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Dresdner Lebensläufe: Der Mann mit der Kamera

Dresdner Lebensläufe: Der Mann mit der Kamera

Andere Kinder spielten um 1930 mit Zinnsoldaten oder Märklin-Metallbaukästen. Das erste Spielzeug von Ulrich Filzinger war ein "Filmumroller" - ein Gerät, mit dem man Filme umspulen konnte.

Von Katrin Richter

Als Knirps hat der heute 83-Jährige seinem Papa bei der Arbeit zuschauen und Filme kleben dürfen. Sein Vater, das war Wolfgang Filzinger ­- bekannter Dresdner Tonfilmpionier, Dokumentar- und Trickfilmer. Dieser sei bereits 1914 mit einer hölzernen Kurbel-Kamera vom Typ "Ernemann A" und 60-Meter-Film-Kassetten in den Krieg gezogen, um das Geschehen an der Frankreich-Front zu dokumentieren, berichtet sein Sohn. Und es wundert nicht, dass Filzinger Junior einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten wird-

Ulrich Filzinger kommt am 29. Mai 1929 in Klotzsche als jüngstes von drei Kindern zur Welt. Eine neun Jahre ältere Schwester hat er noch und einen Bruder. Der ist sieben Jahre älter als Ulrich und wird 1944 im Krieg fallen. Kaum 18 Jahre ist er geworden. In der damaligen Richard-Wagner-Straße bewohnen die Filzingers eine große Wohnung im Erdgeschoss, in der sich auch das Filmatelier befindet. Vater Filzinger weiht Ulrich früh in seine Filmarbeit ein. Ein Foto zeigt den Jungen als aufgeweckten Dreikäsehoch mit Odolflaschen. Die Aufnahme stammt aus einem Werbefilm für Produkte des bekannten Dresdner Unternehmers Karl August Lingner. Vater Filzinger hatte - nach einer Verwundung zurück in Dresden - im August 1917 eine Filmgesellschaft gegründet und bereits Dokumentarfilme wie "Kreuz und quer durch die Kunststadt Dresden" gedreht. 1919/20 entstand in Zusammenarbeit mit der Saxonia-Filmgesellschaft der Spielfilm "Der Geiger von Meißen". Darin sind Dresdner Theatergrößen wie Erich Ponto, Alice Verden und Hedda Lembach zu sehen.

Sohnemann Ulrich besucht zunächst die damalige 36. Volksschule an der Auenstraße in Klotzsche, danach die staatliche Freiherr-von-Fletcher-Schule an der Marienallee 5. Die Schule wird im Krieg beschädigt, existiert aber noch bis 1948. "Klar haben wir als Bengels damals och gebebbeld," erinnert sich Filzinger. Da seien sie Weltmeister gewesen, sein Freund Fritzl und er. Sie hätten ja die ganze Straße für sich gehabt. "Es gab um 1940 keine Autos, nur der Milchmann kam aus Pfunds Molkerei, aus der wir immer so gute Buttermilch bekamen, und der Eismann", erzählt der 83-Jährige. Damit sei gegen Ende des Krieges aber auch Schluss gewesen. "Wenn ich heute mit Fritz Bahr telefoniere, frage ich, Fritz, woll'n wir mal bebbeln? Sagt der, okay, los geht's!"

Nach dem Krieg mischt der junge Filzinger bei der Freiwilligen Feuerwehr in Klotzsche mit. "Eines Tages kam unser Kriminalchef, der sagte, Ulrich, du hast doch schon 'nen Führerschein, wir brauchen bei der Feuerwehr 'nen Fahrer", erinnert sich der rüstige Senior. Das sei insofern günstig gewesen, als dass er in Feuerwehruniform noch über Land "hamstern" gehen konnte. "Wir sahen wie die Vopos, also die Volkspolizisten, aus in unsrer Uniform, so dass uns die Bauern, eingeschüchtert, Brot oder Eier mitgaben", meint Filzinger mit einem schelmischen Lächeln. Als Feuerwehrmann habe man auch Holz bekommen aus dem Forst und bei den Russen mitgeholfen.

Noch vor dem Abitur verlässt Ulrich die Schule. Der Grund: Das 1946 gegründete DEFA-Studio in Gorbitz bietet eine Lehrstelle an, die sofort zu besetzen war. Hier lernt der junge Filzinger das Handwerk eines Kameramannes von der Pieke auf. Die DEFA dreht damals im ehemaligen Studio von Boehner-Film noch keine Trickfilme, sondern vor allem kurze Dokumentar- und Werbefilme. Filzingers Lehrmeister wird Richard Groschopp. Der erfolgreiche DEFA-Regisseur dreht unter anderem 1967 "Chingachgook, die große Schlange" mit Gojko Mitic als Indianerhäuptling in der Hauptrolle.

Zunächst jedoch heißt es für Ulrich, im Kopierwerk Entwicklerbottiche säubern, Entwickler ansetzen, Silber abscheiden und am Schneidetisch Wochenschau- und Werbefilmkopien prüfen. Nach der Lehrzeit arbeitet Filzinger Junior als Kamera-Assistent in der Firma seines Vaters. Als der Senior 1951 einem Herzleiden erliegt, zieht Ulrich Filzinger nach Eichwalde bei Ostberlin. "Das war der Geburtsort von Schauspielerin Sonja Ziemann, meinem damaligen Jugendschwarm", fügt er mit einem Schmunzeln hinzu. Bis Anfang 1953 hat er dort durch Aufträge von DEFA und DEWAG, der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft, als Filmer gut zu tun. Dann kehrt Filzinger dem Osten den Rücken, baut erst in München ein "kleines Trickfilmstudio in der Garage auf" und zieht wenige Jahre später nach Walldorf nahe Frankfurt/Main. Im Frankfurter Raum hat er nach und nach gute Auftraggeber - die internationale Werbeagentur J.W. Thompson, den Hessischen Rundfunk, die Farbwerke Hoechst. Im Laufe der Jahre kann er "die nervenzerreißende Herstellung der Werbefilme durch die mehr und mehr aufkommenden Industrie- und Lehrfilme ausgleichen". "Verrückte Werbe-Fuzzis" nennt er seine Auftraggeber. In der Folge entstehen Filme für Berufsgenossenschaften, moderiert u.a. von Hans-Joachim Kulenkampff und Wim Thölke. Filzinger filmt, bis er 73 ist. Im Laufe seines Berufslebens dreht er beispielsweise Streifen für die Medizintechnik, den Autobau, die Reifen- und Gummiherstellung, Kommunales - Einige davon erhalten begehrte Auszeichnungen.

Und was gibt es außer seiner Liebe zum Film? Kurzzeitig ist er verheiratet. Stärker ist die Bindung an seine Heimatstadt. Sein Sächsisch liebt und beherrscht er nach wie vor - "na ähmde". Und in Dresden lebt noch immer "Fritzl", sein Freund Fritz Bahr aus Kindertagen. Oft ist der Senior auch in Torgau zu Besuch. Vor mehr als 50 Jahren hatte es seine Schwester dorthin verschlagen. "Frau Dr. Happy", wie er die pensionierte Veterinärmedizinerin manchmal neckt. 92 Jahre ist sie mittlerweile.

Wenn Filzinger drei Wünsche frei hätte, dann die: "Ein neues Knie, ohne Reklamation. Den Zucker der Mutter zurückgeben oder der Großmutter. Und, so steht es auf meinem Haus: Zufriedenheit komm rein!" Genuss ist für den rüstigen Senior ein Spaziergang im Odenwald durch die Wälder. Auch eine Mußestunde an der Elbe findet er recht erbaulich. Manchmal steht er erst "gegen Elfe" auf. "Da hat inzwischen auch mein Bein ausgeschlafen." Tauschen möchte Filzinger mit niemandem, nicht mal einen Monat. "Wer bietet mir mein Leben?", fragt er schelmisch. Von seiner Münchner Zeit, "der herrlichen Gammelzeit" hat er vor Kurzem geträumt. "Kein Pfennig Geld in der Tasche, aber schöne Mädels... Ja, da war aus meiner Wohnung plötzlich ein Tanzsaal geworden." Filzinger glaubt, "dass es zwischen Himmel und Erde noch irgendetwas gibt, eine Verbindung". Oft sitze er im Odenwald in seinem kleinen Kirchlein und denke über Gott und die Welt nach. Was ist schwerer für ihn, anfangen oder aufhören? "Ich würde mich gern wieder einmal sinnlos besaufen", entgegnet er. Da falle ihm heute der Anfang so schwer, dass sich das Aufhören erledigt habe...

Wenn Sie, liebe Leser, einen Menschen in Ihrer Umgebung kennen, der eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns (DNN-Lokalredaktion, Hauptstraße 21, 01097 Dresden, z.Hd. Katrin Richter bzw. k.richter@dnn.de, Kennwort: "Lebensläufe")

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.10.2012

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