Sonnenbrille wurde noch nicht archiviert. Song 1 erklingt: "Sugar Man", der Stuhl wackelt. Beim dritten Stück wird der erste Absatz dieses Artikels ein weiteres Mal wahr: "Cause I lost my job, two weeks before christmas". Es ist zwei Wochen vor Weihnachten - und diese Begegnung ist das Geschenk. Das war bei Calvin Russell so, Vic Chesnutt, Michael Hurley, David Munyon, Townes van Zant - Künstler, für die es auf dem Markt vorrangig Steine auf den Weg gab und gibt, nicht aber bei denen, die Musik erfühlen.

Fünf Jahre Arbeit, ohne aufzugeben

"Searching For Sugar Man" läuft in deutschen Kinos, nachdem er weltweit auf renommierten Festivals und im regulären Programm zu sehen war. Auch das war erst möglich, weil der schwedische Regisseur Malik Benjelloul fünf Jahre seines Lebens mit ihm zugebracht und nie aufgegeben hat. Ähnliche Beharrlichkeit war wohl nur vonnöten, als ihm Anfang des Jahrtausends die überhaupt erste Dokumentation über die Düsseldorfer Elektroniker Kraftwerk gelingen sollte. Auf Sixto Rodriguez stieß Benjelloul 2006. In Südafrika. Denn dort beginnt diese Story, die man sich spannender selbst nicht hätte ausdenken können, die von der Realität aber mit links überholt wird. Vorsicht war dennoch angebracht, denn heutzutage werden auch schon mal Dokumentationen schwer mit Fiktion aufgeladen.

Malik Benjelloul griff die detektivische Suche nach einem Idol auf. Rodriguez' 1970 und '71 erschienene Platten "Cold Fact" und "Coming From Reality" begleiteten in Südafrika den Lebensweg von Generationen. Das hermetische Abriegeln des Apartheid-Regimes führte dazu, dass nicht einmal der Künstler selbst von Ruhm und Respekt erfahren hat. Das ist doppelt bitter, denn der überaus wach betextete, kraftvoll gesungene Rodriguez-Folk floppte in den USA und der Rest-Welt. So gut wie niemand, um nicht zu sagen wirklich niemand hatte die Platten gekauft. Sein Label Sussex ließ Rodriguez schnell fallen, der schlichte, bescheidene Mann ging in seinen Job als Leiharbeiter auf dem Bau und am Band zurück, gründete in seiner Heimat "Motown" Detroit eine Familie mit drei Töchtern. Die südafrikanischen Labels aber überwiesen - so wird erzählt - üppig Tantiemen in die USA. Clarence Avant, Ex-Eigentümer von Sussex Records, wird ungehalten als man ihn darauf anspricht.

Mitte der 1990er dann das Wunder: Die Apartheid - die das Indizieren von Rodriguez-Songs veranlasste und so den Ikonenstatus nur anheizte - war besiegt, das Land öffnete sich und damit auch die Schatulle mit dem Rodriguez-Schatz. 1998 spielte er mehrere ausverkaufte Konzerte in und um Kapstadt, 2012 auch in den USA und Europa.

Plädoyer für oder gegen Zeitphänomene

Sixto Rodriguez ist heute 70. Dafür, dass er sich in den 1970ern auf der Bühne verbrannt oder in den Kopf geschossen haben soll, ein stattliches Alter. "Searching For Sugar Man" erzählt neben der großen Geschichte viele kleine. Der handwerklich imposante, durch Archivaufnahmen, stimmungsvolle Animationen und die Menschen vor der Kamera ungemein reizvolle Film ist - keinesfalls nur nebenbei - auch ein Plädoyer für oder gegen Zeitphänomene wie investigativen Journalismus und Selbstausbeutung. Denn manchmal ist es schlicht der Gegenwind, der einen vom Stuhl haut.

täglich im Thalia, Görlitzer Straße 6

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.01.2013

Andreas Körner

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