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"Sushi in Suhl" ist eine zurückhaltende Komödie und erzählt doch, woran die DDR scheiterte

"Sushi in Suhl" ist eine zurückhaltende Komödie und erzählt doch, woran die DDR scheiterte

Man zuckt unwillkürlich zusammen beim Thema "Die DDR und wie sie wirklich war". Was ist schon wirklich? Nicht nur jeder Ostdeutsche dürfte rückblickend darauf eine sehr eigene Antwort haben.

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Stilecht: Geisha Giesela (Ina Paule Klink) und "Anschütz-san" (Uwe Steimle) in ihrem Japan-Restaurant.

Quelle: PR

Das Politische war vom Sozialen in der DDR jedenfalls schwer zu trennen, so sehr das auch immer wieder versucht wurde durch den oft zelebrierten Rückzug ins Private. Die Flucht ins eigene soziale Umfeld war eine vor den Dogmen - hin in einen Raum, der politikfrei gewähnt wurde. Damit ist genau diese Flucht aber eng verkoppelt mit ihrem Auslöser.

Rolf Anschütz, der Wirt des Restaurants "Waffenschmied" in Suhl, ist dieser Zwickmühle ebenfalls ausgeliefert. Auch wenn er das selbst nie so sagt. Zumindest nicht Uwe Steimle, der in der Komödie "Sushi in Suhl" diesen Anschütz spielt. Steimles Figur ist jemand, der sich ins Kochen flüchtet. Einer der vielen schon erwähnten Fluchpunkte in der DDR. Sie war wirklich so klein, so eng, auch wenn uns das heute nicht mehr bewusst ist, nicht mehr bewusst sein will. Wir haben vergessen, woran dieses Land gescheitert ist. Daran, dass jegliche Neugier einzementiert wurde in Kleinbürgerlichkeit, die sich wiederum als Ideologie verkleidet hatte.

Genau das widerfährt auch Anschütz, der in der Thüringer Provinz, "hinter den Bergen", die weite Welt in Form japanischer Küche entdeckt. Es ist der Reiz dieses unglaublichen Gegensatzes, der die Geschichte dieses Mannes auch so erzählenswert macht. Der sich in fast entwaffnender Naivität der allmächtigen HO stellt und doch nicht von ihr zermalmt wird - was wiederum an höheren politischen Mächten liegt, die eine einmalige Chance im bilateralen Beziehungsaufbau mit Nippon wittern.

Dass dieser Film um einen Mann, der "für den Weltfrieden" kocht, keine Schenkelklopfer-Komödie ist, angereichert mit ein paar DDR-Witzen, dafür ist dem Team um Regisseur Carsten Fiebeler, Drehbuchautor Jens F. Otto und Produzent Carl Schmitt zu danken. Sie zeichnen den Weg eines Gastwirts nach, der wie viele andere damals aus der Not eine Tugend machte, indem er improvisierte. Aus geklauten und gefärbten Judo-Anzügen fabriziert Anschütz eine Art Yukata, einen Alltags-Kimono, den er im Restaurant trägt. Fürs Sushi nimmt er Karpfen, und auch der erste Sake ist alles andere als reiner Reiswein. Die ersten Essstäbchen lässt er bei einem befreundeten Tischler machen. Doch all das ficht ihn nicht an. Die Phantasie hilft, wenn wieder mal die Säge klemmt. Und wer sich erinnert: Sie klemmte oft.

Zu Hause muss Anschütz um Anerkennung kämpfen. Die Japaner aber, die in der DDR arbeiten, werden bald aufmerksam, allen voran Dr. Hayashi (hervorragend gespielt von Gen Seto). Und der Artikel eines Journalisten aus Osaka bringt schließlich das ganz große Rad ins Rollen. "Anschütz-san" wird eingeladen in den ganz fernen Osten, bekommt einen Orden und auch sonst reichlich Respekt. Den erntet er daheim zwar mittlerweile auch, doch dafür ist ihm seine Frau über die ganze Sushi-Geschichte weggelaufen. Und auch Geisha Gisela nimmt diesen Platz nicht ein, sondern verflüchtigt sich schließlich gen Westen.

Manches atmet Situationskomik à la DDR, aber von der besseren Art, etwa wenn der Sake mangels passender Schälchen in Eierbechern ausgeschenkt wird. Oder wenn der Westdeutsche Ernst Kaltenhauser (Christian Tramitz) in dem ungewöhnlichen Etablissement erstmal einen Puff vermutet. Anderes, wie die recht schematisch agierende HO-Leitungstrias (Deborah Kaufmann, Thorsten Merten, Michael Kind), sorgt zwar für Lacher. Bei genauerer Betrachtungsweise aber findet sich in diesen Figuren das Beklemmungspotenzial des Films. Es bedurfte der Stasi nicht unbedingt, so lange sich solche Führungskräfte fanden, deren begrenzter Horizont zur Nivellierung der Massen beitrug.

Manchmal geht es auch etwas hölzern zu, etwa wenn Steimle den Satz sagt: "Vater ist tot." Und die Idee, Anschütz' Sohn Robert (Leander Wilhelm) als Off-Erzähler agieren zu lassen, bleibt nebulös; das Kind ist eher handlungsfern angesiedelt.

Was bleibt, ist eine ungewöhnliche Geschichte über ein real existierendes Sushi-Restaurant, das einst fast zwei Millionen Gäste hatte. Voll aus dem Leben. Aus dem in der DDR. Torsten Klaus

Sushi in Suhl" soll am 18. Oktober in die Kinos kommen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.10.2012

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