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Ein Sioux bei Sarrasani und zwei Europäer im US-Reservat - Dokfilm über historische Absurditäten

Ein Sioux bei Sarrasani und zwei Europäer im US-Reservat - Dokfilm über historische Absurditäten

Dass die Tochter eines Steinmetzen einmal zum Film geht, muss nicht überraschen. Da Filmregisseurin Bettina Renner aber schon als kleines Mädchen großes Interesse für in Stein gehauene Arbeiten hatte, bewahrte sie sich auch einen besonderen Blick für Grabmale.

Von michael Ernst

So war es gewiss kein Zufall, dass sie bei Dreharbeiten für das ZDF auf einem Dresdner Friedhof den Auslöser für einen abendfüllenden Film fand. "Wir hatten uns eigentlich mit der Gedenkstätte für hier hingerichtete Polen beschäftigt, da sah ich ein Grab mit der amerikanischen Fahne. Die hatte jemand dort reingesteckt, so wurde ich auf die Inschrift aufmerksam, sprach mit dem Friedhofsverwalter und hatte die Idee für meinen neuen Film." Der hat heute Abend im Programmkino Ost Premiere und heißt "Begrabt mein Herz in Dresden".

Diesen Filmtitel fand Bettina Renner im Testament eines Indianers, der 1914 tatsächlich in Dresden begraben worden ist. Edward Two Two gehörte zum Stamm der Lakota, einem Volk der Sioux, und floh aus dem erbärmlichen Leben im US-Reservat nach Europa. Hier waren zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gerade Wildwest-Shows angesagt, möglichst mit echten Indianern. Die erste Saison bestritt der Nordamerikaner beim Hamburger Zirkus Hagenbeck, danach musste er wieder zurück in die Staaten, wo die Nachfahren der Ureinwohner seinerzeit noch als unmündige Bürger und Waisenkinder der USA betrachtet worden sind, wie Bettina Renner herausfand.

Dank einer Drehbuchförderung durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen konnte die aus Bautzen stammende Autorin ausgiebig recherchieren und fand 2007 in Archiven von Washington Unmengen interessanter Materialien. "Mit ganz viel Glück und auch manchem Zufall habe ich mich durch das Leben dieses Mannes wühlen können, bin auf Mitglieder seiner Familie gestoßen und fand spannende Korrespondenzen," blickt die Autorin, die sich ansonsten wiederholt Themen der jüngeren Vergangenheitsbewälti- gung zugewandt hatte, zurück. Mit "Begrabt mein Herz in Dresden" begab sich sie auf völlig neues Terrain, fand heraus, dass sich Edward Two Two um seine zweite Europareise selbst kümmerte und gemeinsam mit Frau, Tochter und Stiefsohn eine Anstellung beim Dresdner Zirkus Sarrasani fand. Dem wird nachgesagt, dass ihm "Elefanten und Rothäute" am liebsten gewesen seien. "Der war außerordentlich clever und setzte für seine Wildwest-Show natürlich auf möglichst authentische Mitwirkung," weiß die Filmfrau, die auch in Erfahrung gebracht hat, dass die Lakota eine Sonderstellung genossen. "Sie mussten das Zirkuszelt weder auf- noch abbauen, bedienten aber die romantischen Vorstellungen aus der Prärie."

Bettina Renner hat jedoch keinen verbrämenden Indianerfilm drehen wollen, sondern ist der Frage nachgegangen, was die Politik aus Menschenleben macht. Edward Two Two wählte das Zirkusleben in Europa, um der Armut im Reservat zu entgehen. Wohl deswegen wollte er in Dresden begraben sein. Er starb 1914, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs, auf einer Tournee im Ruhrgebiet, wurde hierher überführt und in aller Stille begraben. Seine Angehörigen mussten Deutschland umgehend verlassen.

Bei ihren Recherchen und bei den Dreharbeiten stieß Bettina Renner auch auf heute im amerikanischen Reservat lebende Europäer. "Das hat mich zunächst überrascht, ich hielt die Leute für versponnene Aussteiger, erlebte sie dann aber als ernsthaft am indianischen Leben interessiert," berichtet die Dokumentarfilmerin, "mit der Deutschen Marie und dem Franzosen Didier fand ich zwei Protagonisten, die Edwards Reise in der Gegenrichtung angetreten sind." Unterm Strich entstand so ein Porträt menschlicher Schicksale, die sehr stark von gesellschaftlichen Umständen geprägt worden sind.

"Begrabt mein Herz in Dresden" - Filmpremiere heute 20 Uhr im Programmkino Ost, ab morgen läuft der Film täglich 18.45 Uhr.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2012

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