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Porträt: Stephan Raack und sein Thalia-Kino in der Dresdner Neustadt

Porträt: Stephan Raack und sein Thalia-Kino in der Dresdner Neustadt

Thalia ist die Muse der komischen, der unterhaltenden Dichtung in der griechischen Mythologie. Im Namen ist das Wort "blühen" verborgen, es ist nicht ganz falsch, an blühende Fantasie zu denken.

Thalia ist auch eine der drei Chariten, griechische Göttinnen der Anmut, in römischer Tradition als Grazien bekannt.

Wo kämen Unterhaltung, Komik, blühende Fantasie, Anmut und Grazie besser zusammen als im Kino? Jenem Ort, an dem die bewegten Bilder uns im Schutz der Dunkelheit bewegen, sei es im Lachen oder in der Berührung. Beides kann Tränen in die Augen treiben, die Dunkelheit während des Abspanns reicht allemal, sie wegzuwischen. Und wenn dann, wie im Dresdner Kino Thalia in der Äußeren Neustadt, im Café und an der Bar ein wenig blauer Dunst durch den Raum nebelt, dann kann das sogar ganz angenehm sein. Im Sommer sind die Fenster des Cafés weit geöffnet und man sitzt so gut wie mittendrin im bunten Treiben der Dresdner Neustadt-Republik. Im Winter ist es auf der Straße ruhiger, der Aufenthalt vor oder nach dem Kinobesuch beschaulicher.

"Cinema. Coffee and Cigarettes" steht überm Eingang zum Thalia-Kino, und das ist für Stephan Raack, der seit 2004 hier als Hausherr waltet, Programm. Weil eine Lehre erst mal sein musste, ließ sich der 1975 in der Lausitz geborene und in Dresden aufgewachsene Filmenthusiast in Freiberg zum Energieelektroniker ausbilden. 1989, so erinnert er sich, hieß es tief durchzuatmen und dann alles daran zu setzen, neue, bis dahin ungeahnte Chancen zu nutzen. Erst hat er in anderen Kinos gearbeitet und dann war es soweit: Die Räume waren gefunden, das vorgelegte Konzept überzeugte den Eigentümer. In der Görlitzer Straße 5, wo 1889 das Apollotheater mit 700 Plätzen eröffnet wurde, 1905 als Edentheater geführt und wo 1911 der Humorist und Volkssänger Emil Winter-Tymian "Tymians Thalia-Theater" als beliebten Ort der Unterhaltung etablierte, sollte es sein. Der auch als "Dresdens Schmuckkästchen" beschriebene Saal von Tymians Theater, wo Volksstücke gezeigt wurden, wo es bei niedrigen Eintrittspreisen Singspiele und Varieté gab, Sondervorstellungen für behinderte oder benachteiligte Kinder, wurde 1945 völlig zerstört.

Wer im nächsten Sommer im Garten des heutigen Cafés sitzt, kann Mauerreste des Theaters sehen, an der Fassade Louisenstraße 53 erinnert ein Porträt an Emil Winter-Tymian, auf einer Schellack-Platte ist die Stimme des Multitalents der Unterhaltung festgehalten, "Der schöne Tymian kommt".

Stefan Raacks Thalia-Kino ist ein kleines Filmtheater, man kann tief in die bequemen Sessel sinken. Das Programm in seiner Vielfalt spricht verschiedene Altersgruppen und Interessen an, zudem gibt es hier Lesungen und musikalische Programme. Und mit maximal fünf Euro sind die Kartenpreise moderat, ganz in der Tradition des Ortes. Die Atmosphäre muss überzeugen, Kino und Kommunikation, dafür steht Raack mit seinem Team engagierter Mitarbeiter. So konnte diese Oase der Musen ihren speziellen Platz in der vielfältigen Dresdner Kinoszene etablieren. Man kann hier ankommen, abspannen, etwas erleben, was der Abend am Fernseher oder mit der DVD am Computer nicht bietet. Man kann verweilen und in direkter Kommunikation nachwirken lassen, was das Publikum lächeln ließ, Begeisterung oder Verwunderung oder auch Verdruss bereitete. Für Stephan Raack, der es besonders liebt, Filme in der Originalfassung zu zeigen, ist jeder Abend neu, man trifft ihn an der Bar, mal als Beobachter mit verschmitztem Lächeln, mal in Diskussionen oder in der Absprache neuer Projekte. Auch wenn immer noch Menschen überrascht stehen bleiben oder ins Café kommen und verwundert feststellen, dass es hier ein Kino gibt - längst ist dieser Ort über Dresdens Grenzen bekannt. Mehrmals gab es Auszeichnungen, so als bestes Programmtheater in Mitteldeutschland, nicht zuletzt wegen der anhaltenden Risikobereitschaft im Hinblick auf die Programmgestaltung. Dabei gibt es keine Scheuklappen vor der Vielfalt des Genres, wird auch mal das gefeiert, was gerade obenan steht in der Beliebtheitsskala, vielleicht dann aber doch noch als Sahnehäubchen im Original gezeigt wird.

Natürlich gibt es Probleme, für viele Klassiker sind die Rechte abgelaufen, man muss findig sein, um fündig zu werden. Und reich werden kann man dabei auch nicht. Glücklich schon eher. Auf jeden Fall, so ist es, und nur so kann man diese Arbeit machen, meint Stephan Raack, dessen ungebrochenem Enthusiasmus Dresden diesen kleinen, aber besonderen Ort der Musen, der Grazien und der bewegten Bilder verdankt. Die Musen scheinen hier tatsächlich zu Hause zu sein, denn nicht selten sieht man wie in besten Kaffeehaustraditionen Dresdner Dichter und Autore - ganz traditionell mit Papier und Stift die einen, am Laptop die anderen. Und auch die Grazien kehren gern hier ein, das Thalia ist zum Treffpunkt etlicher Protagonisten der Tanz- und Theaterszene geworden. "Cinema. Coffee and Cigarettes", so Stephan Raack, das war seine Idee, eine Art Erinnerung und Verehrung in Anlehnung an "Tymians Thalia-Theater". Dresden und seine Traditionen, manche muss man einfach lieben.

Im Thalia-Kino läuft bis 9. Dezember eine Filmretrospektive, die an den Dresdner Regisseur Robert Siodmak erinnert. Eintritt je Film: 5 Euro, alle Filme: 15 Euro.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.12.2012

Boris Michael Gruhl

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