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Hör-Horror im Kiez-Kino: Das Thalia zeigt "Berberian Sound Studio"

Hör-Horror im Kiez-Kino: Das Thalia zeigt "Berberian Sound Studio"

Fast wäre sie doch noch durchgerutscht, diese wunderbare kleine deutsch-britische Koproduktion mit dem sonderbaren Titel. Doch besser später gezeigt als niemals.

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Der famoser Toby Jones ist in der Hauptrolle zu bewundern.

Quelle: PR

Peter Stricklands "Berberian Sound Studio" zielt direkt auf einen Sinn, der sich im Fadenkreuz des Kinos wohlfühlt und demgemäß schwerer Manipulation unterliegt: das Hören. Mit Klang wurde nach dem Stummfilm besonders angestrengt gearbeitet, im besten Falle geschieht es für den Betrachter, der ja sehen will, unterschwellig. Dieser Film macht den Ton nun zum "Helden".

"Studio 4, den Gang hinter, links, Francesco wartet", sagt eine elegante, aber schnippische junge Frau am Empfang. Besagter Francesco ist freundlicher: "Ihr Reich, Gilderoy!" Dabei umarmt er mit breiter Geste die Luft. "Silenzio" blinkt als rotes Licht. Gilderoy ist ein untersetzter, kleiner Mann aus England. Er kam nach Italien, um einen Job auf Zeit anzutreten. Sein Ruf als exzellenter Tontechniker ist von der Insel auf den "Stiefel" vorgedrungen. Dass er nunmehr aber einen radikalen Genrewechsel vollziehen soll, wurde ihm verschwiegen. Und die Spesen werden ihm wohl auch nicht erstattet. Doch selbst dabei bleibt es nicht. Gilderoys Schreck über die ersten Bilder, die er (nicht der Zuschauer, übrigens bis zum Ende nicht) zu sehen bekommt, wird nichts sein im Vergleich zu dem, was im Laufe der nächsten Tage und Nächte über ihn hereinbricht.

Zumindest kinostilistisch ist alles kein Wunder, denn der lange Zeit die Contenance bewahrende Gilderoy soll einen "echten Santini" synchronisieren, einen vor Gewalt und Sex nur so sprühenden Horrorfilm. Wir sind in den 1970er Jahren, das sogenannte Giallo-Genre, das parallel zum Spaghetti-Western um Anhänger buhlt, ist in seiner Hoch-Zeit. Nur Gilderoy ist am falschen Ort, hat er doch bislang für das gearbeitet, was heute als "Terra X" im Fernsehen käme. Statt Wiesen, Weiden, Schafen nunmehr Priester, Hexen, Lynchjustiz.

Doch Gilderoy ist zu sehr Profi und wohl auch zu klamm im Geldbeutel, als dass er vorschnell aufgeben würde. Und so arbeitet er angewidert, aber brav mit dem Mixer, hackt auf Kürbis und Melone, wirft die Aubergine und zieht dem Radieschen die Blätter aus dem roten Leib. Er lässt es in Wassergläsern sprudeln, folgt den Bauplänen des Grusels, sitzt und steht am Regler wie ein Gott. Wenn man ihn nur Gott sein ließe! Stattdessen schreien Synchronsprecherinnen zu falsch, Kollegen sabotieren ihn aus fadenscheinigem Grund, Produzent Francesco hasst Regisseur Santini - es gibt Krieg. Und selbst am Feierabend in seiner graudunklen Kemenate wird Gilderoy von Beklemmung verfolgt. Briefe der Mutter verweisen aufs kleine Leben in der Heimat. "Komm heim, mein Junge", schreibt sie, "bevor die Küken schlüpfen." Eines Tages probt eine Sprecherin ihren Text just mit Zeilen aus diesen Mutter-Briefen, und Gilderoy sieht sich selbst auf der Leinwand, wie er panisch mit dem Messer zur Zimmertür rennt. Erlebt hatte er das gestern Nacht...

Was für ein kleines, fieses, brillantes Werk! Ein Psycho-Kammerspiel vom Beklemmbrett, spannend wie ein David Lynch, als er wusste, was Frühphase ist, viel Klangästhetik und ein famoser Toby Jones in der Hauptrolle.

Berberian Sound Studio, Kino Thalia

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.07.2013

Anne Daun

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