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Nachruf auf die Dresdner Filmemacherin Heide Blum

Nachruf auf die Dresdner Filmemacherin Heide Blum

Wir haben eine mutige Streiterin für Erniedrigte und Betrogene, für Hilfsbedürftige und Verletzte in unserer und vergangener Zeit verloren. Eine, die mit den Mitteln des Dokumentarfilms die Köpfe und Herzen zu erreichen suchte.

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Heide Blum

Quelle: Henrik Flemming

Eine, die zugleich eine Kunstbegeisterte war, der wir filmische Liebeserklärungen verdanken. Am 12. August ist die Dramaturgin, Autorin und Regisseurin Heide Blum nach langer Krankheit im Alter von 77 Jahren für immer von uns gegangen.

Ungezählte Male gab es in den letzten zwanzig Jahren Beispiele für ihr Wirken als Filmemacherin, die uns heute Anlass geben, ihrer traurig, aber auch dankbar zu gedenken. Solch ein Tag war auch der 12. Juni 2007, als erstmals ihr Film "Aufruf letzter Zeugen" über die Euthanasie in Pirna Sonnenstein, eine der sechs nazistischen Tötungsanstalten, aufgeführt wurde. Weil das Erinnern konkret sein muss, griff Heide Blum stellvertretend für zahllose Opfer das Schicksal einzelner, barbarisch ausgelöschter Menschen auf und gab ihnen wieder ein Gesicht. Sie zog Zeitzeugen, Protokolle und Dokumente heran, enthüllte die Praktiken der Faschisten und nannte die Täter aus Sachsen beim Namen, denen das Dresdner Landgericht 1947 den Prozess gemacht hatte. Sie tat es in der Hoffnung, die Menschen würden aus der Vergangenheit lernen und solche Verbrechen nicht mehr zulassen.

In vielen ihrer Filme zeigt sie ihre enge Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt Dresden, wo sie am 11. September 1936 geboren wurde. Nach einer Lehre zur Möbeltischlerin und dem Abitur studierte sie an der Uni Leipzig Geschichte und Germanistik. Ihre wahre Berufung fand sie durch ihr Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg und danach durch ihre Tätigkeit beim DEFA-Studio für Dokumentarfilme und beim Deutschen Fernsehfunk.

Als sie mit der Auflösung des Fernsehens der DDR ihre Arbeit verlor, erlebte sie Missachtung und Demütigung schmerzhaft am eigenen Leib. Als eine starke Frau machte sie danach das bittere Los anderer zu ihrem ureigenen Thema, z.B. 1991 mit den Filmen "Go to West" über Arbeitssuchende im Osten und "Stirbt eine Region?" über die Oberlausitz.

Sozusagen als Gegengewicht thematisierte sie jedoch auch das Großartige, zu dem Menschen fähig sind, etwa mit dem Film über die Staatskapelle Dresden und die Dresdner "Faust"-Inszenierung von Wolfgang Engel von 1991. 2006 folgten das Porträt des Sängers und Dirigenten Peter Schreier "Alles hat seine Zeit", 2007 ihr Beitrag über den Schauspieler Tom Quaas in Henrik Flemmings Film "Von der Elbwiese zum Weinberg" und schließlich 2009 "Wie viel Freiheit braucht die Kunst" über die Malerin Angela Hampel und den Maler Pol Cassel (1899-1945).

Heide Blum befasste sich lange Zeit mit der Euthanasie, nicht zuletzt, um etwas über einen Verwandten zu erfahren. Das gelang ihr nicht, aber sie stieß auf die überaus begabte Malerin Elfriede Lohse-Wächtler, die als angeblich unheilbar geisteskrank 1935 entmündigt und zwangssterilisiert wurde. 1997 drehte Heide Blum über sie den erschütternden Film "... es wird schon alles wieder gut", der für mich ihr bester ist. Ausgehend von den Bildern und Briefen der Malerin offenbart sich ein erschütterndes Schicksal. Es wurde nicht alles wieder gut - 1940 wurde Elfriede Lohse-Wächtler in einem Keller von Pirna-Sonnenstein vergast. Dem gleichen Thema widmete sich Heide Blum nochmals: mit dem Film "Tu Deinen Mund auf für die Schwachen!" über die Tötung von 173 Kinder und Jugendlichen im Jahr 1940.

Den schizophrenen Dresdner Maler Winfried Dierske, geb. 1934, porträtiert ihr Film "Vom Leben jenseits der Möglichkeiten" von 2004. Der Künstler gab das Malen auf, nachdem er in den 1960er Jahren für 40 Jahre in die Nervenklinik von Arnsdorf verschwand. 2002 holte die Akademie der Künste Berlin etwa 60 seiner Gemälde, entstanden von 1959 bis 1964, für eine Ausstellung wieder ans Tageslicht. Es sind zumeist filigrane Stadtansichten, die uns in die Vergangenheit zurückversetzen und auf seltsame Weise zu Herzen gehen. Zur Premiere im Dezember 2004 im 'Metropolis' reichten die Stuhlreihen nicht aus, so zahlreich waren Interessierte gekommen.

"Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren", meinte Lessing. Heide Blum hat sich mit den Themen ihrer Filme stets so intensiv beschäftigt, dass es kein Wunder war, wenn sie es oft schwer verkraften konnte.

"Solange es Menschen gibt, die sich den Herausforderungen im Zusammenleben in einer Gesellschaft stellen und dies dokumentarisch aufarbeiten und an Werte erinnern, die erst Menschsein ermöglichen, gibt uns das Zuversicht und bleibt die Gesellschaft lebensfähig", schrieb die Familie Peter E. an Heide Blum.

Die Stadt Dresden könnte sie nicht besser ehren als mit der Wiederaufführung einiger ihrer Filme.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.08.2014

Waltraud Krannich

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