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Dresdner filmt Skatercrew in Indonesien

Dresdner filmt Skatercrew in Indonesien

Wie skatet man eigentlich an Orten, die überhaupt nicht fürs Skaten gemacht sind? Mit seinem aktuellen Film, dem vierten in der sogenannten "Beasts"-Reihe, liefert Sebastian Linda den Beweis, dass es ihm nicht nur um die Ästhetik des Skatens geht, sondern auch um die Überwindung von Grenzen und die soziale Bedeutung, die es haben kann, vor allem, wenn man es mit unverbrauchten Augen betrachtet.

Dafür beschloss er Anfang des Jahres, nach Indonesien zu reisen und mit seiner Dresdner Crew dahin zu fahren, wo noch niemand vor ihnen geskateboardet ist. Sie drehten drei Wochen lang bei großer Hitze, standen morgens um vier Uhr auf und dann zehn Stunden auf ihren Boards. Das tut man nur, wenn man etwas wirklich will.

Linda arbeitet eher instinktiv. "Ich schreibe keinen festen Drehplan. Ich habe Ideen, die in gute Bilder umgesetzt werden müssen. Ich stoße Dinge an und filme, was passiert. Zum Beispiel haben wir balinesischen Kindern gezeigt, wie man skatet, und dann geschaut, was sie damit anfangen." Seine Herangehensweise habe nichts mit Faulheit zu tun, versichert Linda noch einmal. Vielmehr mit dem Wunsch, Dinge zu entdecken, die bei einer vorher festgelegten Struktur vermutlich gar nicht stattfinden würden. Das Unvorhersehbare, ein bisschen auch das Magische, ist Teil aller seiner Produktionen. Das zeigte er schon in älteren Skater-Filmen, wie in "Born to Skate" (2010), seinem Abschlussfilm an der Hochschule Darmstadt, wo er seinen Master in Medienproduktion absolvierte. Aber auch in den in Dresden gefilmten "Beasts from the East" (2011), "The Epic and the Beasts" (2012), "The Revenge of the Beasts" (2013) fuhr er viel auf, was den Sport ästhetisch und beinahe übernatürlich erscheinen lässt: Tricks im Gegenlicht, Wassertropfen oder bunten Puderflug in Superzeitlupe. "In Indonesien wollte ich nur Natürliches verwenden, also was das Land selbst hergibt. Viele neue Elemente verbinden sich mit den alten Tricks. Pulver brauchten wir gar nicht, da fliegt jetzt eben Dreck in die Kamera."

Die "Beasts", das war erst mal nur der Name für ihre lose Crew, nachdem Linda den ersten kurzen Clip gefilmt hatte und ins Netz stellen wollte. Reimt sich einfach gut auf "East". Denn im Osten hatte er sei neues Zuhause gefunden, nachdem er mit seiner Freundin 2010 das erste Mal aus Indonesien zurückkam. Darmstadt bot ihnen keine Alternativen und so zogen sie nach Dresden, in das sich Linda bei einem Besuch blitzverliebte. In ihrer Wohnung in der Johannstadt hängen viele Fotos von ihrer Reise nach Südostasien. Gegenüber steht ein Skelett und wartet darauf, dass ihm jemand seine Einzelteile aufzählt. "Meine Freundin ist angehende Ergotherapeutin", sagt er. Mit ihr besuchte er damals auch "Mr. Elektro", einen balinesischen Wunderheiler, der mit körpereigenen, elektronischen Kräften arbeitet. Linda drehte einen Film über ihn. "Ich wollte den Mann unbedingt wieder treffen." Dass er das tat, belegt der aktuelle Film eindrucksvoll.

Erst einmal aber musste Geld besorgt werden, niemand in der Crew hatte welches. Der Crowdfunding-Erlös in Höhe von 7627 Euro finanzierte nicht mal alle Flüge, den Rest übernahm der Skater-Ausrüster "Titus". Dennoch, alle zehn Teilnehmer waren euphorisch, auch davon berichtet der Film. Vom großen Aufbruch ins Ungewisse. Einige von den Jungs hatten zuvor noch nicht einmal Sachsen verlassen. Im Film düsen sie dann mit dem Moped durch die quirligen Straßen Jakartas, kacheln steile Vulkanstraßen mit dem Brett runter oder skaten in Tempelanlagen, zur Freude der Betenden. Man stelle sich zum Vergleich vor, in einer deutschen Kirche würde sich jemand so etwas wagen. "The Journey of the Beasts" ist eben auch ein Film über ein Abenteuer geworden, über Gemeinschaft und über einen kulturübergreifenden Entdeckergeist, den offensichtlich auch vorwitzige Bali-Äffchen besitzen.

Skateboarden ist nicht nur ein Sport, es ist ein Lebensgefühl, sagt Linda dann noch. Das ist so ein übergroßes und viel zu häufig verwendetes Wort. Aber Linda, der sonst für große Konzerne wie Red Bull, Pepsi oder Universal funkelnde Werbeclips dreht, hat sich länger damit auseinandergesetzt. "Im Gegensatz zum Surfen oder Snowboarden findet Skateboarden unter Menschen statt, inmitten normaler Architektur. Das finde ich total spannend. In Deutschland sind die Leute häufig desinteressiert oder dem Ganzen sogar negativ gegenüber eingestellt, sehen es als Belästigung oder behandeln Skater als jugendliche Rowdies. In Indonesien dagegen waren die Menschen uns gegenüber sehr offen, probierten es selbst und applaudierten, wenn ein Trick geklappt hat." Alles war anders als hier. Einmal wurden sie auf der Straße fast von drei wilden Pferden überrannt, ein andermal verhandelten sie mit Polizisten über die Menge an Menschen, die auf ein Moped passen, und über die Höhe des zu zahlenden Bußgelds.

Linda selbst sieht man nur hin und wieder in seinen Filmen. "Ich bin ganz gut, aber nicht der beste Skater, das reicht nicht für die Bilder. Die Jungs mussten auf dem schlechtesten Boden, den größten Treppen oder auf dem steilsten Vulkan fahren können - ich wäre da vermutlich in den Tod gerauscht." Erstaunlich, aber keiner der Skater hat sich ernsthaft verletzt. Zwar haben alle am Ende blutige Körperteile, haben sich "zerschossen", wie das im Film heißt, doch niemanden hielt das ab, weiterzumachen und die unmöglichsten Dinge zu wagen. Genau wie die indonesischen Kinder. "Völlig angstfrei waren die."

Es ist eine der vielen Erinnerungen, die Sebastian Linda mitgenommen hat aus seinem eigenen großen Abenteuer, das er nun für immer festgehalten hat. Für seinen letzten Film bekam er den Webvideopreis 2014 in der Kategorie Action - den Jury- und auch den Publikumspreis. Geld gab es nicht, aber dafür wurde der Preis medienwirksam von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf überreicht. Gut bezahlte Filmaufträge erhielt er daraufhin massenweise. Er hat fast alle abgelehnt, für dieses eine Projekt. Für die erste Flugreise der Bestien, die in Wirklichkeit ein Haufen supernetter Jungs sind, wie Linda sagt. Cool genug jedenfalls, dass auch mal der etwas bewegungsfaule Mops mit Herrchen ins Bild darf.

Am morgigen Sonnabend, 21.15 Uhr, feiert "The Journey of the Beasts" in der Schauburg Premiere. Auch die drei "Beasts"-Vorgängerfilme werden gezeigt und die Entwicklung der Skater-Gruppe wird in einem Vortrag, in Anwesenheit des Regisseurs und aller Protagonisten vorgestellt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.08.2014

Juliane Hanka

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