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DVD Zeitschleifen - im Dialog mit Christa Wolf veröffentlicht

DVD Zeitschleifen - im Dialog mit Christa Wolf veröffentlicht

Während manche Nachrufe auf Christa Wolf sich selbst mit kaum hinterfragten Huldigungen überholt haben, andere unreflektiert an Wolfschen Lebensstationen entlang hangelten und im Verknappen eher ein diffuses Schlaglicht auf diese bedeutende deutsche Schriftstellerin warfen, geriet die offizielle Trauerfeier in Berlin am vergangenen Dienstag kurzzeitig noch einmal zur gern zitierten Veranstaltung.

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Günter Grass konnte es nicht lassen anzuklagen, dass "jener Mut zum Selbstzweifel, den Christa Wolf lebenslang im Übermaß bewiesen hat", denen abgehe, die sie nach 1990 regelrecht hingerichtet hätten. Ob diese Bemerkung in Richtung Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner - mit Aufforderung zur Entschuldigung - noch einmal hätte sein müssen, noch dazu an dieser Stelle, fragten sich viele. Außer Grass.

Wenige Wochen nach Christa Wolfs Tod erscheint die DVD "Zeitschleifen" in deutscher Erstveröffentlichung. Nur Unkundige vermuten dahinter einen Schnellschuss. Nur Skeptiker werden es unterlassen, sich eingehend mit ihr zu beschäftigen. Und jene, deren Bild der Wolf eh schon fertig ist, werden gleichsam an diesem 100-minütigen Film vorbeisehen. Die Offenen aber, die Neugierigen und Wachen, vor allem die Jungen, kommen um diese Dokumentation nicht herum. Denn sie zeigt die Autorin unverfälscht in Gesprächen mit ihrer schreiben-den Kollegin Daniela Dahn. Dass die Wellenlänge zwischen beiden stimmte, wird nicht verhehlt. Dass hier zwei Generationen wirklich miteinander sind, gleich gar nicht. "Im Dialog mit Christa Wolf" heißt der Film im Untertitel. Entstanden ist er 1990 -

Daniela Dahn schrieb zusammen mit Regisseur Karlheinz Mund an einem Drehbuch, das die damals der Öffentlichkeit gegenüber immer skeptischer werdende Wolf zentral behandeln würde. Addierte Fotos und bewegte Bilder aus den rauen Tagen des Herbstes 1989 illustrieren zumeist nur. Am Ende essenziell sind Interviews mit der damals 61-Jährigen u.a. in ihrem Zuhause sowie Ton- und Filmdokumente aus den Monaten zuvor: Christa Wolf in der Untersuchungskommission, Christa Wolf beim Streitgespräch mit Kurt Biedenkopf, Christa Wolf vor dem DDR-Schriftstellerverband, beim Reden in der Erlöserkirche, bei Lesungen, mit dem sowjetischen Autor Lew Kopelew.

Aber auch dezente private Aufnahmen sind zu sehen, mit ihrem Mann Gerhard, den Enkeln. "Zeitschleifen" bringt zudem Ausschnitte aus Filmen nach Wolf-Texten bzw. einem eigenen Drehbuch: "Fräulein Schmetterling" blieb 1966 unvollendet und wurde erst 2005 als Fragment restauriert und veröffentlicht, "Selbstversuch" erschien noch 1989 mit Johanna Schall in der Hauptrolle.

Christa Wolf reflektiert. Die Kamera stört sie nicht beim Veräußerlichen eines inneren selbstkritischen Dialogs, den sie - und zwar glaubhaft - in diesen Tagen, Wochen, Monaten geführt hat. Und Jahren. Denn Schritt für Schritt lotst sie den Zuschauer hin zur Chance nachzuvollziehen, weshalb sie irgendwann wusste, dass sie eben nicht "dasselbe will wie ihr". Womit die SED-Führung gemeint war. Was es an Nähe und fehlender Distanz in ihrem Leben gab, wusste Christa Wolf ebenso einzuschätzen wie das Maß an Beschädigungen. Für Ersteres bedurfte es der Vehemenz renommierter Schreiber beileibe nicht. Heute nicht, damals im Sommer 1990 nicht minder. Neue "Zeitschleifen", 20 Jahre später, hätten nur noch tiefer zielende Aussagen gebracht.

Die Wolf rang mit ihrer Ablehnung von Schlagwörtern der brisanten Zeit. "Basisdemokratie" ist ein solches. Dafür mochte sie "literarisches Volksvermögen" und "Graswurzeldemokratie". Sie genoss es, keine Sockelfigur mehr zu sein, wollte sich selbst "so scharf herannehmen wie andere", ihren eigenen "Störfall" ernst nehmen, sich nicht entschuldigen, sondern "nur sagen, wie es dazu kam". Spätestens, wenn Christa Wolf den Untergang der fragilen Widerstandskultur bedauert, ist der Film beim Betrachter im Heute.

"Zeitschleifen" mit seiner blassbunten oder schwarz-weißen Optik und seinem gewichtigen, am Ende zeitlosen Inhalt wurde vom Goethe-Institut durch die interessierte Welt geschickt und erlebte nach 1991 öffentliche Kinovorführungen. Jetzt ist er Teil der Dok-Reihe "Nach der Wende", die die Edition Salzgeber in Zusammenarbeit mit der Defa-Stiftung und dem defa-spektrum herausgibt. Ebenfalls gerade erschienen ist Volker Koepps "Kalte Heimat" von 1995.

"Zeitschleifen - Im Gespräch mit Christa Wolf", Edition Salzgeber

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.12.2011

Anne Daun

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