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Dieter Bellmann wird heute 75 - und spielte weit mehr als nur den Chef der Sachsenklinik

Dieter Bellmann wird heute 75 - und spielte weit mehr als nur den Chef der Sachsenklinik

Es gibt ein Leben danach - und das Dazwischen ist ja eigentlich auch noch nicht so ganz weg. Aber es hat sich geviertelt. Steckte Dieter Bellmann 16 Jahre lang an 80 Drehtagen als Professor Simoni im Chef-Kittel der Sachsenklinik, sind es nach dem Abschied im Dezember noch 20. Auch der "Mittagskurier"im MDR-Fernsehen, in dem Dieter Bellmann zehn Jahre Burgen, Schlösser, Museen vorgestellt hatte, ist seit April zugeklappt.

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Seine Rolle schlechthin: Dieter Bellmann als Prof. Gernot Simonis, Chef der Sachsenklinik, in der Serie "In aller Freundschaft". Wenn Sie das Foto scannen, sehen Sie ein Video mit Dieter Bellmann.

Quelle: MDR/ Peter Krajewsky

Es gab ein Leben davor. Zwei Einschnitte im 74. Lebensjahr. Das ändert den Lebensrhythmus. Daran muss man sich erst gewöhnen. Sagt Bellmann.

Die Zeit vor Professor Simoni (die Rolle, die Bellmann ohne Casting bekam): bewegt und vielfarbig. Er spielte Theater, inszenierte Theater und Kabarett. Er sprach Hörspiele und inszenierte Hörspiele. Er drehte Fernsehspiele für Kinder als Regisseur, war in einigen Defa-Produktionen und synchronisierte. Alain Delon, Belmondo, Donald Sutherland, Bruno Cremer, Jonathan Pryce, James Mason, Jean-Louis Trintignant sprachen im DDR-Kino mit Bellmann-Stimme. "Die war ein Geschenk - und ein bisschen habe ich auch getan", sagt er.

Stimme ist für ihn schauspielerisches Handwerk. Ein starkes Mittel, das zusehends und hörbar verludert. Findet auch Bellmann: "Man muss beim Film nicht für die letzte Reihe sprechen, aber verständlich sollte man schon sein." Da hat er einiges bei Walter Niklaus, Sprecher, Autor, Hörspielregisseur, gelernt. Der wusste, warum gerade dort ein Punkt und woanders ein Komma stand: "Da musst du mit der Stimme oben bleiben ... der Satz geht ja weiter."

So etwas behält man, wenn man immer was mit der Sprache machen wollte. Das wollte Bellmann, Sohn eines Klempners und einer Putzmacherin, der an der Oberschule beim Laienspiel landete und in seinem ersten Goethe-Einakter gleich die Hauptrolle bekam: ein dicker Wirt, den ein Kissen füllig machte. Er sang im Chor. Er rezitierte. Er sah die Landesbühnen Sachsen. Er wollte Lehrer für Deutsch/Sport werden, doch die Kombination gab es nicht. So bewarb er sich an Schauspielschulen in Leipzig und Berlin - und landete in Leipzig.

Nach drei Jahren startete er 1961 am Theater der Jungen Generation in Dresden: "Ich habe Hasen, Sträucher, Prinzen gespielt, mit dem 'Tapferen Schneiderlein' in Dresden aufgehört - und damit in Leipzig 1967 angefangen." Ein Anfang, der 30 Jahre nach sich zog. Bellmann spielte kleine und große Rollen (von "Charlies Tante" bis "Zehn Tage, die die Welt erschütterten"), war Truffaldino im "Diener zweier Herren", inszenierte am Schauspiel, gründete das Theater am Tresen und fand zum Kabarett.

Was er alles gemacht hat, das hat Bellmann nie irgendwo notiert. Bedauernd klingt es nicht, wenn er das als Satz fallen lässt. Denn dass er keine Erinnerungen schreibt, das steht für ihn fest. Anderes schon: "Die größte Freiheit im Beruf hat man als Regisseur." So kam Bellmann denn auch zum Inszenieren. Das Gebäude eines Stückes im Kopf konstruieren und überlegen, wie man es umsetzt, Szenen auseinandernehmen, Figuren bauen und mit Schauspielern arbeiten, das ist für ihn der Reiz. "Ich war sicher nicht so einfach als Regisseur", sagt er im Blick zurück, "fordernd und ein bisschen ungeduldig."

Er inszenierte im Theater, drehte in den 80ern vier Filme fürs Fernsehen ("Dornröschen", "Der Hase und der Igel", "Gavroche"), Die verzauberten Brüder"), machte Hörspiele. Die Märchen-Stücke von Peter Ensikat hat Bellmann mit ebenso großem Vergnügen auf die Bühne gebracht, wie er Texte des Malers Karl Hermann Roehricht fürs Rang-Foyer im Opernhaus zum vergnüglichen Abend verknüpfte.

Zwölf Mal besorgte Bellmann Programme der "Pfeffermühle" - als kabarettistisches Theater. Sein Vorsatz: "Es sollte niemand auf der Bühne stehen und den Text aufsagen. Ich wollte Spektakel machen, die Szenen pointiert auflösen, im Sinne Loriots."

Einige Male holte die Defa den Schauspieler Bellmann - von "Die Abenteuer des Werner Holt" über "Lachtauben weinen nicht" bis "Solange Leben in mir ist" und "Jadup und Boel". Die Karriere dort blieb allerdings, wie Bellmann sagt, "überschaubar". Einen gewissen Reiz hat er trotz allem in jeder Rolle gesehen. Auch in Professor Simoni, der als Teil einer Serie festgelegt ist. Da kann man wenig ändern. Da muss sich der Regisseur angesichts angespannter Zeitgrenzen auf jeden Schauspieler verlassen, dass es einfach läuft. Da war Bellmann eben der Profi.

Vor dem Klinik-Serien-Ruf hatte er eine nicht leichte Entscheidung getroffen: Er kündigte nach 30 Jahren am Leipziger Schauspielhaus - aus Theatermüdigkeit, aus Unzufriedenheit, auch, weil er andere Angebote nicht annehmen konnte. Ein Sprung ins kalte Wasser. Zwei Inszenierungen hatte er noch für die Zeit danach, mehr nicht. Da kam das Simoni-Angebot. Ein Glücksfall.

Einen Wunsch hat Bellmann am heutigen 75. Geburtstag, den er in einem Hotel im Allgäu verbringt, allerdings noch: einen unbeholfenen, ahnungslosen Kommissar. So wie Peter "Columbo" Falk. Also etwas Komödiantisches für den Komödianten Bellmann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.07.2015

Norbert Wehrstedt

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Von Redakteur Norbert Wehrstedt

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