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Querkopf und streitbarer Zeitgenosse: Peter Sodann wird 80

Jubiläum Querkopf und streitbarer Zeitgenosse: Peter Sodann wird 80

Peter Sodann eckt an und hat als Querkopf viel erreicht. Nach Erfolgen als Theatermacher und „Tatort“-Kommissar lebt er nun seine Leidenschaft für Bücher aus - und kämpft um das literarische Erbe der DDR.

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Der Schauspieler Peter Sodann, aufgenommen am 18.01.2016 in Staucha (Sachsen). Sodann hat im Leben vieles erreicht, auch wenn er gerne mal aneckt: Anerkannter Theatermacher in der DDR, beliebter «Tatort»-Kommissar in ganz Deutschland, Polit-Aktivist für die Linke.

Quelle: dpa/Arno Burgi

Staucha. Ehrlich und direkt: Peter Sodann sagt ohne Umschweife, was er denkt. Der in Meißen geborene Kabarettist, Schauspieler und Regisseur, der am Mittwoch (1. Juni) 80 Jahre alt wird, ist auch deshalb bundesweit bekannt geworden: als etwas schrulliger sächsischer „Tatort“-Kommissar Bruno Ehrlicher und dann als Bundespräsidentenkandidat. Beide Kapitel hat der frühere Theaterimpressario längst hinter sich gelassen - und ein neues Herzensprojekt: das literarische Erbe der DDR.

Im ausgebauten Kuhstall und der Scheune eines ehemaligen Rittergutes im Örtchen Staucha bei Riesa (Landkreis Meißen) hat er eine DDR-Bibliothek begründet, mit der er Geschichte bewahren will. Dort lagern aktuell rund vier Millionen Exemplare vom Kinderbuch bis zum Klassiker. „Ich kämpfe gegen das Vergessen“, sagt er. „Die Vergangenheit kann nicht einfach weggewischt werden.“ Sein Domizil ist auch ein Bildungsort - mit Veranstaltungsprogramm. 

Der langjährige „Tatort“-Ermittler sammelt seit 1989 Bücher, die zwischen 1945 und dem Ende der DDR im Osten Deutschlands gedruckt wurden und auf dem Müll zu landen drohten. Finanziert wird die Bibliothek, das kulturelle Gedächtnis des Ostens, von einem Verein sowie aus Erlösen von Buchverkauf, Lesungen und Führungen.

Sodann, geboren am 1. Juni 1936 in Meißen, wuchs mit Literatur auf und konnte nach eigenen Angaben schon mit etwa fünf Jahren lesen. „Ich las alles, was mir in die Finger kam: deutsche Heldensagen, Wilhelm Hauffs Märchen, Karl May, Robinson Crusoe, Tarzans Abenteuer im Dschungel“, erzählt er in seinen Erinnerungen mit dem Titel „Keine halben Sachen“. Seine große Klappe half dem Arbeitersohn, sich zu behaupten.

Nach einer Werkzeugmacherlehre und einem Ausflug ins Fach Jura studierte er an der Leipziger Theaterhochschule. Nebenbei leitete er den „Rat der Spötter“, ein Kabarett, das 1961 wegen eines als konterrevolutionär befundenen Programms aufgelöst wurde. Wegen staatsfeindlicher Hetze wurde Sodann verhaftet und vom Studium ausgeschlossen. Neun Monate saß er im Gefängnis, später bespitzelte ihn die Stasi. 

Nach spätem Studienabschluss holte Intendantin Helen Weigel den in Ungnade Gefallenen 1964 ans Berliner Ensemble. Wenig später drehte er mit Bernhard Wicki seinen ersten großen Kinofilm „Sansibar und der letzte Grund“. Über Engagements am Berliner Ensemble, in Erfurt, Chemnitz und Magdeburg kam er nach Halle. Dort besetzte er in den 1980er Jahren mit Kollegen ein heruntergekommenes DDR-Kino - und schuf sich eine eigene Bühne: das „neue theater“.

Zwischen Bewunderung und Kopfschütteln

Als Intendant machte er daraus eine bundesweit einzigartige Kulturinsel mit mehreren Spielstätten. Und fand späte Anerkennung in der DDR: 1986 bekam er den Nationalpreis. 2001 erhielt er dann auch das Bundesverdienstkreuz. 2005 ließ die Stadt Halle den Vertrag mit ihm dann auslaufen, „das Theater wurde von mir losgesagt“, erzählt Sodann in der Autobiografie. Der Lebenstraum war nach 25 Jahren vollem Einsatz zerplatzt.

Da war er durch seinen Kommissar Bruno Ehrlicher, den er mit harter Schale und weichem Kern ab 1992 im „Tatort“ gab, auch bundesweit bekannt geworden. Sodann und sein Partner Bernd Michael Lade ermittelten in 45 Fällen erst in Dresden, dann in Leipzig. Das Duo gehörte damit zu den am meisten beschäftigten Teams der beliebten ARD-Krimireihe.

Der große Auftritt, die ausladende Geste sind Sodanns Sache nicht. Auch in Interviews sagt er geradeheraus und unverblümt, was er denkt. So war das auch bei seinen politischen Ambitionen: 2005 wollte er als Parteiloser für die PDS zur Bundestagswahl antreten, zog kurz darauf die Kandidatur zurück - er hätte sonst auf die „Tatort“-Rolle verzichten müssen.

2009 trat er dann als Linke-Kandidat für das höchste Staatsamt an. Das brachte ihm Bewunderung bei Fans, aber auch viel Kopfschütteln ein - wegen öffentlicher Äußerungen, gern „Sozialismus oder so etwas Ähnliches“ aufbauen zu wollen, wo die Menschen alle gleich seien.

Mit „In ein paar Tagen biste Rentner, und in einem halben Jahr haben sie dich schon vergessen. Ach scheiß drauf“, hatte sich Sodann im November 2007 vom „Tatort“-Publikum verabschiedet - in den Ruhestand. Das Wort findet er bedrohlich, es „klingt, als wäre die Welt fertig mit einem“, schreibt er in seinem Buch. „Doch ich bin nicht fertig mit der Welt.“

Von Simona Block

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