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"Sushi in Suhl": Uwe Steimle in seiner ersten Kinofilm-Hauptrolle als Japan-verrückter DDR-Wirt Rolf Anschütz

"Sushi in Suhl": Uwe Steimle in seiner ersten Kinofilm-Hauptrolle als Japan-verrückter DDR-Wirt Rolf Anschütz

Merkwürdig, dass diesen Stoff noch niemand verfilmt hat. Die Geschichte von Rolf Anschütz, Gastwirt aus Suhl, der zu tiefsten DDR-Zeiten aus dem Nichts ein Sushi-Restaurant zauberte und damit bis ins Land der aufgehenden Sonne für Furore sorgte, hat eigentlich alles, was es für die Leinwand braucht.

Nun kommt diese Story aber doch ins Kino, morgen Abend wird sie unter dem Titel "Sushi in Suhl" am Dresdner Elbufer Premiere feiern (nachdem der Film bereits heute bei den Chemnitzer Filmnächten zu sehen ist). Uwe Steimle spielt darin die Hauptrolle - und es ist tatsächlich seine erste in einem Kinofilm.

Dabei klingt der Titel "Sushi in Suhl" etwas gewollt, nach flapsiger Sommerkomödie. Steimle kontert diesen Einwand: "Es ist ein ernsthafter Film, ein langsamer auch, der aber nicht langweilig ist. Andererseits ist er natürlich auch Unterhaltung. Menschen zu unterhalten, ist eh das Schwierigste. Deshalb sind wir ja eigentlich angetreten." Und es sei, das fügt er an, ein Ensemblefilm. "Keiner hat seine Figur verraten."

DDR heißt hier: das Leben im Kleinen. Es geht nicht um Stasi, Stacheldraht oder andere Vordergründigkeiten der Diktatur des Proletariats. Steimle will mit seiner Figur Person Anschütz jenes Kleine offenbaren. Der Gastwirt aus der thüringischen Provinz habe gezeigt, "dass auch in einer Diktatur Träume möglich waren", wie es Steimle ausdrückt. "Anschütz hat gebrannt für das, was er gemacht hat." Er wolle deshalb mit dem Film "ein Denkmal für einen Menschen" setzen. Und auch der ganz eigenen Phantasie, die es in der DDR brauchte - im Sushi-Fall "Spinat und Karpfen statt Papageifisch".

Allein zwischen 1966 und 1971 konnte Anschütz tausende Gäste aus 28 Ländern, darunter auch 300 Japaner, in seinem auf japanische Küche ausgelegten Restaurant begrüßen. Insgesamt, so wird kolportiert, soll etwa eine Viertelmillion Besucher in das beschauliche Japan-Restaurant gekommen sein. Dabei war Anschütz immer nur Angestellter der HO. Trotzdem steckte er alles Herzblut in seine Idee. Mit überwältigendem Erfolg. Der Mann, der nie in der Partei war, wurde auf diese Weise zu einer Art inoffizieller DDR-Diplomat. "Kochen für den Weltfrieden", nennt das Steimle. Und zwar ohne Ironie. Höhepunkt für den realen Anschütz: Er darf 1979 auf Einladung nach Japan reisen - wochenlang in einer Welt, von der geträumt hat. Doch er kommt wieder. Heimat ist für ihn mehr als ein Begriff. Der Stoff dieser ungewöhnlichen Biografie ist für Steimle "eigentlich was für Hollywood". Die hätten dann "200 Millionen da reingebuttert, aber ein besserer Film wäre das auch nicht geworden".

Vom Drehbuch sei er erst nicht überzeugt gewesen, räumt Steimle freimütig ein. Irgendwann habe er sich dann aber gesagt: "Wenn schon, dann scheitere ich selbst." 29 Drehtage im Winter in Schmalkalden, mit bis zu 17 Stunde Drehen pro Tag, das ging an die Substanz. "Die psychische Anstrengung war auch sehr groß, das wird oft übersehen", sagt der Hauptdarsteller. Und schiebt sofort hinterher: "Ich mach' das aber auch gern."

Für ihn war es jedenfalls auch ein Ausflug in die eigene Familiengeschichte. Steimles Großeltern und sein Vater stammen aus Suhl, "ich bin also ein halber Thüringer". An denen gefalle ihm ihre Ernsthaftigkeit - etwas, das er auch bei den Japanern ausmacht.

Lob zollt Steimle in viele Richtungen, vor allem aber dem Produzenten Carl Schmitt, der das Filmprojekt maßgeblich auf den Weg gebracht hat. Und auch der MDR wird bedacht, gab doch die Mitteldeutsche Medienförderung etwa die Hälfte der rund zwei Millionen Euro umfassenden Produktionssumme. "Darüber habe ich lange nicht schlafen können", sagt Steimle über die damit verbundene Verantwortung.

Doch nicht nur die Filmpremiere bewegt Steimle in diesen Tagen. Am Sonnabend liest er ab 20 Uhr im Schauspielhaus aus seinem eben erschienenen Buch "Meine Oma, Marx und Jesus Christus: Aus dem Leben eines Ostalgikers". Zweieinhalb Jahre hatte er Zeit, um Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend zusammenzutragen. Auch singen wird er an diesem Abend, mit der Band von Manfred Krug. Man darf gespannt sein auf einen Mann, der trotz seines Erfolges als Erich H.-Double klar sagt: "Ich will mich nicht auf Honecker reduzieren." Fast nebenbei lässt Steimle dann auch durchblicken, dass er gern mal wieder auf einer Theaterbühne stehen würde. Mit dem Dresdner Schauspiel-Intendanten Wilfried Schulz gebe es Gespräche.

Torsten Klaus

"Sushi in Suhl", morgen ab 20.30 Uhr bei den Filmnächten

Buch "Meine Oma, Marx und Jesus Christus: Aus dem Leben eines Ostalgikers" (mit Audio-CD), Gütersloher Verlagshaus, 19,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.08.2012

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