Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Google+
Das wahre Leben - Das vergessene Doku-Tagebuch der DDR erstmals erschlossen

Das wahre Leben - Das vergessene Doku-Tagebuch der DDR erstmals erschlossen

Es gibt Kürzel, mit denen einfach nichts anzufangen ist, die einem noch nirgends begegnet sind. Wie SFD. Eine zugegeben nicht sehr tief gehende Internetsuche fördert im deutschsprachigen Raum Eigenartiges zu Tage.

Schwarze Filmschaffende in Deutschland wird als Erklärung ebenso geboten wie Stadtfernsehen Dreieich. Über die Lösung, auf die ich in diesem Fall gehofft hatte, schweigt sich zumindest Wikipedia aus. Das könnte aber schon in wenigen Tagen anders sein. Wenn der Dokumentarfilm "Der heimliche Blick - Wie die DDR sich selbst beobachtete" das erste Mal öffentlich gezeigt worden ist, zum Beispiel. Ein Film, der sich sehr detailliert mit der Arbeit der SFD befasst: der Staatlichen Filmdokumentation, einem bis heute nur wenigen Experten bekannter Bereich der DDR-Filmproduktion.

Material für eine lichte Zukunft, die niemals kommen sollte

Besagter Dokfilm von 45 Minuten Länge wird am Montag zum ersten Mal zu sehen sein, in der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Der erste Sendetermin im Fernsehen steht ebenfalls bereits fest: 17. März im rbb. Weitere dürften in den anderen ARD-Sendeanstalten folgen, vor allem natürlich im Osten, wo die Neugier auf die Vergangenheit immer noch wesentlich größer scheint als die auf die Zukunft.

Filme drehen, aber nicht für die Öffentlichkeit, sondern fürs Archiv, "für die Büchse" - das war, kurz gefasst, die Aufgabe der Staatlichen Filmdokumentation. Filme über den Alltag in der DDR, unverstellt, ungeschönt, ungeschminkt. All das eingebettet ins Sehnen der Parteioberen nach einer lichten kommunistischen Zukunft. Denn erst dann, wenn diese Zukunft Gegenwart geworden wäre, sollte den kommenden Generationen das Filmmaterial bezeugen, welche Schwierigkeiten es einst zu überwinden galt beim Aufbau von Sozialismus und Kommunismus. Diese Schwierigkeiten sind tatsächlich bestens festgehalten, auf ungefähr 300 Filmen, die zwischen 1970 und 1986 entstanden. In dieses Konvolut, das bisher nur teilweise restauriert und digitalisiert worden ist, tauchten die Macher von "Der heimliche Blick", Thomas Eichberg und Holger Metzner, tief ein. Verschwundene Filme, die wiederum einen verschwundenen Staat dokumentieren. Aufgenommen überwiegend in Schwarz-Weiß und auf 16 Millimeter.

Um alles ein wenig einzuordnen, hilft dabei vielleicht ein kleiner Exkurs in die Geschichte der DDR. Das berüchtigte 11. Plenum des Zentralkomitees der SED sorgte 1965 für verheerende Einschnitte (es jährt sich in diesem Dezember also zum 50. Mal; ein Jahrestag, der wohl auch noch eigenwillige mediale Berücksichtigung erfahren wird). In der Folge des Plenums wurden Bücher, Stücke, Filme, Musik verboten. Schriftsteller und Filmemacher wurden von der Partei gebrandmarkt, weil sie in ihrer Arbeit Widersprüche thematisierten, die es in der DDR eigentlich gar nicht geben sollte - wie zum Beispiel Werner Bräunig, der für seinen vorab gedruckten Romanauszug "Rummelplatz" heftig angefeindet wurde (der Roman wurde schließlich 2007 bei Aufbau erstmals verlegt und gefeiert wie nur wenige Bücher der deutschen Nachwendeliteratur; Bräunig war schon 1976 gestorben). Die einzige, die sich 1965 beim Plenum in einer Wortmeldung gegen die Parteiführung stellte, war Christa Wolf. Erst knapp sechs Jahre später, mit der Ablösung Walter Ulbrichts durch Erich Honecker, setzte wieder so etwas wie eine Liberalisierung mit Blick auf die Kunst ein, selbst wenn dieses Wort in einem DDR-Kontext meist seltsam deplatziert wirkt. Exakt in diese Zeit leise aufkeimender Hoffnung fällt auch die Gründung jener ominösen SFD, die aus einer Idee des damaligen Direktors des Staatlichen Filmarchivs der DDR Wolfgang Klaue hervorgegangen war.

"Ich kann mich erinnern, wie Thomas gesagt hat: 'Unsere Filme werden zwar heute nicht gezeigt, aber bestimmt in hundert Jahren'", erzählt Kameramann Peter Badel über seinen Kollegen Thomas Heise. Beide arbeiteten für die SFD - Heise ist heute ein bekannter und anerkannter Dokumentarfilmer, Badel Professor an der Filmuniversität Babelsberg. Damals landeten sie einen ganz besonderen Coup. Es gelang ihnen, eine Woche lang in einem Polizeirevier zu drehen ("Volkspolizei", 1985), nachdem Heise einen Mitarbeiter des Innenministeriums, der sozusagen als Vermittler zwischengeschaltet war, einfach überrumpelte. So entstand ein Blick ins Innere der tagtäglich agierenden Staatsgewalt. Sie setzten sogar versteckte Mikrofone in Räume, in denen sie nicht drehen durften - und erhielten so authentisches Audiomaterial. Darunter die "Belehrung" eines in den Augen der Polizisten dekadent aussehenden jungen Mannes, sich am bevorstehenden 1. Mai besser nicht auf der Straße blicken zu lassen. "Meine Kinder haben Angst vor so einem Typen wie Sie", lässt der Polizist den Jugendlichen wissen. Schließlich fliegt das SFD-Team doch auf, Drehverbot auf der Polizeiwache ist die Folge. Wer jetzt überrascht fragt: Mehr nicht?, dem sei geantwortet: Nein, tatsächlich nicht. Offenbar schützte allein die Tatsache, einer staatlichen Institution anzugehören.

Das Filmmaterial dürfte kaum die Nostalgiker bedienen

Doch wenig später ist das gesamte Projekt SFD sowieso am Ende: Geld- und Materialmangel, Streit, vor allem aber das offene Desinteresse von Seiten des Kulturministeriums waren die Gründe. Man schrieb mittlerweile schon die Mitte der 1980-er Jahre. Die DDR stagnierte nur noch, die Schwierigkeiten, die eigentlich hätten kleiner werden müssen, hielten sich einfach nicht an diese Planvorgabe, im Gegenteil. Ergo waren die von der SFD erstellten Filme nicht länger das Material für eine sonnige Zukunft, die sich so nicht einstellen wollte. Sie hielten vielmehr fest, was an Defiziten nicht kleiner wurde, vom Leben in abrissreifen Altbauten über Arbeitsszenen im Straßenbau bis hin zur Bestandsaufnahme der schwierigen Situation der freiberuflichen Puppenspieler. All das steht auch dafür, dass sich die SFD-Mitarbeiter fast immer offen ihren Gesprächs- und Filmpartnern gegenüber zeigten, Heimlichkeiten wie beim "Volkspolizei"-Film wohl die Ausnahme waren.

Es sind Bilder weit abseits dessen, was Nachrichtensendungen in der DDR zeigen, über Elend, Einsamkeit, Wohnungsnot. Während die allabendliche halbstündige "Aktuelle Kamera" immer mehr in eine Jubelpose über erfüllte Pläne und den unaufhaltsamen Aufbau des Sozialismus verfällt, nehmen die SFD-Teams mit ihren Kameras etwas ganz Anderes auf: die wahre, die wirkliche DDR mit den Nöten und Befindlichkeiten derer, die sich in ihr einzurichten versuchen.

Als ich den Dokumentarfilm "Der heimliche Blick" zum ersten Mal sah, drängten sich unwillkürlich Bilder auf, die damals von Fotografen wie Harald Hauswald oder Christian Borchert aufgenommen worden waren. Das Drastische und Unmittelbare ist sowohl den Fotos als auch den Filmaufnahmen eigen.

Thomas Eichberg, einer der Filmemacher, war im Bundesfilmarchiv auf die Rollen gestoßen, wie er erzählt. Er sei über den Namen eines Kameramannes gestolpert, der einst wissen ließ, für die Regierung zu arbeiten. Dann ergab eins das andere. Anne Barnert vom Berliner Institut für Zeitgeschichte hat die SFD-Bestände in einem eigenen Forschungsprojekt untersucht - auch das eine wichtige Vorarbeit für den nun entstandenen Dokfilm über die Dokfilmer.

Der vielleicht einzige Wermutstropfen: Alles ist Berlin-lastig. Was unter anderem mit dem begrenzten SFD-Benzin-Kontingent (70 Liter im Monat) zu erklären ist. Also dreht man vorrangig um die Ecke, im Prenzlauer Berg zum Beispiel.

Die Vergangenheit bekommt in den Aufnahmen eine fast unwirkliche Genauigkeit. Für Nostalgiker wohl eher nichts. Es fühlt sich an wie der Gegenentwurf zur Verklärung der DDR. Das Land war, das zeigen die Bilder, eine Art gesellschaftspolitisches Abenteuer, das in seiner kleinbürgerlichen Umsetzungsvariante von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Ein heimlicher Blick also? Ja und nein, tatsächlich beides. Denn die SFD, genauer gesagt ihre wohl nie das Dutzend überschreitende Zahl von Mitarbeitern, arbeitete (fast) immer mit offenem Visier. Andererseits fühlten sich wohl viele Beteiligte nur deshalb vor der Kamera so frei, weil sie wussten, dass diese Filme zumindest zu ihren Lebzeiten nie einem Publikum gezeigt würden. Eine geschlossene Situation, die gerade deshalb zur Offenheit einlud. Eine weitere Facette der DDR, die kaum in einem einfachen Satz erklärt werden kann.

Vorpremiere "Der heimliche Blick - Wie die DDR sich selbst beobachtet", Montag 19 Uhr, Landeszentrale für politische Bildung Dresden, Schützenhofstr. 36, tel. Voranmeldung unter 0351 / 853 18 15

am 17.3. ab 22.45 Uhr im rbb

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.02.2015

Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Medien

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr