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Dok-Film "Come together" in der Schauburg

Dok-Film "Come together" in der Schauburg

Es ist ein guter Film und gewiss auch keiner, der vordergründig mit irgendetwas punkten will. Die jungen Filmemacher müssen und wollen es keinem recht machen. Sie sind unabhängig, versuchen - zwangsläufig mit Defiziten und Verlusten - das eigene Maß zu finden.

Die kleine Gruppe, die sich vor geraumer Zeit zusammengefunden und nun in 13 Monaten ein kapitales Filmkind herausgebracht hat (Produktion: hechtfilm - filmproduktion UG), ist sich offenbar einig darin, dass es nicht darum geht, allwissend mit dem Finger zu wackeln und jedem vorzuschreiben, was er zu denken hat. Aber eben auch keinesfalls um einen gut aufgefüllten "Gemischtwarenladen", wo sich jeder nach Lust und Laune bedienen kann.

"Come together" macht nachdenklich und im besten Sinne wach. Dabei verfällt er nicht in die Hysterie aktueller Berichterstattungen, die vor allem auf Konfrontationen geeicht sind. Er bezieht historische Aufnahmen ein, nimmt Entwicklungen wahr, zeigt kontroverse Formen des Erinnerns und lässt dabei viele zu Wort kommen. Das Gedenken in Dresden ist längst zu einem Streit auf der Straße geworden; es ist eine Schlacht der Symbole und Sprüche. Nach der ersten öffentlichen, hervorragend besuchten Vorstellung des Films in der "Schauburg" gab es höchst angeregte, auch aufgeregte Diskussionen schon im Saal. Und das setzte sich dann auf den Treppen, im Foyer, vor dem Kino fort. Etwas Besseres kann weder Stadt noch Filmteam passieren. Die Situation ist eh reichlich festgefahren, da braucht es Bewegung. Und es wird auch Diskussionen an anderen Orten geben, möglicherweise zu anderen Themen.

Als Barbara Lubich, die für die Regie verantwortlich zeichnet, vor der Aufführung am Mikrofon gefragt wurde, was ihre Motivation gewesen sei, dieses Thema in einem Film zu bearbeiten, antwortete sie kurz und rätselvoll: "Weil es so kompliziert ist." Je mehr man über den Satz nachdenkt, desto spannender wird er. Keine Frage, es ist vor allem ein kompliziertes Thema. Wo keiner behaupten kann, er habe die Wahrheit für sich gepachtet. Und wer weiß schon so genau, wie man damit umgehen soll? Die Ereignisse des 13./14. Februar 1945 hatten Dresden aus den Angeln gehoben - nichts war mehr so wie zuvor. Und die Nationalsozialisten tönten aus dem Radio, satanischer hätte sich der Ungeist nicht offenbaren können. "Das ist Mord, das ist Verbrechen, das ist teuflisch. Jetzt nicht aufgeben, jetzt erst recht nicht."

Viele Jahrzehnte später steht auf den Transparenten der Rechten: "Kein Vergeben - Kein Vergessen". Doch im Erinnern und Gedenken an den Tag mischen sich die politischen Lager, tragen die einen wie die anderen eine unschuldig-weiße Rose, gefertigt in der Kunstblumenstadt Sebnitz. Der smarte junge NPD-Abgeordnete im Landtag spricht doch tatsächlich von der Widerstandsgruppe, die diesen Namen trug. Hat er kein schlechtes Gewissen? Ein Nachgeborener, infiziert mit dem Virus, der offenbar Skrupel auslöscht. Kein Wunder, dass sich die Jüdische Gemeinde zu Dresden von dieser diffusen Art des Gedenkens zeitweise zurückgezogen hat, wie Nora Goldenbogen erzählt. Und das klare Bekenntnis der Oberbürgermeisterin Orosz war dringend notwendig geworden.

"Weil es so kompliziert ist". Ein in jeder Hinsicht plausibler Grund, um einen solchen Film zu machen, der mit seiner Länge von 94 Minuten in keinem Moment langweilig ist. Und auch keine weiteren Kommentare braucht als jene, die von den unterschiedlichen Gesprächspartnern kommen, darunter Friedensaktivisten, Neonazis, Antifaschisten, Politiker, Aktionskreise, Kirchenvertreter. Manches erzählt sich auch einfach über Bilder, die zuweilen so miteinander verquickt sind, dass sich der Kontext neu erschließt. Und überhaupt: Eine aufmerksame Kamera als Beobachter kann oft beredter sein als viele Worte. Die Filmemacher sind überall vor Ort oder haben entsprechendes Material herausgefunden. Es gibt Aufnahmen von Beratungen, die ins Leere laufen, von Erklärungen, die keine sind, von Schuldzuweisungen oder Stimmen der Besonnenheit.

Gezeigt werden Aufmärsche mit schwarzen Fahnen, Polizeisperren und auch reichlich buntes, trommelndes Volk, das sich nicht verscheuchen lässt. Es gibt Blockade-Training, Menschenketten und dergleichen mehr. Dokumentiert ist beispielsweise auch, wie ein Spruchband zum "nazifreien Dresden" hoch über den Dächern angebracht wird, und eine betagte Dresdnerin, von drei Rechten nach dem Bodenschlüssel gefragt, um noch mal nachzuschauen, ob alles in Ordnung sei, bemerkte zur Freude des Publikums, es sei schon alles geprüft und alles noch fest.

Bei manchen Äußerungen ist man einfach auch nur dankbar, wenn jemand wirklich etwas zu sagen hat. Wie Christof Ziemer beispielsweise oder Johanna und Roman Kalex, die das Erinnern einst ausgegraben haben als Bewegung für den Frieden und gegen die Aufrüstung. Eine Gruppe von jungen Leuten, die am 13. Februar 1982 Notwendiges taten und das zur rechten Zeit. Und sie sind immer noch authentisch, immer noch glaubwürdig. Ab dem 24. Januar 2013 wird der Film in den Kinos von Dresden wie auch in weiteren Städten gezeigt. Und irgendwann vielleicht ebenso im Fernsehen. Diskussionen, da kann man sich absolut sicher sein, wird es überall dazu geben. Das Team - dazu gehören im Kern auch Michael Sommermeyer, Claudia Jerzak, Ralf Jakubski und Nikolaus Woernle (Musik) - betont, dass "Come together" kein Appell, sondern eine Zustandsbeschreibung sei. Das ist ihm gelungen. Doch es hat seinen eigenen Standpunkt weder ausgeblendet noch anderen penetrant aufgedrängt. Das macht den Film sympathisch und kostbar.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.11.2012

Gabriele Gorgas

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