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Defa-Klassiker "Jeder stirbt für sich allein" wird mit Emma Thompson und Daniel Brühl neu verfilmt

Defa-Klassiker "Jeder stirbt für sich allein" wird mit Emma Thompson und Daniel Brühl neu verfilmt

Immer wieder. Wohl an die zehn Mal. Mit Filzhut und langem, dickem Mantel, entlang an einer rostbraune Fassade, Leute in grauen Klamotten machen ihr Platz.

Emma Thompson läuft.

Dann sagt Vincent Perez, Schiebermütze, Sonnenbrille, Sakko, der Mann neben der Kamera, endlich: "Perfect!" Das war's. Für den Augenblick. Nach der Mittagspause geht es weiter in Görlitz. In der Stadt, die schon fürs "Grand Budapest Hotel" (Oscar 2015) die Haupt-Kulisse lieferte, läuft wieder die Kamera - fürs nächste Prestigeprojekt.

Die deutsche Firma X-Filme ("Das finstere Tal") verfilmt "Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada: Die Geschichte des Berliner Ehepaars Quangel, das 1940, als der Sohn gefallen ist, beginnt, Postkarten gegen Krieg und Führer zu schreiben - bis sie verraten werden. Eine authentische Geschichte. 1946 brachte Johannes R. Becher die Akte von Otto und Elise Hampel zu Fallada nach Feldberg. Der schrieb in knapp vier Wochen das bewegende Melodram über den Widerstand einfacher Leute. Drei Filmversionen gibt es bislang davon, Hans-Joachim Kaszprik drehte 1970 fürs DDR-Fernsehen die gelungenste - mit Erwin Geschonneck und Else Grube-Deister.

X-Film-Produzent Stefan Arndt hat heute natürlich den internationalen Markt im Blick. Also sind Emma Thompson ("Harry Potter", "Eine zauberhafte Nanny", "Saving Mr. Banks") und Brendan Gleeson ("Harry Potter", "The Guard", "Am Sonntag bist du tot") Anna und Otto Quangel, Daniel Brühl spielt den Gestapomann Escherich (im DDR-Fernsehen war's Wolfgang Kieling).

Die Görlitzer Leipziger Straße tauchte gestern tief ein in die Vergangenheit. Gruppen von BDM-Mädchen, Jungen in HJ-Kluft, Männer in Arbeitskleidung, Anzügen und mit Hut, Frauen in gedeckt farbigen, schweren Kleidern, Litfaßsäulen mit plakatierten Versprechungen, dass die Jugend dem Führer dient, Verboten für Juden und jeder Menge Anzeigen, ein Glaskasten mit Varieté-Fotos und viele schwarze Autos auf dem Pflaster der Straße vor jener Sarg-Fabrik, in der Otto arbeitet und an der Anna Quangel so oft vorbei hasten muss.

Fast die Hälfte der 53 Drehtage bis Anfang Juni finden in Görlitz statt. Produzent Stefan Arndt schwärmt von der Authentizität der Stadt - und von der Hilfsbereitschaft der Behörden. Oberbürgermeister Siegfried Deinege erlaubte es zum Dreh sogar, in der Emmerichstraße, in der das Wohnhaus der Quangels liegt, 50 Meter Asphalt abzutragen. Damit die Pflastersteine das echte Straßenbild der 40er Jahre entstehen lassen. In einem leer stehenden Gebäude mit engen, niedrigen Räumen in der Emmerichstraße, die im Film zur Jablonskistraße wird, wurden komplette Wohnungen eingebaut: die der Quangels, die einer Jüdin, die eines Ex-Gerichtspräsidenten, der noch an Gerechtigkeit glaubt, und die zweier Nazifamilien. Die eine ist stramm und überzeugt, die andere einfach nur Mitläufer aus dem proletarischen Milieu. "Damit zeigen wir lebensecht die sozialen Verhältnisse jener Zeit in einem Haus", sagt Stefan Arndt. Ein für die Geschichte zentrales Motiv liegt auch in dem Gebäude: das Treppenhaus.

Die Idee zur Neuverfilmung von "Jeder stirbt für sich allein" hatte der Schweizer Schauspieler und Regisseur Vincent Perez ("Cyrano de Bergerac", "Die Bartholomäusnacht", "Fanfan der Husar"). Der war auf den Roman gestoßen, als er vor zehn Jahren überraschend in den USA, Großbritannien und Frankreich zum Bestseller wurde. Stefan Arndt: "Ich hatte ihn als Elfjähriger gelesen - und geglaubt, dass es ein Kinderbuch wäre." Dann kam Vincent Perez. "Eigentlich ist es ja auch eine Liebesgeschichte", korrigiert Stefan Arndt sich jetzt. Die alten Verfilmungen hat sich Stefan Arndt allerdings nicht angesehen: "Wir wollen doch was Neues machen." Das soll dann Mitte 2016 weltweit in die Kinos kommen, als "Alone in Berlin".

Regisseur Vincent Perez und sein Star Emma Thompson, die sich gestern direkt am Set ins Goldene Buch der Stadt eintrugen, hatten nur Zeit für ein paar kurze Sätze. Der Regisseur schwärmte von der Stadt, Emma Thompson von ihrem Hotelzimmer: "Durch die Fenster höre ich das Geflüster der Stadt - und kann wunderbar einschlafen." Einiges Geflüster auch unter den gut 200 Komparsen, die für "Jeder stirbt für sich allein" im Einsatz sind, besonders über den vorhergehenden Tag. Da wurde im Film der Sieg Deutschlands über Frankreich gefeiert - mit einer Batterie knallroter Hakenkreuzfahnen. Dass auch das richtig authentisch aussieht, dafür unterstützte die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) aus Leipzig die Produktion mit 600000 Euro. Parallel zum Kinodrama dreht X-Filme eine Dokumentation über Otto und Elise Hampel, die Buchvorbilder, die dann im Vorfeld des Filmstarts im Fernsehen laufen soll. Der RBB und Arte haben Interesse am Schicksal des Proletarier-Paares signalisiert, das 273 Flugblätter mit der Hand schrieb und verteilte. 268 wurden bei der Gestapo abgegeben. Stefan Arndt: "Die fünf, die nicht abgegeben wurden, die sind ihr Sieg."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.05.2015

Norbert Wehrstadt

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