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Auf dem 24. Filmfest Dresden gewinnen Streifen übers Sterben und eine Frauen-Partei

Auf dem 24. Filmfest Dresden gewinnen Streifen übers Sterben und eine Frauen-Partei

Der Festival-Jingle klingelt noch in den Ohren. Er umrahmte alle 31 Programme des "Internationalen Short Film Festival". Aufklappende Matroschkas, wohin man schaute, selbst noch im Traum.

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Der Film "L'Oiseau Cachalot" handelt von einem walgroßen Wasservogel, der sich mit einem Mädchen anfreundet und gemeinsam mit ihm den Tag verbringt.

Quelle: PR

Der Auftrag: sechs Kurzfilmblöcke in vier Tagen. Der Sergio-Leone-Saal der Schauburg wurde zum Wohnzimmer, der Internationale Wettbewerb (IW) zum Lebensinhalt. Deshalb sei gleich zu Anfang erwähnt: All die anderen Beiträge, die Knete, der Ostwind, der Western in Wien, der R.E.M-Collapse mit Anton Corbijn-Ausstellung (DNN berichteten) oder diverse Tribute an lebende und schon tote Legenden - sie mögen fantastisch gewesen sein − man hörte Gutes aus allen Ecken −, doch es war schlicht zu viel für diese kurze Woche.

64 000 Euro Preisgeld

Aus 2222 Einreichungen aus 21 Ländern wurden 71 Filme allein für den Nationalen und Internationalen Wettbewerb ausgewählt, 64 000 Euro Preisgeld lockten Filmemacher sogar aus China und Kirgistan in die Dresdner Neustadt.

Genau wie Moderator Stefko Hanushevsky es im Kleinen Haus zur Preisverleihung anstellte, wird hier erst einmal die dramaturgisch wichtige Stimmung aufgebaut. Worum ging's in den weltweiten Filmen denn so? Um Politik eher nicht. Mit dem Wegfall des fürs Filmfest Cannes nominierten türkischen Beitrages "Silent" über das Verbot der kurdischen Sprache in einem türkischen Gefängnis verschwand einer von nur drei offensichtlich staatskritischen Filmen. Der zweite kam aus China, eine wilde Technikcollage namens "Clown's Revolution", in der ab und zu jemand Zettel vor die Kamera hielt mit zynischen Texten wie "Jeder Diktator ist ein Idealist" oder "Wir leben in Freiheit, wissen es nur nicht". Der dritte, ägyptische, Beitrag "The Water Wheel" war mit anderthalb Minuten etwas zu kurz, um die Handlung erkennen zu können, es ging aber auf jeden Fall um Gewalt und Unterdrückung. Regimekritische Lebenszeichen kommen erwartungsgemäß eher aus den Ländern, die a) ihre Regierung Regime nennen müssen und b) mit Problemen hadern, die nicht durch die unendlichen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung entstehen.

Es blieben 39 Filme, von denen einige − von den Franzosen und Briten mal abgesehen − existenzialistische Fragen aufwarfen. Die Themen Verlust und Tod feierten ihre eigene Filmfestgala, gleich drei Gewinnerfilme widmen sich dem Sterben des Ehepartners. "After Death" vom israelischen Regisseur Ari Gaitelband nahm den Goldenen Reiter für den besten internationalen Kurzspielfilm mit nach Hause (und war so begeistert, dass er der Festivalleitung empfahl, eine Partei zu gründen und in die Regierung einzusteigen). Gaitelband zeigt einen alten Mann, der um seine verstorbene Frau trauert, sich aber nicht an die traditionelle 7-Tage-Trauerregeln der jüdischen Glaubenswelt halten will. Realitätsnahe Bilder, kaum Handlung − ein Film für Menschen, die sich dem Thema nahe fühlen. Über die Entscheidung ließe sich durchaus streiten. Im Nationalen Wettbewerb entschied sich die Jury unabhängig davon ebenfalls für einen Film über den Tod der Ehegattin, nämlich für "Atropos" vom Leipziger Regisseur Philipp Neumann. Den mit 20 000 Euro höchstdotierten Filmförderpreis vom sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst überreichte Sabine von Schorlemer an Philipp Döring für "Nagel zum Sarg". Darin beichtet die Gattin erst ein paar Jahrzehnte später am Küchentisch den Mord an ihrem unheilbar erkrankten Mann (siehe Bericht über den NW). Im Internationalen Wettbewerb gab's noch einen, wunderschön optimistisch endenden Ehegattensterbefilm mit Gerard Depardieu und viele weitere Geschichten über das Verlieren geliebter Menschen.

Schöne, einfache Geschichte

Bei den Franzosen drehten sich die Verluste gern um die mondäne Liebesbeziehung, auch um die nichtvorhandene. Kaum ein Film ohne Sexszene, viel existenzialistisches Gerede, "arte" krönte einen davon, den Schweizer "A Quoi Tu Joues" von Jean Guillaume Sonnier, und fand, der Film veranlasse "den Zuschauer, sich selbst, die Gesellschaft, sein Verhältnis zu den Mitmenschen und seine Abhängigkeiten zu hinterfragen und sich mit dem geringen Spielraum für Widerstand gegen die Macht des Geldes auseinanderzusetzen". Andere fanden, es geht um einen Mann, der Zuneigung sucht und falsche Interessen findet. Manchem war der schräge Humor einiger Animationsfilmer lieber, der Goldene Reiter ging allerdings an das eher brave Stück "L'Oiseau Cachalot", den Film über einen walgroßen Wasservogel, der sich mit einem Mädchen anfreundet, gemeinsam mit ihm den Tag verspielt und keine Konkurrenz neben sich duldet. Wenn sich die Kleine etwa um ein Schaf kümmert, wird das danach beseitigt. Schöne, einfache Geschichte in unaufgeregten Bildern.

Die Jugendjury war nicht so kinderfreundlich in ihrer Entscheidung. Jurymitglied Steve Bache lässt durchblicken, dass sie auch "After Death" im Fokus hatte, sich aber relativ schnell auf den polnischen Beitrag "Frozen Stories" von Grzegorz Jaruszuk festlegte.

Wer unglücklich ist, gewinnt

Was für eine herrlich absurde Geschichte: Zwei unglückliche Menschen, die an einer Fernsehshow teilnehmen wollen, in der der unglücklichste Mensch gewinnt. Das Urteil: "Sterile Bilder, kalte Farben und ausdruckslose Gesichter finden sich zusammen zu einer warmherzigen Geschichte." Super auf den Punkt gebracht, Respekt für die 21 Jahre jungen Entscheider und Entscheiderinnen.

Nach der Verleihung auf die geforderte Parteigründung angesprochen, stellt Festivalleiterin Katrin Küchler übrigens klar, dass es diese schon längst gibt. Nämlich in Form ihres Girlpower-Dreierteams, in dem die unterschiedlichen Charaktere immer zu einer gemeinsamen Lösung hätten finden müssen, was manchmal nicht leicht gewesen sei. Passend zum inhaltlichen Fokus des Festivals ergänzte sie, dass sie freilich keine Partei im politischen Sinne seien. Und schon nächste Woche wird sie wieder ins Kino gehen, von wegen erst einmal Schnauze voll von Filmen. Schließlich ist das Ende des 24. Filmfestes zugleich der Beginn der Planung fürs 25., dem Vierteljahrhundertfestival für kurze Filme und lange Nächte. Hoffen wir, dass die Anzahl der Sonderprogramme die des Jahrgangs nicht noch einmal überschreitet.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2012

Juliane Hanka

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