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Neuer Film des Dresdner Regisseurs Wolfgang H. Scholz

Neuer Film des Dresdner Regisseurs Wolfgang H. Scholz

Scholz ist ein vielseitiger Künstler. 1958 in Dresden geboren, studierte er Kunst, Ingenieurswesen und Graphologie, arbeitete in der Folge als Maler, Fotograf und Filmregisseur.

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Christine Hoppe als Lisa und Philipp Lux als Martin in dem Film "Krähenzeit".

Quelle: Filmstill

Wolfgang H. In letzterem Metier realisierte er kurz vor und nach der Wende eine Reihe teils preisgekrönter Kurzfilme, die sich meist den einfachen Menschen und gesellschaftlichen Außenseitern verpflichtet fühlten. Eine Lehrposition an der dortigen Filmhochschule führte Scholz 1990 nach München, wo er auch eine eigene Produktionsfirma gründete. Schließlich zogen ihn Arbeit und Privatleben nach Mexiko, wo er heiratete und weiterhin in vielen Bereichen kreativ tätig blieb.

Doch trotz alldem hat Wolfgang Scholz seiner Dresdner Heimat nie ganz den Rücken gekehrt. Und als er vor einigen Jahren in seinem Archiv bislang unausgewertete Filmaufnahmen von 1988 fand, reifte in ihm die Idee, mittels dieses Materials eine Brücke sowohl zu seiner Vergangenheit als auch zu seinen geographischen Wurzeln zu schlagen. Entstanden ist der 52-minütige Film "Krähenzeit", der neu inszenierte Spielszenen mit Auszügen aus Scholz' früherem Schaffen kombiniert. Premiere feierte der Streifen am Mittwochabend im altehrwürdigen Neustädter Kino Schauburg.

Die autobiographisch angehauchte Prämisse sieht Martin S. (Philipp Lux) nach zwanzig Jahren in seine Heimatstadt Dresden zurückkehren, in der Hoffnung, seine Jugendliebe (verkörpert von Christine Hoppe) ausfindig machen zu können - denn in seiner Stasi-Akte hat er Informationen gefunden, die nur sie hätte verraten können. Nun folgen allerdings keine investigative Personensuche und überhaupt keine im klassischen Sinn narrative, szenische Handlung. Vielmehr lässt Scholz seinen Protagonisten durch die Straßen der Dresdner Neustadt wandern, durch ein Gewirr von Gedanken und Erinnerungen, und es entspinnt sich ein ausschließlich von inneren Monologen getragener Essayfilm, den man vielleicht am ehesten mit dem Erzählfluss von Wim Wenders' "Der Himmel über Berlin" vergleichen kann - in Scholz' eigenen Worten ein "philosophisches Drama".

Dies macht eine objektive Beurteilung natürlich denkbar schwer - schließlich gibt es kaum Subjektiveres als die Bewertung des Gehalts von Lebensanschauungen und Weltbetrachtungen. Es gibt viele Ideen und Thematiken in "Krähenzeit", von intelligenten Fragestellungen zu unserer Wahrnehmung der Vergangenheit, dem Blickwinkel eines Spitzels bis hin zum Versuch, der eigenen Existenz durch die Notierung des Erlebten ein wenig Unsterblichkeit abzuringen. Die meisten Gedanken des Films bleiben (be)greifbar, gelegentliches Abgleiten in völlig abstrakte Aussagen wie "die Wahrheit verbirgt sich in der vierten Dimension" bleibt die Ausnahme.

"Stehende Zeit" ist ebenfalls eines der sich durch den Film ziehenden Themen, und so verbringen die Figuren auch einen wesentlich Teil der Lauflänge auf Fähren - immer wieder von einem Ufer zum anderen pendelnd, nie wirklich vorankommend, Stillstand in der Bewegung. Das ist eine gelungene Übertragung der begleitenden Zwiegespräche in Bildsprache, so wie "Krähenzeit" auch generell formal überzeugt - über weite Strecken erlesen komponierte Bilder vermengen sich mit einem ausdrucksstarken Soundtrack.

Problematisch ist indes, dass der Film ob seiner gewollt kunstvollen Erzählweise eher den Intellekt als das Herz anspricht. Das Dilemma der Hauptfigur bleibt weithin so abstrakt wie seine Betrachtungen, emotionale Nähe ist eher selten - zu den Ausnahmen zählt hier eine sehr schöne Szene, in der sich Martin S. der räumlichen Kompaktheit seiner jugendlichen Lebenszeit bewusst wird. Dies auch der schauspielerisch stärkste Moment von Philipp Lux, der sonst einmal zu oft darauf reduziert wird, mit konsterniertem Gesichtausdruck durch verwinkelte Gassen zu wandern. Christine Hoppes Figur wiederum ist weniger abgerundeter, lebendiger Charakter als vielmehr Projektionsfläche für philosophische Betrachtungen über unsere Wahrnehmung anderer Menschen und die Neubewertung der verschwommenen Gefühle unserer Vergangenheit.

So bleibt ein Film, der viel sagen möchte und es auch schafft, über seine Collage aus Text, Bild und Musik eine ganz eigene Sogwirkung zu entfalten. Wie viel der geneigte Zuschauer daraus gewinnen wird, hängt in wesentlichem Maße von dessen philosophischem Interesse und seiner Bereitschaft ab, sich auf einen Experimentalfilm einzulassen, der mit etablierten Sehgewohnheiten radikal bricht. Auf jeden Fall ist Wolfgang H. Scholz dafür Anerkennung zu zollen, sein ganz eigenes Erzählwerk mit aller künstlerischen Kompromisslosigkeit bis auf die große Leinwand gebracht zu haben. In der Folge soll "Krähenzeit" auf Festivals und in den Programmkinos zur Auswertung kommen. Für Diskussionsstoff dürfte das herausfordernde Seherlebnis aus der Feder des kosmopolitischen Regisseurs also noch öfters sorgen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.11.2014

Rafael Kühn

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