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Dresden-Premiere des Films "Knistern der Zeit" über Christoph Schlingensiefs Operndorf in Afrika

Dresden-Premiere des Films "Knistern der Zeit" über Christoph Schlingensiefs Operndorf in Afrika

Ein Film im Kleinen Haus, der immerhin mehr als hundert Besucher anzog Freitagspätabend, in Konkurrenz zur BRN nebenan. Und der Erinnerungen weckte an den Besuch des Hauptakteurs an gleicher Stätte vor drei Jahren.

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Ohne Kamera schien er keinen Schritt weit unterwegs zu sein: Christoph Schlingensief in Burkina Faso.

Quelle: Verleih

Christoph Schlingensief las damals weniger aus seinem Buch "So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein", als dass er im Angesicht seines nahenden Todes über seine Weltliebe und seinen Weltekel und seinen Platz in eben dieser Welt plauderte. Und über sein letztes großes fortwirkendes Projekt: ein "Operndorf" im afrikanischen Burkina Faso, nahe der Hauptstadt Ouagadougou gelegen.

Dorthin hat ihn auch die Filmemacherin Sibylle Dahrendorf begleitet und in diesem Jahr einen Film fertig gestellt, der das Wachsen dieses ebenso skurrilen wie faszinierenden Vorhabens zeigt. Ein Dokumentarfilm, geschnitten wie eine O-Ton-Collage, in dem die Bilder für sich sprechen.

Wie in Rondoform kehrt der Initiator Schlingensief immer wieder in den Mittelpunkt zurück, in den Sequenzen nach seinem Tod in Form von Rückblenden. Meist als der Mann mit der simplen Handy-Kamera vor der Kamera, in seiner Leidenschaft, alles dokumentieren zu wollen, die eigenen nicht ganz uneitlen Monologe eingeschlossen. An eine lebensbedrohende Krankheit mag man angesichts der Energie, der klaren Zielvorstellungen oder auch des manchmal polternden Ungestüms dieses originellen Theatermannes gar nicht glauben.

Ein scheinbar öder Fleck am Rande der Savanne schien auf ihn gewartet zu haben. Inclusive Hügel, der um Himmels willen kein grüner sein sollte. In der Urform der wachsenden Schnecke, man fühlt sich auch an Leonardos Muschel erinnert, wächst in Burkina Faso ein mit "Operndorf" eigentlich unzureichend beschriebenes Gebilde. Von allem etwas, Schule, Krankenstation, soziokulturelles Zentrum, Theater. Sozusagen Hellerau, das Gartenstadtmodell mit dem Festspielhaus in der Mitte, auf afrikanisch. Der Film schließt mit dem lärmend-fröhlichen Einweihungsfest der Schulgebäude im vorigen Jahr. Auch nach Schlingensiefs Tod wächst das Projekt unter der Geschäftsführung seiner Frau Aino Laberenz weiter, jedermann kann dafür spenden. Das Herzstück, das Theater steht noch aus.

Neben dem Spiritus rector, auch im Film Motor und zentrale treibende Kraft, bleiben vor allem die wunderbaren Afrikaner in Erinnerung. Schlingensief spricht von ihrer "spirituellen Reinheit", so kindlich und direkt wirken sie in ihrer Begeisterungsfähigkeit wie in ihrer Trägheit - und in ihrer Transzendenz, die auch Schlingensief zunehmend beschäftigt hat. Auf einer zweiten Ebene eingestreut werden immer wieder Proben zu Schlingensiefs letzter Bühnenarbeit "Via Intolleranza II" mit afrikanischen Darstellern. Man begegnet im Film vielen Gesichtern, die im vorigen Herbst auf der Schauspielhaus-Bühne beim Festival "Politik im Freien Theater" zu sehen waren.

Die im Verlauf der 106 Vorführminuten immer dringender auftauchende zentrale Frage beantwortet der Film allerdings nicht. Warum macht der Mann so etwas? Was treibt ihn, was mobilisiert diese bewundernswerte finale Tatkraft? Ist es Flucht aus der Erschöpfung des abendländischen Kulturkreises? Oder umgekehrt kulturmissionarischer Eifer? Schlichte Empathie, also ein Hilfsprojekt, oder eher der Drang, ein Vermächtnis zu hinterlassen?

In dem sich bis Mitternacht hinziehenden anschließenden Gespräch saßen drei beste Schlingensief-Vertraute dem Publikum gegenüber. Chefdramaturg Robert Koall war drei Jahre sein Assistent, Sibylle Dahrendorf begleitete ihn seit langem mit der Kamera, und der überaus kluge und sympathische Francis Keré ist sein afrikanischer Architekt beim Operndorf-Projekt. Sie konnten sich entsprechenden Fragen aus dem Publikum aber auch nur nähern. Ja, es hat etwas mit der "sozialen Skulptur" von Joseph Beuys zu tun. Und es hebt die Trennung von Kunst und Leben auf. Da fällt einem zum Schluss doch noch ein eher beiläufig registrierter Satz Christoph Schlingensiefs aus dem Film ein: "Wie kann ich mir ein Denkmal setzen?" Michael Bartsch

Der Film läuft ab Donnerstag in Dresden. In welchen Kinos, ist noch nicht bekannt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.06.2012

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