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Kristin Winter fotografiert für Google Dresdner Innenansichten. Kennt Google jetzt auch bald unsere Wohnzimmer?

Kristin Winter fotografiert für Google Dresdner Innenansichten. Kennt Google jetzt auch bald unsere Wohnzimmer?

Jeden Tag reißt Kristin Winter das Fenster Dresdens zur Welt ein bisschen weiter auf. Die 33-Jährige ist zertifizierte Google-Fotografin und lichtet dafür seit Anfang des Jahres Innenansichten von Cafés, Restaurants, Firmen und anderen Unternehmen in der und um die sächsische Landeshauptstadt herum ab.

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Auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch hatte die Google-Fotografin keine Probleme mit den Bildrechten.

Quelle: Norbert Neumann

Die Aufnahmen werden dann in die virtuellen Karten des Onlineportals Google eingepflegt. Dieses Format nennt der milliardenschwere US-Konzern "Business View". Winters Bilder unterscheiden sich dabei jedoch von den meisten herkömmlichen Fotos. Denn sie zeigen eine 360-Grad-Ansicht - der Betrachter kann sich also mit dem Mauszeiger um eine virtuelle Achse an diesen Orten drehen.

"Solche Fotos werden immer mehr zur neuen Visitenkarte", sagt die gebürtige Dresdnerin. Denn die visuelle Präsenz im Netz gewinne immer mehr an Bedeutung und könne den Umsatz der Unternehmen gehörig ankurbeln. Das Konzept von Google Business View scheint tatsächlich aufzugehen. Denn seit der Online-Anbieter seinen Webauftritt 2011 in den USA um den Dienst erweitert hat, berichteten teilnehmende Restaurants nicht nur über steigende Klick-Zahlen auf eigenen Internetseiten, die Anzahl der Reservierungen sei bei vielen schlagartig in die Höhe geschnellt. Doch dem Internetriesen geht es um viel mehr: Das Geschäft mit lokaler Werbung im Netz. Wer früher einen Blick in die Gelben Seiten riskierte, sucht heute bei Google - oder aber eben bei Microsoft oder Nokia. Denn auch die haben inzwischen Straßenzüge wie Google digitalisiert. Die neuen Innenansichten sollen nun die Google-Vorherrschaft sichern. Schätzungen zufolge geht es dabei um einen Markt mit einem Volumen von mehreren Milliarden Dollar.

Bis Google Business View auch in Deutschland ans Netz ging, dauerte es nach dem US-Start noch zwei weitere Jahre. "Unsere Datenschutzbestimmungen sind einfach so streng - da dauerte das eben mal wieder länger, bis es das Angebot auch bei uns gab", berichtet die Fotografie-Autodidaktin Winter.

Anfang 2007: Google-Mitarbeiter mit speziell ausgerüsteten Fahrzeugen und Fahrrädern machten sich auf, Straße für Straße abzufahren und 360-Grad-Fotos zuschießen. Seit 2010 kann die nun auch jeder in Deutschland im Netz bestaunen. Doch was von den einen als technische Revolution gefeiert wurde, verteufelte hierzulande ein Großteil der Haus- und Wohnungsbesitzer als massiven Eingriff in ihre Privatsphäre. Eine Viertelmillion Bundesbürger ging auf die Barrikaden, Google durfte die Immobilien schließlich nur unscharf abbilden.

Der Satiriker Martin Sonneborn nutzte den Schwung der Empörungswelle und ging mit einem Auto auf große Fahrt, das die Aufschrift "Google Home View" zierte. Als Google-Mitarbeiter getarnt klingelte er an Wohnungstüren, löcherte die Bewohner mit unangenehmen Fragen - und bat darum, ihre Wohnzimmer ablichten und die Fotos später ins Netz stellen zu dürfen. Handelte es sich bei Sonneborn um einen bittersüßen Scherz, so ist Google Business View nun die Realität. Der Unterschied zu Sonneborns Satire ist entscheidend: Ausschließlich Unternehmen können die Welt auf einen virtuellen Spaziergang einladen - und sie tun das freiwillig.

Deshalb versteht Kristin Winter die Debatte um den Datenschutz auch nicht wirklich. "Wir können uns ja nicht ewig vor den neuen Entwicklungen versperren", meint sie. Die Fotos würden in der Regel außerhalb der Öffnungszeiten geschossen. Zudem sei Google verpflichtet, sollte doch irgendwer zufällig und ungewollt abgelichtet worden sein, diejenigen zu verpixeln. Grundsätzlich seien die Richtlinien nirgendwo sonst in Europa so streng, wie hierzulande. So sind Außenaufnahmen bei Google Street View von Geschäften, Restaurants und anderen Lokalitäten in Deutschland nur erlaubt, wenn dort keine Rechte Dritter berührt werden. "Wäre auf einer 360-Grad Aufnahme von mir ein Logo, ein fremdes Geschäft zu sehen, könnte ich das Bild gar nicht verwenden", erklärt Kristin Winter. So ist der Konzertplatz Weißer Hirsch einer der wenigen Orte deutschlandweit, an denen Außenaufnahmen für Google überhaupt genehmigt wurden. Denn durch den angrenzenden Wald könnten maximal Datenschutzrechte von Fuchs und Hase verletzt werden.

Seit Anfang 2014 hat Winter bereits mehrere Friseurläden, Restaurants, Geschäfte und eine Weiterbildungsakademie in Dresden für Google fotografiert. Für ein solches Panoramabild, das Winter "Panopunkt" nennt, muss sie zwölf Einzelbilder schießen. Mit einer speziellen Software setzt sie die dann zur 360-Grad Ansicht zusammen. Für 279 Euro kann jedes Unternehmen in Dresden die Fotografin für die Googleaufnahmen buchen, drei solcher Panopunkte sind im Paketpreis enthalten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.07.2014

Susann Schädlich

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