Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 2 ° Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
Filmklubs: Vom Abtauchen und gegen das Vergessen eines phantasieanregenden Hobbys

Filmklubs: Vom Abtauchen und gegen das Vergessen eines phantasieanregenden Hobbys

Etwa 500 Filmklubs zählte die DDR um 1980, angesiedelt an Universitäten, Hochschulen, Filmtheatern, an Bibliotheken, beim Kulturbund und als Kinder- und Jugendfilmklubs auch an allgemeinbildenden Schulen und Pionierhäusern.

Voriger Artikel
Harte Droge: ZDF startet neue Krimiserie "Die Walleinsteins" - In der ersten Folge werden Dresdner Dämonen geweckt
Nächster Artikel
Schweighöfer kommt zum Filmstart von "Der Nanny" in das Rundkino Dresden

Dean Reed war ebenfalls auf Schloss Albrechtsberg zu Gast und wurde damals von jubelnden Fans begrüßt.

Quelle: privat

Diese vielgestaltige Filmklublandschaft ist heute nicht mehr auffindbar. Allem Anschein nach lösten sich nach 1990 mit der Zentralen Arbeitsgemeinschaft sowie den Bezirksarbeitsgemeinschaften Filmklubs auch die Heimstätten junger Filmfreunde auf. Und die neu geschaffenen Vereinigungen "Filmkommunikation e.V." vermochten es nicht, das Verschwinden der Klubs aufzuhalten.

In Dresden war Schloss Albrechtsberg, damals Pionierpalast, einer dieser Orte, an dem sich Schüler in ihrer Freizeit dem Hobby Film widmeten. Und zwar als junge Filmemacher (Filmstudio) oder Filmfreunde (Filmklub), für die Kino ein Ort der Kommunikation, des Gedankenaustausches war. Es gab einen Pionierfilmklub für die Klassenstufen fünf bis sieben und einen Jugendfilmklub ab Klasse acht. Die Mitgliederzahl schwankte, lag aber meist bei je 30 Teilnehmern. Man traf sich in der Regel wöchentlich meist im Partnerkino Filmtheater Prager Straße oder zu Filmfesten mit Ferienkindern beim Spielen, Basteln oder Rätseln rund um den Film. Alle Angebote des Klubs wie Kinoeintritt, Reisen zu Festivals und Partnerklubs in Berlin oder Gera waren für die Mitglieder kostenlos.

Aber Moment mal - staatlich geführte Filmklubs?! Klingt nach einer verordneten Filmauswahl, die da für die jungen Zuschauer getroffen wurde. "Ich will es selbst kaum glauben. Aber niemals haben mir Vorgesetzte in die Programmgestaltung hineingeredet. Die Filme habe ich auf der Grundlage von Wünschen der jungen Filmfreunde selbst ausgewählt", versichert Siegfried Thiele. Und so standen Märchenfilme wie "Ronja Räubertochter", "Gevatter Tod", aber auch amerikanische Musikfilme wie "Beat Street" und "The Band" auf dem Programm. Sogar "King Kong" oder der Western "Ringo" flackerten über die Leinwand.

Siegfried Thiele war von 1973 bis 1990 pädagogischer Mitarbeiter in der Abteilung Kultur des Pionierpalastes Dresden und dort für den Fachbereich Film und Foto zuständig. Er sagt: "Mit der Auflösung der Träger wie Pionierhäuser und der Privatisierung der Kinos verschwanden Orte der Zusammenkünfte, Filmeintritte wurden nicht mehr gestützt oder ganz bezahlt. Zudem verlor der Klub seine Anziehungskraft." Viele Kinder seien gekommen, um einen besonderen Film zu sehen wie zum Beispiel Disneys "Schneewittchen". Zu DDR-Zeiten konnte sich den ein Klub langfristig im Staatlichen Filmarchiv der DDR ausleihen. Nach der Wende kam nun eine ganze Schwemme von Trickfilmen in die Kinos. "Geblieben ist natürlich der Reiz des gemeinsamen Filmerlebnisses und eines Meinungsaustausches", findet der Medienpädagoge im Ruhestand.

Die Filmfreunde waren auch in Bereichen wie "Junge Filmkritiker" tätig oder sie wirkten an Veranstaltungen im Pionierpalast mit. Prominente Filmschaffende durften sie ebenfalls begrüßen. Gäste im denkmalgeschützte Schloss Albrechtsberg waren unter anderem Gojko Mitic, Dean Reed, Rolf Hoppe, Tom Pauls, Rolf Losansky oder der russische Cannes-Preisträger Fjodor Chitruk.

Der Überraschungsgast bei einem Wiedersehenstreffen von Siegfried Thiele mit Filmfreunden und Schülern im Kino in der Fabrik im November 2014 hieß Tom Quaas. Der Dresdner Schauspieler, im Alter von zwölf Jahren selbst Mitglied des Pionierfilmklubs, gehörte zur siegreichen Mannschaft des Klubs in der beliebten TV-Sendung "gong" und traf dort sein Idol Gojko Mitic. "Allerdings war ich damals echt enttäuscht. Mein Lieblingsschauspieler trug einen Rollkragenpullover, hatte keine langen Haare und dazu noch einen weichen Händedruck", erinnert sich der 49-Jährige. Die Zeit beim Filmklub habe seine Neugier zum Film und zum Theater bestätigt und erheblich verstärkt. Auch heute gehe er noch einmal die Woche ins Kino oder in die Phase IV zum Filme ausleihen. Das Abtauchen dieser Klubs von der Bildfläche erklärt sich Quaas durch die Fülle an Filmen, die heutzutage einfach viel größer ist. "Nach der Wende und dem Strukturwechsel hatte man einfach zu viel mehr Streifen Zugriff und damit ist die Liebhaberei für das Schöne, das Einzelne ein Stück weit verloren gegangen."

Im Vordergrund habe stets das Filmerlebnis gestanden, erfahre ich vom ehemaligen Klubleiter. Rein inhaltliches Ausschlachten war verpönt. Der junge Zuschauer sollte den Film als ein vergnügliches oder bewegendes Gemeinschaftserlebnis genießen, sich von Emotionen anstecken und spontanen Reaktionen einfach freien Lauf lassen. Auch der soziale Aspekt des Kinobesuchs spielte eine wichtige Rolle: Man hat sich gesehen, sich getroffen. Man war sich nahe und konnte sich unterhalten. Herz der filmästhetischen Bildung und Erziehung war und sollte auch heutzutage noch die Erweiterung der Erlebnistiefe und Genussfähigkeit sein. Das Wissen um filmästhetische Qualitäten und Besonderheiten erhöht schließlich den Genuss. Und ein Filmklub bietet den Freiraum, solches Wissen zu vermitteln.

Jacqueline Große möchte das auch auf spezifischere Art und Weise. Sie organisiert seit 2009 gemeinsam mit Kollegen das Jugendfilmprogramm Move It Young, das sich mit der Thematik Menschenrechte auseinandersetzt. In Berührung mit Filmclubs sei sie erstmalig 2013 in Prag gekommen - auf dem größten Menschenrechts-Filmfestival "One World", das von dem Verein People In Need organisiert wird. "In Tschechien und Österreich gibt es bereits mehr als 50 von Schülern gegründete Filmclubs zu dieser Problematik, die von diesem Verein ins Leben gerufen wurden", weiß Jacqueline. Und das wolle sie hier in Deutschland mit ihrem Team auch gerne etablieren. Zu den Ländern, in denen die Filmklubbewegung heute noch einen hohen Stellenwert besitzt, gehören vor allem Frankreich und die nordeuropäischen Staaten.

Auf der Homepage des Projekts finden Interessierte bereits eine detaillierte "Anleitung" zur Gründung eines solchen Clubs. Heutzutage sei das nämlich gar nicht mehr so einfach. "Ich vermute, es hat schlichtweg lizenzrechtliche Gründe, dass es keine Freizeittreffs dieser Art mehr gibt", erklärt die 31-Jährige. Zwar seien Bildungslizenzen vergleichsweise preiswert, aber nach Lust und Laune im öffentlichen Rahmen vorführen, was sie wollen, das sei natürlich nicht möglich. Die Rechtslage ermögliche es einfach nicht, ständig neue Filme zu zeigen, da immer wieder neu Lizenzen beantragt werden müssten. Dennoch hält sie an der Idee fest: "Die Jugendlichen sollen selber aktiv werden. Sie sollen sich Leute einladen und einen Ort finden, der für jeden, der Lust hat mitzumachen, zugänglich ist", erklärt Große. Und selbstverständlich sei das dann auch für alle kostenlos.

Das Team gebe anfangs nur Tipps und verleiht dem Filmclub eine Gründungsurkunde. Bei den Vorführungen seien sie dann aber nur auf Wunsch dabei. Die Filme können sich die Jugendlichen im Büro von Move It Young ausleihen. Alle zu Problematiken wie Rassismus, Kinderarbeit oder Homosexualität.

Youtube und Kinox.to kann jeder. Vielleicht bedarf es heutzutage wirklich eines solchen Nischen-Themas, das Jugendliche wieder dazu bewegt, sich auch in ihrer Freizeit bewusst gemeinsam Filme anzusehen und über ihre Gefühle zum eben Gesehenen zu sprechen. Denn seine Wirkung als Phantasieanreger und Wertevermittler hat der Film trotz allem Überfluss ganz sicher nicht verloren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.03.2015

Laura Thiele

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Medien

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr