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Präziser, feiner Stil: Dem Dresdner Regisseur Klaus Dieter Kirst zum heutigen 75. Geburtstag

Präziser, feiner Stil: Dem Dresdner Regisseur Klaus Dieter Kirst zum heutigen 75. Geburtstag

Bei Klaus Dieter Kirst drängt es sich auf, wohlgemerkt mit dem Blick vom 21. ins ausgehende 20. Jahrhundert und nicht etwa im Sinne stockkonservativer Theaterliebhaber, von einem Regisseur alter Schule zu sprechen.

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Kein Trauerrand, sondern ein Bild aus früheren Jahren: Klaus Dieter Kirst.

Quelle: HL Boehme

So einleuchtend wie verfehlt. Schule trifft allenfalls im Hinblick auf die Ausbildung in der DDR zu, die der gebürtige Meininger von 1960 bis 1964 an der Theaterhochschule in Leipzig absolvierte, auf die Zugehörigkeit zu einer Generation, die keine Vorprägung durch die Nazi-Ideologie mehr erfahren hatte und ihre Chance erhielt, als die Kulturpolitik der DDR mit dem Machtantritt von Erich Honecker etwas weitere Spielräume zuließ. Das trifft auch zu auf eine Haltung, die stets eigenständig und kritisch blieb und auch nicht durch Privilegien korrumpierbar war. Eine auch nur annähernd ähnliche Karriere haben jedoch nur ganz wenige Kollegen zu verzeichnen, nach meiner Kenntnis an einer Hand abzählbar: Alexander Lang, Wolfgang Langhoff, Wolfgang Engel oder die im vergangenen Jahr fast unbemerkt verstorbene Irmgard Lange. Eine Gruppe, die nicht zufällig vor allem in Ostberlin und Dresden tätig war, und hier in der Vorwendezeit Furore machte, die dem Theater eine bis dahin ungeahnte gesellschaftlich Geltung verschaffte. So sesshaft wie Kirst war freilich keiner. Nach dem Studium zunächst als Regieassistent, ab 1969 als Regisseur am Dresdner Staatstheater, blieb er dem Haus mehr als vier Jahrzehnte verbunden. Auf eine eher still wirkende, aber verbindliche und konsequente Art, mit einer Form von Unentbehrlichkeit, die sich von Anfang an auf seine Fähigkeit gründete, gerade spröden, schwer umsetzbaren Stoffen theatralische Reize abzugewinnen und geistigen Tiefgang mit scheinbar leichter Hand auszuloten, fand er nach jedem Intendantenwechsel seinen Platz. Doch obgleich Wilfried Schulz noch 2010, im Jahre von Kirsts Ernennung zum Ehrenmitglied des Staatsschauspiels, eine weitere Zusammenarbeit angekündigt hatte, folgte kurz darauf mit "Ibsens Gespenstern" nur noch eine Inszenierung.

Ein stiller unbemerkter Abschied, den Kirst ganz gelassen kommentiert: "Mit 70 darf man aufhören, und ich fühle mich sehr gut danach. Ich gehe viel ins Theater..." Eine Bilanz über das Lebenswerk des Regisseurs ist nunmehr, wenn er am heutigen Tag sein 75. Lebensjahr vollendet, mit einigem Abstand zu ziehen. Die erste herausragend wichtige Position war lange vor den ersten Anzeichen einer Zeitenwende anzusetzen, 1973 mit "Adam und Eva" von Peter Hacks, einer ebenso sinnlichen wie ironisch glitzernden Inszenierung, die Spaß am Philosophieren und in der Folge wohl auch Politisieren machte, ohne dass der Regisseur sich dabei eine Blöße gegenüber ideologischen Tugendwächtern gab. Der hochintellektuelle Hacks war in dieser Zeit überhaupt "sein" Autor. Mit dem schon legendären "Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" verhalf er ihm in Dresden zu einem weiteren Riesenerfolg, und in der Zeit tiefster Erstarrung wagte er sich an - schon vom Titel her anspielungsreich - "Senecas Tod". Eine kulturpolitische Tat war 1976 die Inszenierung der Oper für Schauspieler "Litauische Claviere" von Rainer Kunad und Gerhard Wolf nach dem Roman von Johannes Bobrowski. Ein erfolgreicher Einstieg ins Musiktheater, für das er fortan immer wieder gearbeitet hat, vorzugsweise als Gast und außerhalb von Dresden, bereits 1977 auch in Österreich und der damaligen Bundesrepublik.

An Kirsts Stil bestechen die Präzision, die Unaufdringlichkeit seiner Stilisierung, sein meist mit leiser Ironie getränkter Witz, sein Sinn für die theatralische Wirkung menschlicher Irrungen und Wirrungen. Es gab für ihn keinen bevorzugten Stoff, keinen bevorzugten Autor trotz der zeitweise engen Zusammenarbeit erst mit Hacks und später mit Christoph Hein. Kleist und Goethe, Max Frisch (einprägsam "Biografie, ein Spiel") und Bertolt Brecht, Shakespeare, Molière und Wedekind, was half er nicht alles, (neu) zu entdecken! Sein Tonfall war nie agitatorisch, das Psychologische verselbständigte sich nie, auch das Hintergründige diente der Erweiterung von Horizonten, die er selbst scheinbar allzu banalen Stoffen abgewinnen konnte. Sein Thema war nicht unmittelbar Systemkritik, sondern immer der Mensch in seinem oft sonderbaren Streben. Selbst wenn man einen großen Teil der etwa 70 Inszenierungen gesehen hatte, stellte sich nie Überdruss ein, die Erwartung blieb stets gespannt, eben weil man nie voraussehen konnte, auf welche Weise er sich dem nächsten Thema zuwenden würde. Der einzige gemeinsame Nenner, der wohl alle seine Arbeiten durchzog, war die Hoffnung auf ein gutes Ende über die Endlichkeit einer einzelnen Geschichte hinaus. Die hat er sich nie nehmen lassen und gab ihr auch mal etwas pathetischen Ausdruck - zu Tränen rührend das Finale von Heins "Passage", dem Flüchtlingsdrama mit einer heute ganz anderen Aktualität.

Mit den Uraufführungen von "Passage" (1987) und "Die Ritter der Tafelrunde" (1989) hat Kirst vielleicht "offiziell" Theatergeschichte geschrieben, mit der "Rocky-Horror-Show" im Zelt-Provisorium der 90er Jahre (natürlich auch dank Ahmad Mesgarha) einem Kult-Musical eine völlig eigenständige, von der gängigen Plattheit des Genres weit entfernte Fassung gegeben, die wohl Tausenden unvergesslich bleiben wird. Es sei ihm gewünscht, dass sich das Theater von heute und morgen gelegentlich dafür revanchiert - und er es entsprechend genießen kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.09.2015

Tomas Petzold

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