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Der große Auftritt – DNN-Mitarbeiterin als Komparsin beim ZDF

Filmdreh in Dresden Der große Auftritt – DNN-Mitarbeiterin als Komparsin beim ZDF

Einmal in einem Film mitspielen. Einmal Teil eines großen Ganzen sein. Einmal im Rampenlicht stehen, wenn auch nur im Schatten eines Baumes. Die schillernde Filmwelt mit Stars und Sternchen – so wird sie dem Publikum zumindest präsentiert. Für zwei Tage hängte ich meinen Beruf als Redakteurin an den Nagel, um Komparse zu werden.

 
 

Quelle: ©Anja Schneider 2016

Dresden.  Einmal in einem Film mitspielen. Einmal Teil eines großen Ganzen sein. Einmal im Rampenlicht stehen, wenn auch nur im Schatten eines Baumes. Wie viele junge und ältere Menschen wünschen sich das wohl? Die schillernde Filmwelt mit Stars und Sternchen – so wird sie dem Publikum zumindest präsentiert. Für zwei Tage hängte ich meinen Beruf als Redakteurin an den Nagel, um Komparse bei einem ZDF-Krimi, der in Dresden spielt, zu werden. Ich war Kirchgänger, Passant, Student, die Freundin eines Wildfremden - und das meist alles gleichzeitig. Was ich am Set erlebte, hat mit Glanz und Gloria aber nichts zu tun.

Erster Drehtag. 9 Uhr soll ich an der Kreuzkirche sein. Pünktlich schiebe ich die schwere Tür auf. Im Altarraum tummeln sich zahlreiche Menschen. Es geht hektisch zu. Nach mehreren Nachfragen werde ich in einen Hinterraum geschickt. Da sitzen acht andere Komparsen. Wovon der Film handelt und welches Genre er bedient, weiß hier keiner. Die Pressemitteilung in der Tasche, kann ich aushelfen. Drei Tage wird ein Samstagskrimi namens „Dresden Mord“ mit den Hauptdarstellerinnen Anja Kling und Lisa Tomaschewski in Dresden gedreht. Das ungleiche Mutter-Tochter-Gespann ermittelt in einem Mordfall und gerät in einen Sumpf aus Erpressung, Lüge und Doppelmoral. Vier Szenen entstehen in Dresden. Das Team ist zu Gast an bekannten Orten wie der Kreuzkirche, der Brühlschen Terrasse oder dem Schlossplatz. Der Rest des Dresdner Krimis wird komplett in Berlin gefilmt.

Viele der Komparsen sind freiberuflich tätig. Wenn man sie nach ihren Beweggründen fragt, kommt oft dieselbe Antwort. „Einmal im Tatort mitspielen. Das wäre toll.“ Die Frage nach dem Warum wird meist nicht beantwortet. In dem Hinterraum, wo ich mit den anderen Komparsen spreche, gibt es Verpflegung. Mit klarer Trennung. Belegte Brötchen mit Wurst, Käse und Salat für die „wichtigen“ Schauspieler, lasche Toastschnitten mit einer Scheibe Wurst ohne Butter für die Komparsen. War wohl die richtige Entscheidung, morgens ausgiebig zu frühstücken.

Ein zehnköpfiges Streichorchester der Musikhochschule Dresden wird in zum Altarraum zum Dreh gebeten. Waren die Räume bisher noch vom Summen der vielen Stimmen beherrscht, spielen sich jetzt seltsame Szenen ab. Im Raum steht eine Dame, die immer wieder „Wir drehen!“, „Aufnahme!“ und „Pause!“ ruft. Oder irgendetwas anderes. Im Zweifelsfall versteht man das nicht. Klar ist: Wenn gedreht wird, darf nur noch geflüstert werden. Durch den ständigen Wechsel von Dreh und Pause entsteht ein Auf und Ab der Gespräche. Immer wieder werden sie laut, dann wird flüsternd weitergesprochen. Surreal.

10 Uhr. Nach einer Stunde des Wartens werden die Komparsen in die Kirche geholt. Nebeneinander werden wir auf einer Kirchenbank aufgereiht. Der Regieassistent erklärt uns, dass wir Zuschauer der Musiker im Altarraum sein sollen. Das Orchester wird während der Aufnahme so tun, als ob es spielt. Zwei Stücke von Mozart und Haydn wurden vorher aufgezeichnet. Nun gut, die Musiker tun so, als ob sie spielen und wir tun so, als ob wir zuhören. Eine komische Szenerie. Der Regieassistent schaut in die ahnungslosen Gesichter. Wie ein Requisit wird man zugeteilt. Gefühlt hat man den Stellenwert einer Lampe. Ich bekomme einen jungen Herrn an meine Seite. Wir sollen ein Pärchen sein. Nett lächeln, ansehen, klatschen, aufstehen und gehen. Klare Ansage.

Noch bevor wir proben können, stellt sich ein grauhaariger Mann in den Altarraum und sagt, dass der dreitägige Dreh vorerst abgebrochen wird. Die Erklärung ist simpel. Die Dreharbeiten zu dem Krimi haben im Herbst begonnen. In Dresden lag an meinem ersten Tag als Komparsin Schnee. Der Außendreh ist damit gestorben, denn es muss herbstlich aussehen. Ich frage mich wirklich, ob der Wintereinbruch dem Team erst heute aufgefallen ist. Seit einer Woche liegt in Dresden Schnee. Die Summen für die Produktion eines Filmes gehen in die Millionenhöhe. Und dann scheitert es am Winter?

Zweiter Drehtag, zwei Wochen später. 9.30 Uhr. Es ist nasskaltes Wetter. Die Komparsen, deren Gesichter gewechselt haben und deren Zahl sich auf 14 erhöht hat, werden in einem Lkw-Anhänger gesammelt. Von der Komparsenbetreuerin wird uns gesagt, dass es bald losgeht. Eine Stunde vergeht. Zwei Personen vom Kostüm kommen in den Wagen. Sie nehmen jeden Komparsen genau unter die Lupe und beurteilen das Outfit. „Das ist zu bunt. Der Schal muss ab. Hast du noch eine andere Jacke dabei?“ Abermals fühlt man sich wie ein Requisit, dessen Aussehen man nach Belieben ändern kann. Nach dem Umkleiden auf Wunsch laufen wir gemeinsam von der Kreuzkirche zur Brühlschen Terrasse. Das Team und die Hauptdarstellerinnen werden mit dem Auto gefahren. Die Stimmung unter den Komparsen ist gut. Vorfreude schwingt in den Gesprächen mit. Wir spielen nur eine kleine Rolle, aber wir spielen wenigstens eine.

An der Brühlschen Terrasse angekommen, ist es sehr windig und kalt. Wir werden im Eingang der Festung Dresden untergestellt, denn es beginnt zu regnen. Wir müssen warten. Die Crew hat sich verfahren. Fälschlicherweise sind sie zum Schlossplatz gefahren. Wenigstens haben die Komparsen ein Dach über dem Kopf, auch wenn sie den Eingang der Festung für Besucher blockieren.

Die Crew braucht anscheinend länger. Wie lange genau, das weiß keiner. Weiter stehen die Komparsen in der Kälte herum. Ungeduldig ist hier offenbar niemand außer mir. Das sprichwörtliche Beine in den Bauch stehen passt hier wie die Faust aufs Auge. Eine weitere Mitarbeiterin kommt vorbei, wechselt Taschen der Komparsen aus oder drängt ihnen welche auf. Es soll ja alles real und authentisch sein. Menschen in der Stadt tragen nun einmal grundsätzlich Taschen. So will es das Drehbuch.

Es kann endlich losgehen. Die Komparsen werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die einen kommen auf die Kamera zu, die anderen gehen von ihr weg. Im Fokus sind Anja Kling und Lisa Tomaschewsky. Mit meinem neuen Freund auf Zeit, einem Bildhauer-Studenten der Hochschule für Bildende Künste, werde ich auf einen Punkt gestellt, den wir uns merken sollen. Jeder bekommt seine Rolle. Zwei junge Damen am Geländer machen Selfies, ein junger Mann eilt schnell an der Kamera vorbei, mein Partner und ich schlendern gemütlich. Wir sollen miteinander sprechen und uns anlächeln. Wie im echten Leben. Der Clou daran: tatsächlich sprechen dürfen wir nicht. Das würde man auf den Aufnahmen hören und da haben nur Hauptdarsteller Stimmen. Requisiten sprechen eben nicht.

Eine halbe Stunde stehen wir an dem Punkt, an dem wir abgestellt wurden. Das Team ist da, die Schauspieler auch. Die Komparsenbetreuerin kommt vorbei. „Anscheinend gibt es Probleme mit dem Text. Die Schauspieler üben noch“, sagt sie. Unverständnis macht sich breit. Inzwischen stehen wir fast seit zwei Stunden in der Kälte und die Schauspieler müssen noch den Text proben? Da ist sie wieder, die schöne Filmwelt.

Nach weiteren endlosen Minuten des Wartens soll der Dreh nun gestartet werden. Zu unserem Glück beginnt es zu regnen. Alle ziehen die Kapuzen hoch. Die Kälte kriecht langsam in den Körper. Der Fremde und ich stehen nur wenige Meter hinter den Hauptdarstellerinnen. Wir müssen das gut machen, denn wir sind bei der Aufnahme direkt im Bild. Das wird uns gesagt. Wir müssen allerdings schon in Bewegung sein, wenn die Kamera dreht. Ein lautes „Komparserie bitte!“ schallt über die Brühlsche Terrasse. Unser Startzeichen. Wir laufen los und unterhalten uns pantomimisch. Es ist so surreal. Auf gar keinen Fall darf man in die Kamera schauen. Das wurde uns nun mehrmals eingetrichtert. Schlendernd, stumm redend, lachend verschwinden wir aus dem Bild und andere Komparsen werden losgeschickt. Deren Rücken sehen sicher toll aus im Fernsehen.

Alles auf Anfang. Wir gehen an den Startpunkt und laufen auf Ansage wieder los. Führen zahlreiche imaginäre Gespräche ohne Ton. Der Regen hat nicht aufgehört und wir können uns nicht dagegen schützen. Die Kapuzen dürfen wir nur aufsetzen, wenn die Kamera aus ist. Es stellt sich nur eine Frage: Warum? Antwort: Im Film regnet es nicht. Inzwischen frage ich mich, ob ich nicht nur in einer Scheinwelt, sondern auf einem anderen Planeten bin. Es muss Herbst sein im Film. Und es darf nie regnen. Diese Umstände zu inszenieren ist ein großer Aufwand. Am Ende der Szene, die es gerade zu drehen gilt, steigen die Hauptdarstellerinnen in einen Wagen. Der wird vor jeder neuen Aufnahme mit Tüchern abgewischt, weil es ja gerade nicht regnet. Nicht im Film. Nach einer weiteren Stunde sehen die Komparsen aus wie begossene Pudel. Es ist kalt, die Klamotten nass. Der Zuschauer könnte denken, kurz vor der Aufnahme gab es einen Wolkenbruch. Alles ganz authentisch und echt.

Nach den Aufnahmen an der Brühlschen Terrasse bin ich fast schon glücklich, den Beruf wieder zu wechseln. Die Komparsen dagegen haben noch einen langen Tag vor sich. Bis 20 Uhr dürfen sie in der Kälte stehen und sich immer wieder verwandeln. Mein persönliches Fazit: Das Komparsenleben ist hart und anstrengend. Man wartet stundenlang darauf, dass man eine Sache unzählige Male wiederholen darf. Für höchstens 10 Sekunden Ruhm im Schatten der Hauptdarstellerinnen. In einem deutschen Film, der in Dresden spielt und in Berlin gedreht wird. Glanz und Gloria adé.

Von Juliane Just

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