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Rezension: Der preisgekrönte Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp ist zum Fernseh-Zweiteiler geworden

Rezension: Der preisgekrönte Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp ist zum Fernseh-Zweiteiler geworden

Rückblende, September 2011: Jan Josef Liefers bei den Dreharbeiten zu "Der Turm" in der Sächsischen Schweiz. Aufgeräumt und aufgekratzt zugleich stellte er sich den Fragen der Journalisten.

Damals sprach Liefers auch davon, wie das DDR-Bürgertum Dresdner Provenienz, dem Uwe Tellkamp in seinem Buch ein eigentümliches Denkmal setzte, die Welt um es herum negierte und ignorierte. Liefers, in Dresden aufgewachsen, wusste, wovon er redete. Diese Ignoranz funktionierte selbst dann, wenn die Welt - also die Staatsmacht - mit Gewalt nach dem Leben des Einzelnen griff, ob nun in Gestalt der Staatssicherheit oder schlicht mit dem Angebot eines faulig riechenden Kompromisses um der Karriere willen. Der Preis wurde verlangt und oft genug entrichtet.

Jenes Arrangieren mit den Verhältnissen ist für Tellkamp Ausgangspunkt seiner ausufernden Beschreibung des Niedergangs eines Landes - ein Sittengemälde mit DDR-Schablone. Was bleibt davon in Christian Schwochows Verfilmung des knapp tausendseitigen Buches? Ambivalenz ist zunächst der erste prägende Eindruck nach drei Stunden Film, portioniert in zwei Teile. Schwochow hat die überbordende Textvorlage Tellkamps sehr gestrafft. Das stand zu erwarten. Andererseits geht in der stringenten, aber eben auch überraschungslosen Filmvariante der Stilmix des Originals verloren.

Zweigeteilt sind beide, Buch und Film. Schwochow erzählt im ersten Teil breiter, um die Figuren und ihre Situationen erfassbar zu machen. Der zweite Teil wird dagegen zum Ritt durch die Zeit, von 1983 bis 1989. Beide Filme beginnen mit einer Totale, als wollten sie das ganze Land ins Bild fassen. In diesen Totalen findet sich ein Abbild des Stillstands, der dann in den Figuren seinen Widerhall findet.

Wenn von der Personage dieses Films die Rede ist, wird sie immer wieder auf Jan Josef Liefers kommen. Er gibt den Chirurgen Richard Hoffmann in überzeugender Dominanz. Liefers spielt eine Personalunion aus Karrierist, Versager und Arschloch dermaßen überzeugend, dass im Teil eins die anderen Figuren hinter ihn zurücktreten, manchmal blass wirken. Erst im Lauf der Zeit entwickeln sich die Charaktere um ihn herum.

Vor allem Sebastian Urzendowsky als Richards Sohn Christian hat es nicht leicht. Die Zerrissenheit als Jüngling zwischen den von seinem Vater formulierten hohen Erwartungen, den Verheißungen der Pubertät, dem unreflektierten Nachplappern des Parteijargons versucht er wiederzugeben, doch wirkt er dabei manchmal steif. Erst nach und nach scheint Urzendowsky die Rolle auszufüllen. Eine zugegeben andere Lesart wäre die des jungen Mannes, der nach dem eigenen Platz im Leben Ausschau hält, ohne schon eine greifbare Vorstellung davon zu haben, wie er aussehen könnte. Er ist hin- und hergerissen zwischen dem Willen, den Erwartungen des Vaters gerecht zu werden, und einem offenbar immer stärker werdenden Impetus des Aufbegehrens. Die Rebellionen Christians sind auf brüchigen Wegen zugange. Sie nehmen Gestalt an im zweiten Teil der Verfilmung, dann tritt auch die Figur seines Vaters mehr in den Hintergrund.

Meno Rohde, gespielt von Götz Schubert, wird als Charakter dagegen eher skizziert. Christians Onkel, als Lektor in ständiger Auseinandersetzung mit den Zensurstellen, findet eigentlich schon nicht mehr hinaus aus seiner Sackgasse, dem vergeblichen Kampf um gute Texte. Seine Annäherung an die Schriftstellerin Judith Schevola (Valery Tscheplanowa) wird zum persönlichen Wendepunkt. Einiges aber geht gänzlich verloren bei der Übertragung von Buch zu Film, zum Beispiel Menos schriftstellerische Arbeit. Wer also auf "Dresden... in den Musennestern/ wohnt die süße Krankheit Gestern" hofft - Fehlanzeige. Schubert gibt dem resignierten Intellektuellen, dem in Gestalt einer Frau der Silberstreif erscheint, eine zurückhaltende und gleichzeitig packende Note. Man hätte sich mehr Meno gewünscht.

Die Frauen dagegen vollziehen ihre Wandlungen klarer, ringen sich zu Stärke durch. Richards Frau Anne (Claudia Michelsen) und seine Geliebte Josta Fischer (Nadja Uhl) wenden sich beide von ihm ab. Seine Frau verliert das wichtigste Puzzleteil ihrer Liebe zu ihm, den Respekt, als Richard ihr von seiner Kooperation mit der Stasi erzählt. Von da an ist ihre Ehe eine Fahrt bergab. Seine Geliebte erfährt schon vorher, dass sich Richard im Ernstfall für seine Karriere entscheidet: Er verlässt sie, sie überlebt knapp einen Selbstmordversuch. Danach bleibt nichts mehr, wie es war.

Eins ist recht sicher: Man wird sie feiern, diese "Turm"-Verfilmung. Preisverleihungen inklusive. Das liegt an der Bekanntheit des Stoffes, großartigen Darstellern und auch der massenkompatiblen Umsetzung. Ob es wirklich einer ostdeutschen Biografie bedarf, um dem Film eine authentische Note zu geben - wie der MDR stolz mit Blick auf alle Beteiligten vermerkt -, darf getrost bezweifelt werden. Und auch das Kokettieren mit der "Unverfilmbarkeit" des Buchs, wie es ARD-Programmdirektor Volker Herres im Begleitheft zum Film schrieb, klingt aufgesetzt. Immerhin gibt es den "Turm" schon in mehreren Theatervarianten, und das Fernsehen verfügt wohl kaum über weniger Möglichkeiten des Inszenierens als die Bühne.

Was im Film fehlt, ist das Mäandernde der Beschreibungen. Das ist natürlich, dafür kann man sogar dankbar sein. Anderes aber, das Tellkamp seinem Roman beigab - surreale Einsprengsel, Montagen, Dialekt - ist ebenfalls weg. Geglättet, um einen geradeaus erzählten Film zu produzieren. Mit Blick auf das größtmögliche ARD-Publikum bleibt es rational nachvollziehbar. Und doch beraubt es die Verfilmung des Reichtums ihrer Vorlage, die beispielsweise Helmut Böttiger in der Zeit als "außerhalb der Zeit" stehend bezeichnet hatte. Hier, im Sog des Mainstreams, den das Fernsehen nun einmal verkörpert, wird das Buch in die Zeit zurückkatapultiert. Mit allen Konsequenzen.

Die Atmosphäre des Films, auch das sei gesagt, ist stimmig. Er zeigt noch einmal deutlich, was DDR hieß. Sie war ein Friedhof der Träume, und das von Tellkamp geschilderte Bildungsbürgertum zählte zur Schar der Friedhofsgärtner. "Wenn es nur das Bürgertum auf dem Weißen Hirsch in Dresden gegeben hätte, hätten wir immer noch die kommunistische Herrschaft. Sich nur rauszuhalten und ansonsten anzupassen, reicht nicht aus." Das hatte Friedrich Schorlemmer einmal gesagt. Es klingt immer noch wie der passendste Kurzkommentar zum "Turm".

"Der Turm", 3. und 4. Oktober, jeweils 20.15 Uhr, ARD

Der preisgekrönte Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp ist zum Fernseh-Zweiteiler geworden. Heute Abend ist Vorpremiere im Dresdner Parkhotel Weißer Hirsch, am 3. und 4. Oktober zeigt ihn die ARD. Eine Rezension von

Torsten Klaus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.09.2012

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