Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Doku über alternative DDR-Band "AG Geige" feiert Premiere im Dresdner Thalia-Kino

Doku über alternative DDR-Band "AG Geige" feiert Premiere im Dresdner Thalia-Kino

Der Begriff "anders" stand Mitte der 1980er Jahre in der DDR für das, was heutzutage mit "- und mehr" ziemlich bräsig um Aufmerksamkeit buhlt. Den offiziellen Kulturbewertern fiel damals nichts Besseres ein, als sie - eher zwangsweise denn wirklich erfreut - neue Aktivitäten "unserer" Jugend wahrgenommen haben.

Voriger Artikel
Filmstar Heiner Lauterbach dreht auf der Alaunstraße in Dresden
Nächster Artikel
Dresdner Filmnächte mit Benefizabend für Hochwasseropfer

Der Dokumentar-Film bietet eine Zeitreise in die DDR der 1980er Jahre.

Quelle: PR/Carsten Gebhardt

Die "anderen Bands": Es gab die, die von allein Die Anderen hießen, es gab aber auch Die Art, Big Savod, Hard Bop, Tausend Tonnen Obst, in Dresden DEKAdance, Kaltfront, die Freunde der italienischen Oper. Gutgelaunt kommt man auf über 50 Bands und Projekte zwischen Punk, Avantgarde, Exaltiertheit, New Wave und Electronics, die mit strammem Nonkonformismus oder Einsicht in die Gegebenheiten den Soundtrack zum Welken der DDR zelebrierten. Und, ja, es gab ein künstlerisches Spektrum mit verschiedenen Qualitäten, dokumentiert auf unzähligen Orwo-Kassetten, in Mitschnitten verdienstvoller Sendungen beim Jugendradiosender DT64 oder gar auf Platte.

Die AG Geige aus Karl-Marx-Stadt durfte 1990 noch ihre Amiga-LP "Trickbeat" herausbringen. Da war überhaupt nichts Anstößiges im Spiel. Das Künstlerkollektiv um Frank Bretschneider musste sich dafür nicht verbiegen, sich nicht anbiedern oder dealen. Lutz Schramm, DT64-Radioredakteur und mit seiner Sendung "Parocktikum" wichtiger Förderer des DDR-Untergrunds, fand das unbrave Quartett einfach gut und würdig genug. Von April bis September 1989 produzierte er die Aufnahmen. Sieben Jahre gab es die AG Geige - sieben wichtige waren es. Es war eine kundige Band, deren Schaffen bis heute nachwirkt und die sogar junge Leute noch anzuregen vermag.

Entdecken und Wiederentdecken: Carsten Gebhardt, Chemnitzer Kurz- und Musik(er)filmer sowie freier Theaterregisseur, hat 2012 "AG Geige - Ein Amateurfilm" als Hommage vorgelegt. Vier Jahre Arbeit stecken darin. Jetzt startet die Doku auch in Dresden und dürfte vor allem all jene interessieren, die im selben Alter sind wie die Protagonisten, die in den 1980ern aktiv oder passiv "anders" waren, die gern über alte Zeiten sprechen oder sprechen lassen wollen. Auch das Filmfest Dresden hat in den letzten beiden Jahren mit Programmen teils subversiver Experimentalfilme aus Ost- (und speziell) Dresdner Zeiten den Grundstein für neue Aufmerksamkeit gelegt.

Gebhardts 80-Minüter lebt von Interviews, was auch der hinderlichen Tatsache geschuldet ist, dass es kaum Filmmaterial aus AG-Geige-Tagen gibt. Dennoch: Das, was von einst zu sehen ist, vermittelt wirksame Eindrücke einer Formation, die sich von Dada, freien Textcollagen, Anti-Gesang und sparsamen Akkorden, von Maskierungen, Super8, Grafik und anderen multimedialen Elementen avantgardistischer Performances nährte.

"Amateur", sagt Frank Bretschneider, "meint ja, dass jemand etwas mit Liebe macht, nicht, dass er nichts auf die Reihe kriegt." Er und Jan Kummer, Ina Kummer, Torsten Eckardt bzw. Olaf Bender waren Amateure, Autodidakten, Anti-Musiker sogar, wie sie sich selbst nannten. Das war übertragbar auf viele internationale Bands. Es ging um künstlerische Äußerung, nie vordergründig um Subversion. Schön, dass alle, die im Film zu Wort kommen - und dabei wunderbar sächseln und berlinern - nicht ins Beliebige, gar Larmoyante flüchten, sondern wirklich versuchen, auf entspannte, gelassene Weise und mit dem Abstand der Jahre ein Lebensgefühl zu beschreiben, mit dem diese Kunst voller "Zeychen und Wunder" entstanden ist. Natürlich darf es auch skurril und lustig werden, etwa, wenn es darum geht, wie Perforationslöcher mit Stecknadeln in Filmmaterial gestochen wurden oder wie man sich mit Löten an Diodensteckern, Schrauben und Hämmern half. Vor allem aber geht es sachlich und angenehm nüchtern zu. Keine billigen Anklagen über Behinderungen, keine Lapidarien.

Für die Einordnung der AG Geige in Zeit und Szene sorgen zudem Gespräche mit Lutz Schramm, Ronald "Electric" Galenza, Jochen Schmidt und Christoph Tannert.

Dass nicht präzisiert wird, was die Ex-Geiger der AG heute wirklich machen und weshalb es nie zu einer neuen Zusammenarbeit kam, ist ein Manko des Films und wirft zumindest Fragen auf. Heute kann man sich Antworten holen. Dann kommen Regisseur Carsten Gebhardt und Gründungsmitglied Jan Kummer zur Premiere ins Thalia.

i"AG Geige - Ein Amateurfilm", Premiere heute, 20.30 Uhr, danach Donnerstag/Montag, 18 Uhr, Freitag bis Sonntag, Dienstag und Mittwoch, jeweils 22.15 Uhr im Thalia

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.06.2013

Andreas Körner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Medien

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr