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Rückblick auf das Dokfilmfestival Slobodna Zona in Belgrad

Rückblick auf das Dokfilmfestival Slobodna Zona in Belgrad

Srdans Vater ist plötzlich gestorben. Über Nacht und allein. Dem Personal im Krankenhaus hat er verboten, seine Familie zu benachrichtigen. Srdans Vater wollte allein sterben.

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Einer der Veranstaltungsorte des Slobodna Zona / Free Zone Filmfestivals in Belgrad ist das Dom Omladine (Haus der Jugend).

Quelle: Tobias Strahl

So beginnt "Pismo Ocu" (Brief an den Vater) des jungen serbischen Regisseurs Srdan Kecˇa.

In seinem Dokumentarfilm geht Kecˇa der Frage nach, warum sein Vater es vorzog, in den letzten Augenblicken seines Lebens allein zu bleiben. Sein Versuch, in Gesprächen mit Verwandten und Freunden des Vaters Antworten zu finden, führt in deren Erinnerungen, wo Srdans Gesprächspartner an ihrem Unvermögen scheitern, über die Traumata der letzten Kriege zu sprechen, Kriege, an denen Srdans Vater als Freiwilliger teilgenommen hat. "Brief an den Vater" wirft unzähligen Fragen auf, ohne eine einzige davon zu beantworten.

Srdan Kecˇas Brief an den Vater war einer von 40 Dokumentarfilmen, die anlässlich des Slobodna Zona / Free Zone Filmfestivals vor wenigen Tagen in Belgrad gezeigt worden sind. Dessen Organisatoren Branka Pavlovicˇ und Rajko Petrovicˇ wollen das Festival thematisch jedoch nicht auf die jüngere Geschichte der Region reduziert wissen. "In den letzten anderthalb Jahren haben wir eine Menge Veränderungen in der ganzen Welt verfolgen können", sagt Petrovicˇ. "Wir ahnen: Irgendetwas gärt da, ebenso in Serbien. Wir haben eine Menge Probleme hier und wir befinden uns nicht außerhalb dieser Welt, tatsächlich befinden wir uns mitten in ihr. Wir möchten die Antworten von den jungen Menschen in Serbien haben."

Die Perspektive der Menschen in den Balkanstaaten öffnet sich derzeit von nationaler oder gar nationalistischer Fokussierung zu einem globalen Problembewusstsein. Dieses Bewusstsein manifestiert sich unter anderem in einer Reihe von Film- und Dokumentarfilmfestivals in Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Slowenien, Montenegro und Kroatien.

Das Slobodna Zona Filmfestival ist Teil dieser Bewegung in Serbien. Seine Veranstalter sind eng befreundet mit den Organisatoren der Festivals in den übrigen Balkanstaaten. Gegenseitige Unterstützung ist angesichts der schwierigen politischen und finanziellen Situation unerlässlich. Hier scheinen die Cineasten den Politikern der Region um einiges voraus zu sein.

Das globale Problembewusstsein wird im Programm des Festivals in Belgrad deutlich. Neben einer Reihe von Filmen von jungen Produzenten aus den Balkanstaaten wurden in diesem Jahr unter anderem Menschenrechte und Rassismus mit der schwedischen Produktion "The Black Power Mixtape" (Olson, 2010), Fragen nach Identität und Transformation mit Luci Walkers "Waste Land" (2010) oder die Problematik von Geschlechterrollen mit Mohamed Diabs "Kairo 678" (2011) thematisiert. "Das Festival basiert auf drei wesentlichen Grundanliegen: gute Filme und die Repräsentation der wichtigsten Problemstellungen aus allen Teilen der Welt", erklärt Petrovicˇ das Konzept.

Ein Filmfestival in Serbien zu veranstalten, ist derzeit bereits ohne spezifische Themenstellung politisch. Zur ökonomischen und sozialen Krise des Landes gesellt sich die Frage nach der eigenen Identität, die, in einem Satz, zwischen historisch-mythischer Größe, der Schlacht auf dem Amselfeld, und einer Zukunft im krisengeschüttelten Europa unbeantwortet bleibt. Die Atmosphäre ist gespannt. In den vergangenen sechs Wochen gab es kaum einen Tag in Belgrad, an dem nicht demonstriert, blockiert oder verkündet wurde. Nicht wenige Radikale gehen mit Versatzstücken des serbischen Mythos auf Bauernfang. Das Filmfestival in Belgrad provoziert allein schon durch seinen offenen Charakter. "Wir möchten ein Bewusstsein schaffen für Probleme nicht einzig in unserer Gesellschaft, sondern vielmehr auch der Weltgemeinschaft; wir wollen zeigen, dass wir alle miteinander verbunden sind, mehr als wir das annehmen", erklärt Branka Pavlovicˇ, die gemeinsam mit Petrovicˇ vor drei Jahren die künstlerische Leitung des Festivals übernommen hat.

Mit dieser Strategie sind sie offenbar erfolgreich. Rund 12 000 Besucher zählte das Slobodna Zona / Free Zone Filmfestival in Belgrad anlässlich seines siebenjährigen Jubiläums. Etwa zehn Prozent Zuwachs an Besucherzahlen jährlich und eine Vielzahl an Projekten balkanweit, darunter eine gemeinsam organisierte Filmschule für Jugendliche aus allen ehemaligen jugoslawischen Provinzen, zeigen, dass Branka Pavlovicˇ, Rajko Petrovicˇ und ihre Mitstreiter in der Region auf dem richtigen Weg sind.

Eine kleine Sensation war die Prämierung von Srdan Kecˇas "Brief an den Vater" auf dem Dokumentarfilmfestival in Prizren, in Kosovo, im August dieses Jahres. Ausgerechnet in Kosovo gewann ein Serbe die höchste Auszeichnung. Das dies nicht bloß eine politische Entscheidung der Jury in Prizren war, wurde durch die Verleihung des Discovery Awards für "Brief an den Vater" auf dem Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus jüngst deutlich. Damit ist keine der Fragen, die Kecˇas Film aufwirft, beantwortet. Ein erster Schritt dahin jedoch ist unternommen.

Tobias Strahl

ein komplettes Interview zum Slobodna Zona / Free Zone Filmfestival findet sich unter www.sehnsuchtsort.de

www.freezonebelgrade.org/en

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.11.2011

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