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Die unsichtbare Kamera - Der gebürtige Pirnaer Filmemacher Kohlert wird 75. Jahre alt

Die unsichtbare Kamera - Der gebürtige Pirnaer Filmemacher Kohlert wird 75. Jahre alt

Das noble Diktum, er gehöre zu den "Stillen im Lande", ist natürlich ein Klischee. Wiewohl Werner Kohlert die großen Gesten scheut, ist er ein selbstbewusster Mann, der genau weiß, was er will - sonst hätten solche Filme, wie er sie im Laufe seines langen Berufslebens vorgelegt hat, nicht entstehen können.

Auch mit Größen ihrer Branche wie Jürgen Böttcher (Strawalde), Gerd Westphal, Günter Baby Sommer etc. arbeitet man nicht mal eben so zusammen.

Erfolg freilich ist etwas anderes. Den hatte Kohlert - um seine Geschichte von hinten zu beginnen - noch einmal ganz unerwartet mit dem letzten seiner ca. 40 Filme. Vor fünf Jahren erschien "Dresdner Interregnum 1991", ein 60-Minuten-Zusammenschnitt seiner im Auftrag des Kulturamtes entstandenen Dokumentaraufnahmen vom Nachwende-Dresden, der dem Filmtheater Ost 2009/10 über Monate ausverkaufte Vorstellungen mit Tausenden von Zuschauern brachte. Für die Stadtgesellschaft wurde die Wiederbegegnung mit der eigenen desolaten Herkunft zum Ereignis - für den Filmemacher der wundersame Ansturm zu einer späten Bestätigung.

Dabei hatte sich Kohlert doch scheinbar längst eingerichtet in seiner Klassiker-Nische: Sein Schiller, sein Goethe, sein Herder, sein Schinkel. Vordergründig ist das auch so. Werner Kohlert hat sich mit den großen Geistern der deutschen Klassik beschäftigt wie mit keinem anderen Stoff. Er hat ihn variiert und verfeinert und zu einer regelrechten Lebensarbeit gemacht. Wer einmal das Glück hatte, das Ergebnis seiner zweiten großen Leidenschaft, des Büchersammelns, bestaunen zu dürfen (die wahrscheinlich bedeutendste Dresdner Privatbibliothek der deutschen Klassik), ahnt etwas von der universellen Energie dieses Filmemachers. Wer seine Filme genauer kennt, weiß das eh. Waren der Geburtstagsfilm für Schinkel von 1980 und der über Goethes Italienische Reise von 1981 in ihrer Solidität noch ein bisschen konventionell (unser großes Staunen in Rom), zeigen sein Herder-Film von 1994 und sein Goethe-Porträt von 1999 (beide jeweils zum 250. Geburtstag) einen souveränen Regisseur und perfekten Kameramann mit einer verfeinerten Gesamtdramaturgie, wie sie nur entstehen kann, wenn alles in der einen, lebenslang trainierten Hand liegt. Noch verblüffender ist dieser filmische Eigenwille zu bewundern in seinem Schiller-Film von 2005, der, gegen allerlei Klischees gebürstet, zugleich von intimer Werkkenntnis getragen ist und vom Entree an immer neue eindrucksvolle Bilder findet - z.B. wenn am Schluss Eberhard Esche Goethes Epilog zu Schillers Glocke in das knarrende hölzerne Bühnenräderwerk von Bad Lauchstädt hinein spricht; untermalt von Günter Baby Sommers mahnenden Percussionsrhythmen. Solche suggestiven Bildfindungen gehören zu Höhepunkten für Cineasten und sind das Gegenteil von Nische. Auch Filmkunst kommt von Können.

Dieses Können brauchte Anlauf. 1939 in Pirna geboren, betreibt der junge Mann, von Eisenstein fasziniert, erste eigene Experimente im Amateurfilmstudio seiner Heimatstadt. Einer Lehre als Filmfotograf im DEFA-Kopierwerk Berlin mit fürchterlichem Heimweh folgt eine Kamera-Assistenz im Trickfilmstudio Dresden. Ab 1962 beginnt ein reguläres Studium an der Hochschule für Filmkunst Babelsberg. Danach wird er 1966 auf Grund seines guten Diplomfilmes Kameramann am DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Wichtige Regisseure, die ihn fördern und fordern sind u.a. Karl-Heinz Mund und die Vielfachbegabung Jürgen Böttcher, der als Strawalde in der bildenden Kunst damals schon ein Geheimtipp ist. Für wichtige Strawalde-Filme von "Arbeiterfamilie" bis "Wäscherinnen" ist Kohlert der Kameramann - gute Zeiten für einen Mann des Auges und des Kopfes. "Sich selber unsichtbar zu machen" wird zu seinem Credo.

Die 70er also werden zu den eigentlichen Lehr- und zugleich Distanzierungsjahren. Die DEFA, die primär fürs Kino arbeitete aber auch Zulieferer fürs ideologisch stark reglementierte DDR-Fernsehen war, hatte Normen zu erfüllen, bot aber zugleich Freiräume, die das Fernsehen nicht hatte. Kohlert hat wie andere gelernt, sie listenreich zu nutzen. "Das humanistische Erbe" war Leer- wie Lehrformel, und mit einer gewissen Folgerichtigkeit kam Kohlert mit seinem Anspruch deshalb schon früh zur Regie. Erste eigene Filme entstanden ab 1973: über eine Ausstellung japanischer Kunst in Berlin, die Sächsische Schweiz, die Reparaturbrigade eines Zementwerkes (nicht unbedingt Kohlerts Ding) und Albert Einstein zum 100. Geburtstag. In den 80er Jahren folgten filmische Porträts über den Maler Albert Ebert, über Ludwig Richter und Tucholsky, Lenné und Meißner Weinbau. Nach der Auflösung der DEFA 1991 und einem deprimierenden Jahr völliger Unsicherheit vermittelte Konrad Weiss den integren Regisseur an das Landesfunkhaus Thüringen des MDR. Hier konnte Kohlert in der Folge zahlreiche Magazinbeiträge und die schon zitierten großen Projekte über Goethe, Schiller und Herder realisieren. Zusammenarbeit solcher produktiven Art gibt es für ihn heute nicht mehr.

Vielleicht, weil er so wenig Aufhebens um sich macht, sind die komplexen Qualitäten des Filmemachers Werner Kohlert über einen kleinen Insider- und Verehrerkreis hinaus wenig bekannt geworden; vielleicht auch, weil sie nur selten im TV zu studieren waren (über die Qualitätsansprüche des heutige MDR-Fernsehens wollen wir nicht reden). Aber eigentlich können wir uns alle zu diesem unprätentiösen Interpreten deutscher Kulturgeschichte nur gratulieren. Und ihm zu seinem respektablen Geburtstag natürlich auch.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.07.2014

Hans-Peter Lühr

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